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Film

15. Januar 2016

„Cemetery of Splendor“: Die Gegenwart der Geister

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Begegnungen an einem ungewöhnlichen Ort: Auf dem titelgebenden „Friedhof der Herrlichkeit“ im Film von Apichatpong Weerasethakul.  Foto: Rapid Eye Movies

Beseelte Lebensräume: Der Thailänder Apichatpong Weerasethakul findet in seinem Film „Cemetery of Splendor“ das Fantastische in der Wirklichkeit.

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Ganz am Anfang der Filmgeschichte, als die Bilder laufen lernten, unterschied man noch nicht zwischen Spiel- und Dokumentarfilm. Das Wirkliche war Erzählung genug. Und das Erfundene ließ sich bestaunen, als wäre es wahr.

Heute ist es endlich wieder so weit. Die Grenzen zwischen den Filmsparten verschwimmen. Einer der Protagonisten dieser neuen Mischform ist der Thailänder Apichatpong Weerasethakul. Einer breiten Filmöffentlichkeit bekannt wurde er, als seine politisch gefärbte Geistergeschichte „Uncle Boonmee erinnert sich an seine früheren Leben“ 2010 die Goldene Palme in Cannes gewann.

Er verfilmt Geschichten, die ihm Passanten erzählen wie wahre Märchen („Mysterious Object at Noon“), folgt den Gedankenströmen eines Liebespaars („Blissfully Yours“) oder filmt den Dschungel so lange, bis ein Geist darin erscheint („Tropical Malady“). Trotzdem fand seine erste Retrospektive auf dem Dokumentarfilmfestival von Nyon statt. Wie passt das zusammen?

Noch bevor das erste Bild seines jüngsten Films „Cemetery of Splendor“ auf der Leinwand steht, während einer halben Minute Schwarzfilm zu den Titeln, baut sich der Schauplatz unmerklich aus Geräuschen auf. Man hört die entfernten Geräusche eines Baggers in einer Waldlandschaft. Was er dort im Boden freilegt, bleibt einstweilen ein Rätsel. Es ist etwas auszugraben, in dieser Geschichte, mehr will das Bild nicht sagen.

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Der sichtbare Schauplatz des Films ist ein Waldkrankenhaus für traumatisierte Soldaten. Aus langen Einstellungen vermittelt sich eine eigentümliche Ruhe. Die Gespräche der Pfleger und Krankenschwestern mischen sich mit den Naturgeräuschen aus den offenen Fenstern. Der unsichtbare Schauplatz ist der Boden darunter. Es ist der „Friedhof der Herrlichkeit“ aus dem Filmtitel, auf dem das Krankenhaus errichtet wurde. Sollten die Geister der dort begrabenen Soldaten einen Einfluss haben auf das Befinden der lebenden Patienten?

In dem idyllischen Hospital erprobt man gerade eine Heilmethode, um Veteranen, die von einer Schlafkrankheit befallen sind, über ihre Träume zu erreichen. Tatsächlich scheinen die farbigen Lampen, die ein etwas halbseidener Spezialist aufstellt, wenigstens für einen ruhigeren Schlaf zu sorgen. Doch erst, als sich eine Freiwillige und eine Hellseherin liebevoll um die Patienten kümmern, beginnt ein vorsichtiges Erwachen. Wie sich bald herausstellt, kommt ihre Empfindsamkeit nicht ganz von ungefähr: Sie sind selbst Geister, die zwischen Vergangenheit und Gegenwart vermitteln können.

„Dies ist mein persönlichster Film“, sagt Apichatpong Weerasethakul, der selbst an die Wiederkehr der Toten glaubt. „Sie sind wie eine andere Dimension, man fühlt ihre Gegenwart. Manchmal bezeichne ich sie als Türen. Ich spüre ihre Anwesenheit tatsächlich“, bekennt er im Gespräch, doch das gelte nur für seine Heimat. Auf Reisen, etwa beim Filmfestival von Cannes, wo sein Film Premiere hatte, bleiben ihre Zeichen aus.

„Ich weiß nicht, ob es Tote sind, das wäre dann eine Art Reisen. Eher sind es Engel. Nicht menschlich aber menschenähnlich. Sie leben in anderen Zeiträumen. Ein Tag für sie wäre vielleicht ein Jahr in unserer Zeit. Im Hinduismus gibt es verschiedene Ebenen dafür.“ Man muss Apichatpong Weerasethakul keineswegs in esoterische Gefilde folgen, um dem Zauber dieses behutsamen Filmgedichts zu erliegen. Als Kind eines Arztes verbrachte er einen Großteil seiner Jugend in einem Krankenhaus, was die heimelige Atmosphäre dieses Hospitals der Geister erklären mag.

Ein Höhepunkt ist eine rätselhafte Montageszene, in der er den heilsamen Farben bis in ein Multiplexkino folgt, wo man einen billigen Fantasy-Blockbuster mit ganz anderen Geistern vorführt. Eine andere wunderbare Szene begleitet die Frauen auf eine Exkursion in den Wald, der das Krankenhaus umgibt. Hier entdecken sie einen unsichtbaren Palast, und unwillkürlich meint man auch als Zuschauer das Unsichtbare zu sehen.

Zur Sache

Der Film: Cemetery of Splendor. Thailand/GB/F/D 2015. Mit Jenjira Pongpas, Banlop Lomnoi, Jarinpattra Rueangram. 122 Min.

Die DVD-Edition: Das Frühwerk des Regisseurs ist gerade in einer mustergültigen Ausgabe als DVD erschienen: „Mysterious Object at Noon“ (plus Kurzfilme), Edition Filmmuseum, ca. 19,90 Euro.

Schon in seinem früheren Film „Syndromes and a Century“ verarbeitete Apichatpong seine eigentümlich warm gefärbten Erinnerungen an das Krankenhaus als Lebensraum seiner Kindheit. Die Räume wirken seltsam beseelt und animiert. Indem er im früheren Film die entgegengesetzten Schauplätze einer Großklinik und eines Provinzkrankenhauses frei miteinander kombinierte, scheinen die Proportionen zu zerfließen. So entstand eine vollkommen neuartige filmische Darstellung von Erinnerung, die manchmal klar und präzise, ein anderes Mal lückenhaft und vage ist.

Das bisherige Werk von Apichatpong Weerasethakul wächst gerade in einer erstaunlichen Weise zusammen: Nachdem bereits die letzten Kurzfilme, die er etwa in einer Ausstellung im Münchner Haus der Kunst zeigte, einzelne Themen aus „Uncle Boonmee“ aufgenommen und verdichtet haben, werden nun auch frühere Motive aufgenommen. Jen, die Hellseherin, ist eine Figur aus „Boonmee“, wo sie als Schwägerin des schwerkranken Onkels bereits jenseitige Erfahrungen machte; einer der beiden Soldaten führt zurück zu „Tropical Malady“.

Darauf angesprochen, wie er sich zur Positionierung seines Werks zwischen den Gattungen verhalte, antwortet er weise: „Sie sind einfach persönliche Filme.“

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