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"Birdwatchers": Im Kino-Reservat

Aus den Erzählungen der Guarani-Kaiowa hat Marco Bechis eine Geschichte entwickelt: "Birdwatchers", ein Kunstwerk aus dem brasilianischen Regenwald in absurder Synchronisation. Von Daniel Kothenschulte

Dekorativ nativ: Szene aus Birdwatchers.
Dekorativ nativ: Szene aus "Birdwatchers".
Foto: Marie Hippemeyer

Es gibt kaum ein stärkeres Bild für die Einsamkeit als das vom alten australischen Ureinwohner in Werner Herzogs Drama "Wo die grünen Ameisen träumen." Als letzter Überlebender einer Ethnie kennt er niemanden mehr, der seine Sprache spricht. Mit seinem Tod wird sie vollends untergegangen sein.

Auch "Birdwatchers", das Filmdrama vom Überlebenskampf der Guarani-Kaiowa Indianer in Brasilien, handelt vom Aussterben eines Volkes. Der italienische Regisseur Marco Bechis hat es überwiegend mit Laiendarstellern inszeniert, doch anders als in vielen Kinodramen über sterbende Kulturen spielen sie bei ihm die Hauptrollen.

Den Titel (und zunächst auch die Kameraperspektive) übernimmt der Film dagegen von seinen Nebenfiguren: Mit den "Birdwatchers", Touristen auf Vogelschau, nähert sich die Kamera einem scheinbar unberührten Naturraum im brasilianischen Regenwald. Das Naturvolk feuert hilflos ein paar Speere in Richtung des fremden Bootes, irritiert und verloren stehen die nackten, bemalten Menschen am Ufer. Wenig später ziehen sie wieder ab.

Birdwatchers, Trailer. Italien/Brasilien 2008

Und nehmen den spärlichen Lohn für ihr Schauspiel entgegen. Wer im Reservat lebt, ist angewiesen auf die Brosamen der Tourismus-Industrie und Tagelöhner-Jobs in den Farmen auf der anderen Seite einer Grenze, die viele von ihnen nicht mehr bereit sind zu akzeptieren.

"Birdwatchers" gehört zu einer seltenen Filmgattung, die Friedrich Wilhelm Murnau und Robert Flaherty mit ihrem Stummfilm "Tabu" geprägt haben. Im Spiel der Laiendarsteller nah an der ethnographischen Beobachtung gehalten, schafft die bildnerische Form zugleich kunstvolle Distanz.

Bechis hätte auch mit einer Wackelkamera drehen können und darauf vertrauen, dass man sie irgendwann nicht mehr bemerkt. Stattdessen zeigt er sich der abendländischen Bildtradition verpflichtet und führt in weite Landschaften, die zunächst dem romantisch geschulten Auge schmeicheln. Bis in ihrer Schärfe der Schrecken einzieht.

Ein junges Paar hat sich in den Bäumen erhängt, beerdigt wird es gleich darauf ohne viel Würde von den Älteren des Volkes. Eine Selbstmordwelle unter Jugendlichen hat diesen semidokumentarischen Spielfilm inspiriert. Mehr als fünfhundert Selbsttötungen sind in den letzten zwei Jahrzehnten verzeichnet worden, bis hin zu einem neunjährigen Kind.

Aus den Erzählungen der Guarani-Kaiowa hat Marco Bechis eine Geschichte entwickelt und sich für einen jugendlichen Protagonisten entschieden. In der Sehnsucht des Jungen, an der westlichen Popkultur teilzunehmen, ohne sein Volk zu verraten, pointiert Bechis einen kollektiven Identitätskonflikt.

Der Regisseur verfällt nicht in des alte Klischee von den Glasperlen und den falschen Segnungen einer globalisierten Kultur, sondern er nimmt diese Orientierungssuche sehr ernst. Er ist nicht wie Leni Riefenstahl, die betrauerte, dass "ihre Nubas" plötzlich T-Shirts trugen. "Birdwatchers" plädiert nicht für die Musealisierung einer ethnischen Urtümlichkeit. Was dieser Film jedoch einfordert ist die Würde einer Koexistenz, doch die Realität im brasilianischen Bundeststaat Mato Gross du Sol besteht eher aus Ausbeutung und Rassismus.

In der Selbstmordwelle lebt einer der größten Völkermorde der Geschichte weiter, die Eroberung Amerikas. Es ist ein schleichender Tod, den dieser Film zeigt, und doch feiert er auch eine Kultur des Überlebens, was sich auch im Umgang mit der Sprache niederschlägt.

Auch wenn dies vor allem ein Film der Bilder und Klänge ist, ist die Zweisprachigkeit ein wichtiger Teil der Konzeption. Erst wenn man die Guarani-Kaiowa ihre eigene Sprache sprechen hört, kommt man ihnen wirklich nahe.

Der deutsche Filmverleih "Pandora" sieht dies leider anders und hat den Film mit der Planierraupe eingedeutscht. Die Zweisprachigkeit wurde eliminiert, weil, so Verleihsprecher Björn Hoffmann gegenüber der FR, der Konflikt "nicht auf der Sprachebene" stattfinde. Ohnehin entscheide sich das deutsche Publikum, so Hoffmann, generell nicht für Originalfassungen. In diesem Fall könnte es das auch gar nicht: Lediglich in zwei Berliner Kinos bietet der Verleih zum Start untertitelte Fassungen an. Es ist schon paradox: Wer das Kino liebt, der muss zu Hause bleiben und auf die DVD warten. Auch die Filmkultur stirbt einen langsamen, schleichenden Tod.

Birdwatchers - Im Land der roten Menschen, Regie: Marco Bechis, Italien/Brasilien 2008, 108 Minuten.

Autor:  Daniel Kothenschulte
Datum:  15 | 7 | 2009
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