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Film

07. Januar 2016

"Charlie Hebdo": „Wir wollten sie lebendig zeigen“

 Von Susanne Lenz
Daniel (r.) und Emmanuel Leconte.  Foto: temperclayfilm

Emmanuel und Daniel Leconte sprechen im Interview mit der FR über ihren „Charlie“-Dokumentarfilm. Sie zeigen ein Lachen der Künstler, das eher nachhallt als die Tränen.

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Sie haben zwei Wochen nach dem Attentat auf „Charlie Hebdo“ mit der Arbeit an dem Film begonnen. Was hat Sie dazu motiviert?
Emmanuel Leconte: Wir wollten, dass man über die Karikaturisten redet und nicht nur über die Terroristen, darüber, woher sie kommen, wer sie sind, was ihr Ziel war. Wir selbst haben ihren Tod als immensen Verlust gespürt, wir haben uns als Waisen dieser unglaublichen legendären Persönlichkeiten der französischen Kultur empfunden. Und wir hatten das Gefühl, dass dieses dramatische Ereignis alles verändern würde. Davon wollten wir Zeugnis ablegen. Weil mein Vater 2008 bereits einen Film über „Charlie Hebdo“ („C’est dur d’être aimé par des cons“) gemacht hatte, hatten wir Aufnahmen davon, wie die Karikaturisten, wie Charb, Tignous und Cabu selbst erklären, warum sie ihre Arbeit machen, was ihnen daran wichtig ist. Wir hatten eine große Nähe zu diesen Menschen und fühlten, dass wir sagen müssen, wie sie waren: sympathisch, intelligent, einfach großartig. Wir wollten, dass die Leute sie mögen.

In Ihrem Film geht es auch um die drei ermordeten Polizisten, darunter den Leibwächter der Charlie-Redaktion, es geht um die vier Opfer in dem koscheren Supermarkt. Sie befragen die Philosophin Elisabeth Badinter zum Antisemitismus in Frankreich. Warum war Ihnen auch das wichtig?
Emmanuel Leconte: Wir wollten alle Opfer in diesem Denkmal einschließen. Wir wollten der Polizei Tribut zollen und natürlich der jüdischen Gemeinde in Frankreich, die so oft angegriffen worden ist in den letzten Jahren. Es ist wichtig für uns, auch an ihrer Seite zu stehen. Das ist alles Teil eines Programms: Journalisten töten, Polizisten und Juden. Am Ende müssen immer die Juden bezahlen, auch jetzt noch. Das ist schrecklich.

Ihr erster Film über „Charlie Hebdo“ entstand, nachdem die Redaktion die dänischen Mohammed-Karikaturen veröffentlichte und damit ein Gerichtsverfahren auslöste. Wie hat Ihre Beziehung zu dem Magazin begonnen?
Daniel Leconte: Nachdem „Charlie Hebdo“ die Karikaturen veröffentlich hatte, schrieb ich einen Artikel in der Zeitung „Libération“. Er hatte die Überschrift: Danke, Charlie. Denn das Magazin hatte damit unsere Berufsehre verteidigt, die Meinungsfreiheit. Neben „L’Express“ und „France Soir“ waren sie die einzigen. Dann rief mich Philippe Val an, er war damals Chefredakteur von „Charlie Hebdo“, und fragte, ob ich einen Film über den Prozess machen wolle. Natürlich sagte ich ja.

In „Je suis Charlie“ stellen Sie die These auf, dass die Redaktion auch deshalb im Fokus der Terroristen stand, weil sie diese Karikaturen veröffentlichte. Sie kritisieren die Zurückhaltung anderer französischer Medien.
Emmanuel Leconte: In Frankreich sind die religiöse Sphäre und der Staat streng getrennt. Wir sagen nicht, dass alle es genauso machen sollen, aber da das nun mal unsere Geschichte ist, sollten die Leute, die in Frankreich leben, solidarisch mit dem Magazin empfinden. Das wäre damals, als „Charlie“ die Karikaturen veröffentlichte, so einfach und friedensstiftend gewesen. Schon Voltaire hat gesagt: Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür geben, dass du es sagen kannst. Darum geht es in einer offenen Gesellschaft.

In Ihrem Film gibt es höchst intime Interviews mit Überlebenden aus der Redaktion, etwa mit Corinne Rey, der Zeichnerin, die, von einer Kalaschnikow bedroht, den Code eintippte, der die Tür zu den Redaktionsräumen öffnete. Man hat fast das Gefühl, die Interviewten würden mit ihrem Therapeuten sprechen. Wie ist es Ihnen gelungen, diese Atmosphäre herzustellen?
Daniel Leconte: Wir haben mit ihnen gesprochen wie mit Menschen, nicht wie mit Darstellern in einem Film. Und sie vertrauten uns, weil sie uns bereits kannten.
Emmanuel Leconte: Wir haben darauf bestanden, die Interviews so schnell wie möglich zu machen, sieben, acht Wochen nach dem Attentat. Nicht weil wir die ersten sein wollten, sondern weil wir wussten, dass die Interviewpartner mit größerem zeitlichem Abstand nicht dasselbe sagen würden. Sie standen zunächst sehr unter Druck und konzentrierten dann all ihre Energie auf die nächste Ausgabe von „Charlie Hebdo". Als sie mit uns sprachen, war es oft das erste Mal, dass sie überhaupt darüber redeten. Sie haben sich dabei das Narrativ dessen, was geschehen ist, wieder zu eigen gemacht. Es war fast wie eine Katharsis. Oder wenigstens die ersten Schritte auf dem langen Weg dahin.

In Ihrem Film haben Sie private Aufnahmen verwendet, die Charb, Tignous oder Cabu beim Karaokesingen zeigen, beim Witzereißen. Es sind sehr fröhliche Bilder. Was hat Sie dazu bewogen?
Daniel Leconte: Dass wir dieses Material bekamen, ist wieder eine Folge unserer engen Beziehung. Ein Freund hat es uns zur Verfügung gestellt. Jeder wollte damals diese Aufnahmen, aber wir haben sie bekommen. Wir haben Glück gehabt.
Emmanuel Leconte: Es war uns sehr wichtig, diese Menschen lebendig zu zeigen. Einige Leute haben „Charlie Hebdo“ und die Karikaturisten erst entdeckt, als sie gestorben sind, aber wir kannten sie schon davor. Sie haben gelebt wie kaum jemand, sehr glücklich, sehr lustig. Sie waren Freunde, Künstler. Wir wollten keine Beerdigung zeigen. Wir wollten, dass das Lachen eher nachhallt als die Tränen.

Interview: Susanne Lenz

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