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"Borat" ist jetzt "Brüno": Sicher im schützenden Käfig

"Borat" Sasha Baron Cohen kämpft als schwuler Dandy "Brüno" scheinheilig gegen die Homophobie: Das Problem dieser Klamotte liegt dort, wo sie sich aufklärerisch gibt. Von Daniel Kothenschulte, ( mit Video)

Sacha Baron Cohen trifft mit einem Pferd zur australischen Premiere seines neuen Films Brüno in Sydney ein.
Sacha Baron Cohen trifft mit einem Pferd zur australischen Premiere seines neuen Films "Brüno" in Sydney ein.
Foto: dpa

Nach einer englischen Spruchweisheit sind die besten Dinge im Leben umsonst. Die Unterhaltungsindustrie mag das derzeit im Kampf gegen die Internetpiraten etwas anders sehen, aber immerhin waren es einmal die Beatles, die diese frohe Botschaft in alle Welt posaunten.

Für "Brüno", den neuen Kinofilm von "Borat"-Erfinder Sasha Baron Cohen, gilt das in zweifacher Hinsicht. Erstens findet der britische Komiker seine besten Schauplätze und Spielpartner auf der Straße. Im Falle dieser vorgeblichen Celebrity-Doku über einen schwulen österreichischen Fernsehmoderator sind das zunächst die glamourösen Laufstege der Mailänder Modewelt und später die öffentlichen Treffpunkte homophober Amerikaner. Hier wie dort ein paar Kameras zu verstecken, macht vielleicht etwas Mühe, kostet aber in jedem Fall viel weniger als ein ordentliches Filmteam.

Zweitens sind die besten Szenen der Komödie bereits kostenlos für alle Welt im Trailer zu finden: Etwa der Einfall, sich ein todschickes Outfit aus stark haftendem Klett-Material zu schneidern - und in dem wahrhaft anzüglichen Anzug bei einer Modenschau allerhand unschuldige Textilien mit ins Verderben zu reißen.

Brüno, Trailer. USA 2009

Überhaupt ist dieser Brüno ein anhänglicher Zeitgenosse. In einer typischen Szene gibt er vor, den erzkonservativen republikanischen Kongressabgeordneten Ron Paul zu interviewen, nur um beim ersten vermeintlich unbeobachteten Moment vor ihm die Hosen herunterzulassen. Kein Wunder, dass sein Opfer unter massivem Protest flieht und sich lautstark beklagt, sein Interviewer sei ja "stockschwul". Was aber soll lustig oder entlarvend sein an dieser Szene? Wie würde man sich denn selbst verhalten in einer Situation derart offensiver sexueller Belästigung?

Homophobie im konservativen Amerika

Das Problem von "Brüno" beginnt in dem Augenblick, wo sich die Klamotte ("Satire" kann den Film nur nennen, wer ihn nicht gesehen hat) mit dem Mäntelchen der Aufklärung schmückt. Die Dramaturgie ist einfach: Im ersten Drittel hält das Publikum - bitte schön - den Atem an vor soviel Unkorrektheit gegenüber grotesk parodiertem schwulen Lifestyle. In der zweiten Hälfte wird dann die Homophobie des konservativen Amerika vorgeführt, und das Publikum lacht plötzlich auf der richtigen, der liberalen Seite.

Als Wendepunkt dient eine Sequenz, in der Brüno vor dem afroamerikanischen Saal-Publikum einer Nachmittags-Talkshow sein illegal adoptiertes afrikanisches Kleinkind präsentiert. Nun ist Brüno der Düpierte, der die kalkulierte Anfeindung freilich nobel einsteckt, um zum Höhepunkt in einer fraglos meisterlich inszenierten Opferrolle aufzugehen: Im Zwinger einer Dorf-Disco im US-Bundesstaat Arkansas, wo sich das anständige Publikum auf ordentliche Stripperinnen freut, hält er - in markiger Barttracht - eine Kampfrede gegen Homosexualität.

Essensreste prallen am Käfig ab

Stürmisch gefeiert, muss er sich auf einen Boxkampf mit dem einzigen Protestierenden einlassen - seinem österreichischen Ex-Freund. Dem johlenden Publikum stockt freilich der Atem, als sie Szene in leidenschaftliche Knutscherei umkippt. Den guten Leuten von Arkansas mehr Einblicke zuzumuten, wagte Cohen freilich nicht. Zu den schwülen Klängen von Celine Dion feiert er sich als "Brüno" wie einen Märtyrer im Kampf gegen die Homophobie - während die vom Mob geworfenen Essensreste am schützenden Käfig abprallen.

Schon in "Borat" gab es Szenen, in denen man sich wunderte, wie es der Produktion nach den Aufnahmen gelungen sein mochte, den ertappten Spießern noch die Einwilligung zur Veröffentlichung ihrer Beschämung abzutrotzen. Dabei kam es durchaus vor, dass man einigen von ihnen ungewollte Sympathien entgegen brachte. So wie jeder sensible Zuschauer in Michael Moores aktionistischer Doku "Bowling for Columbine" mit dem bereits Alzheimer-kranken Waffennarr Charlton Heston fühlte, als er vom Filmemacher hemmungslos vorgeführt wurde.

Wenn "Brüno" vom Verleih Universal als "mutigste, verrückteste und gefährlichste Komödie im Mainstream-Kino" beworben, am Ende ausgesprochen feige herüber kommt, liegt das allerdings auch an der deutschen Synchronfassung. Nicht nur, dass sie den - auch nicht immer wirklich improvisierten - Szenen ihren angestrebten Verismus austreibt. Sie erspart auch dem deutschsprachigen Publikum Cohens mitunter köstliche Veralberung der Sprache.

Brüno im Deutschen akustisch kastriert

Dabei ist dies in der ursprünglichen "Da Ali-G-Show" noch einer der Pluspunkte - hier wurde die Brüno-Figur ja bereits vor Jahren etabliert. Der akustisch kastrierte "Brüno" wirkt daher noch eine Spur aufgesetzter. Dass sein Star indes kein Unmensch ist, zeigt seine freiwillige Kürzung in letzter Minute: Zu den Gefoppten Interview-Partnern gehörte ursprünglich auch La Toya Jackson. Die Brüno-Parodie ihres verstorbenen Bruders hat Brüno nun uns und ihr erspart. Nun ja. Warten wir - auf die DVD.

Brüno, Regie: Larry Charles, USA 2009, 88 Minuten.

Autor:  Daniel Kothenschulte
Datum:  7 | 7 | 2009
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