Aktuell: Brexit | HIV und Aids | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | Zuwanderung Rhein-Main
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Film

09. November 2012

"Cloud Atlas": "'Avatar' für Germanistik-Seminaristen"

 Von Anke Westphal
Feierlich weiß gekleidet ist dieser Klon aus der Zukunft in „Cloud Atlas“ – und darf doch keinen eigenen Willen haben.    Foto: Jay Maidment

Drei Stunden, drei Regisseure und Stars wie Tom Hanks und Halle Berry: Mit „Cloud Atlas“ hat sich Tom Tykwer gemeinsam mit den Matrix-Machern an die Verfilmung von David Mitchells Roman „Der Wolkenatlas“ gemacht. Das Ergebnis: Ein monströses, kulinarisch-philosophisches Großereignis.

Drucken per Mail

Jeder Künstler träumt wohl davon, einmal im Leben unglaublich viel Geld in die Hände zu kriegen. Es mal so richtig krachen zu lassen, eine ehrgeizige Vision umzusetzen und dabei mit Leuten zusammenzuarbeiten, die sonst unerreichbar, viel zu teuer wären. Für den deutschen Regisseur Tom Tykwer ist dieser Traum wahr geworden. Seit dem Jahr 2009 arbeitete er gemeinsam mit den US-amerikanischen Geschwistern Lana und Andy Wachowski, die mit „The Matrix“ Kinogeschichte geschrieben haben, an der Verfilmung von David Mitchells Roman „Der Wolkenatlas“. Es ist ein überbordendes Erzählstück, das als unverfilmbar galt, aber Kinobilder satt in sich birgt. Und zwar so viele, dass zu viel scheinen für einen Film.

Aber nun ist es doch ein Kinofilm geworden: 172 Minuten lang, das sind fast drei Stunden Laufzeit. „Cloud Atlas“, in Babelsberg entstanden, ist mit etwa 100 Millionen US-Dollar Kosten der bislang mit Abstand teuerste co-deutsche Film. Produziert haben ihn Tykwer, die Wachowskis, Grant Hill und Stefan Arndt, denen nur zu wünschen ist, dass sie ihre Investition gut geschützt haben. Denn dass dieser Film ein Kinohit wird, ist ungeachtet der Starbesetzung (unter anderem Tom Hanks, Susan Sarandon, Ben Whishaw, Halle Berry und Hugh Grant) und der durchaus professionellen Machart keineswegs ausgemacht. Und das liegt nun wieder daran, dass dieser „Cloud Atlas“ ein Blockbuster mit Anspruch sein will: nämlich ein kulinarisch-philosophisches Ereignis. Überwältigungskino mit Tiefgang. Man kann es auch sarkastischer formulieren, so wie ein Kollege: „Das ist ,Avatar‘ für Germanistik-Seminaristen“.

Tausend Jahre in einem Roman

Und das trifft es sogar irgendwie, aber was ist so schlimm daran? Und liegt das nun an Tykwer und den Wachowskis? Oder ist die Seminarhaftigkeit schon der literarischen Vorlage implementiert? Mitchells Roman ist ja ein Monstrum: Er umfasst eine Zeitspanne von fast tausend Jahren. Als eine Art literarisches Domino legt er sechs Geschichten aneinander, die sich jeweils immer wieder anstoßen. Eine Geschichte nimmt dabei Motive der vorhergehenden auf, die abrupt unterbrochen wurde, um später fortgesetzt zu werden. In der Gesamtschau bilden all diese Geschichten dann ein Netz von Bezügen; die Botschaft erschließt sich erst vom Ende her.

#video

Die Geschichten in „Cloud Atlas“ spielen jeweils in verschiedenen Zeiten und sind in verschiedenen Sprachstilen verfasst. So ist die erste, „Das Pazifiktagebuch des Adam Ewing“, etwa 1846 angesiedelt, zu Zeiten des Sklavenhandels. Die „Briefe aus Zedelghen“ erzählen um 1936 die Geschichte eines alten Komponisten und seines Assistenten. In „Halbwertszeiten“ enthüllt die Journalistin Luisa Rey 1973 eine Atom-Intrige – ein Thriller. „Das grausige Martyrium des Timothy Cavendish“ spielt in der heutigen Zeit und ist mit der Story eines alten Verlegers, der unerwartet einen Bestseller landet, aber von seinem Bruder ins Altenheim verfrachtet wird, der humorvollste Erzählstrang des Romans. „Sonmis Oratio“ beschreibt eine Dystopie in einer nahen Zukunft: Gegenstand ist das Schicksal eines Klons im Jahr 2144. „Sloosha’s Crossin’ un’ wie es weiterging“ berichtet schließlich in Form eines Monologs aus einer fernen Zukunft, dem Jahr 2346: Die Menschheit ist zurückgefallen in einen vorzeitlichen Primitivismus, und das technologische Wissen, genannt „Clever der Alten“, ist vergessen.

#gallery

Eigentlich sind es also sechs Filme, die man sieht: dem Roman entsprechend umgesetzt in ihren jeweils eigenen Genres, Räumen, Sprachstilen und Kostümen. Nicht aber in jeweils eigenen visuellen Erzählstilen – und vielleicht ist es das, was man als Zuschauer vermisst. Man sitzt in diesem überlangen Film und sieht die Geschichten fließen, ineinander greifen, und das ist sogar ganz angenehm. Es könnte, vielleicht mit einer Pause für einen Snack und ein Glas Wein, ruhig so weitergehen. Die Computereffekte sehen professionell aus, und es wirkt sogar ein bisschen lustig, wenn Stars wie Tom Hanks, Hugh Grant oder Susan Sarandon mal als primitive Zukunftswesen und dann wieder als kultivierte Vergangenheitsmenschen auftreten. Da wurde schon mal gelacht in der Vorführung für die Presse. Wohl auch über die leicht esoterische Botschaft des Ganzes: Hat der Mensch einen freien Willen? Wann wird der offenbar? Wie entscheidet sich der Einzelne und wofür? Wo doch alles mit allem zusammenhängt. Die Frage nach der universellen Verantwortlichkeit des Einzelnen durchzieht, entsprechend durch Wiederholung gedehnt, alle sechs Geschichten. Am eindringlichsten präsentiert sie sich zwangläufig in der Geschichte des weiblichen Klons, der nicht mehr als eine Sklavin ist.

#video

Aber es geht bei dem Ganzen natürlich auch darum, vom Erzählen in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu erzählen – das vermitteln schon die verschiedenen Formen, in denen die Geschichten im Roman dargeboten werden: Tagebuch, Monolog, Briefe und so weiter. Hier aber fusioniert der Film, statt das Besondere der Formen herauszuarbeiten. Und so flüstern diese sechs Geschichten alle gleichermaßen aus einer unbestimmten Nacht der Welt zu uns Zuschauern – ohne dass sie unsere Vorstellungswelten erschüttern. Vielleicht ist das auch zu viel verlangt von einem kulinarisch-philosophischem Großereignis auf der Basis eines Monstrums.

Cloud Atlas Dtl./USA 2012. Drehbuch & Regie: Tom Tykwer, Lana Wachowski, Andy Wachowski, Kamera: Frank Griebe, John Toll, Darsteller: Tom Hanks, Halle Berry, Hugh Grant, Susan Sarandon, Jim Broadbent u. a.; 172 Minuten, Farbe. FSK ab 12. Ab Donnerstag im Kino.

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Rubrik

Für welche Filme lohnt sich der Weg in Kino? Lesen Sie die Rezensionen der FR-Filmkritiker und sehen Sie die aktuellen Trailer.

Service
Suchen
Kinofilm, Schauspieler oder Regie
Kino, PLZ oder Ort

Kinoprogramm

Alle Neustarts diese Woche: Alle Filme von heute:

Sommerferien

Bücher, Musik, Filme für die Sommerferien

Und wenn ungeheuer oben eine sehr weiße Wolke ist, dann zeigt das auch nur wieder, dass Lesen in jeder Situation den Horizont erweitert.

Das FR-Feuilleton empfiehlt Bücher, transportable Musik und auch einige Filme auf DVD für den Sommer. Mehr...

Anzeige

Filmtipps
Medien