Die Filme von Nick Cassavetes haben mit dem Erbe seines berühmten Vaters John Cassavetes mehr gemein, als es den Anschein hat. Man sollte sich den Blick dabei nicht von Pseudo-Gegensätzen wie Hollywood-Kino und Independent Filmmaking vernebeln lassen: Beide gehen in ihren Melodramen stets aufs Ganze, nehmen das Publikum in emotionale Geiselhaft und hoffen darauf, dass ihnen das Stockholm-Syndrom zur Seite springt. Mal funktioniert das, mal eher nicht, nur kalt lässt das Erlebte vermutlich keinen.
In seinem neuen Melodram "Beim Leben meiner Schwester" drückt der Sohn besonders heftig auf die Tränendrüse: Die Fitzgeralds gleichen einer Bilderbuchfamilie, bis ihre zweijährige Tochter an einer schweren Form von Leukämie erkrankt. Nachdem sämtliche Therapien erfolglos waren und Kate nur noch wenige Jahre zu leben bleiben, lassen die verzweifelten Eltern eine zweite Tochter im Reagenzglas zeugen, welche alle genetischen Voraussetzungen mitbringt, um ihrer älteren Schwester Blut, Stammzellen und Knochenmark zu spenden. Genau das geschieht dann auch, wobei die kleine Anna, von den Eingriffen abgesehen, in einem liebevollen Umfeld aufwächst. Als die Elfjährige ihrer Schwester jedoch eine Niere überlassen soll, nimmt sie sich einen Anwalt und versucht ihr Recht auf körperliche Selbstbestimmung einzuklagen.
Beim Leben meiner Schwester, Regie: Nick Cassavetes, USA 2009, 109 Minuten.
Auf dem Papier klingt die Handlung dieser Verfilmung von Jodi Picoults gleichnamigem Bestseller wie eine weit hergeholte Versuchsanordnung, in der moralische Fragen weniger erörtert als melodramatisch zugespitzt werden. Man kann sich geradezu vorstellen, wie Picoult die Themen am Reißbrett abhakt: kindliche Selbstbestimmung und staatliche Fürsorgepflicht, Stammzellenforschung und Designer-Babys und dazu das grundsätzliche Dilemma, inwieweit der Mensch den "Schöpfungsplan" eigenhändig umschreiben darf. Auf der Leinwand wird das alles jedoch erstaunlich lebendig, weil die Schauspieler (u.a. Cameron Diaz, Jason Patric, Abigail Breslin) nicht nur Thesen verkörpern und Cassavetes Gegenwart und Vergangenheit in seinen Rückblenden so geschickt ineinander fließen lässt, dass alles ständig in Bewegung zu sein scheint.
"Beim Leben meiner Schwester", Trailer. USA 2009
So tritt die juristische Ausgangslage hinter die Psychologie des ständigen Ausnahmezustands zurück: Cassavetes zeigt, welche Auswirkungen die Krankheit auf sämtliche Mitglieder der fünfköpfigen Familie hat, die sich auch als Erzähler zu Wort melden und einen vielsagenden indirekten Dialog führen. In einer besonders anrührenden Rückblende erlebt der todkranke Teenager mit einem gleichaltrigen Krebspatienten die erste Liebe und bekommt ein für ihre Rolle alles andere als selbstverständliches Eigenleben zugestanden. Sie erzählt davon, wie das Leben trotz und mit Krankheit weitergeht, und ist damit das realistische Herz des Films.
"Beim Leben meiner Schwester" erteilt uns keine moralische Lektion, sondern stellt eine ebenso einfache wie große Frage: Wie lernt man, einen geliebten Menschen loszulassen und den Tod als natürlichen Teil des Lebens zu akzeptieren? Weil es darauf keine allgemeine Antwort geben kann, bleibt Cassavetes klugerweise auf Augenhöhe seiner Figuren.