Aktuell: Wochenend-Magazin FR7 | FR-Recherche: Medikamententests an Heimkindern | Türkei | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | US-Wahl
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Film

29. Februar 2016

„Das Tagebuch der Anne Frank“: Eine ansteckende Fröhlichkeit

 Von Susanne Lenz
Lea van Acken in Berlin.  Foto: imago/Future Image

"Das Tagebuch der Anne Frank" ist erstmals als deutsche Produktion verfilmt worden. Lea van Acken spielt das jüdische Mädchen und stellt ihren Lebensdrang in den Mittelpunkt.

Drucken per Mail

Lea van Acken sitzt an diesem Winternachmittag auf einem Sofa im Hotel de Rome in Berlin und stellt sich vor, Anne hätte neben ihr Platz genommen. Anne, das ist Anne Frank, das jüdische Mädchen aus Frankfurt, die Autorin des Tagebuchs, das heute zur Weltliteratur gehört, in 70 Sprachen übersetzt wurde, von der Unesco in das Weltdokumentenerbe aufgenommen wurde. „Ich stelle mir vor, dass Anne neben mir sitzt, und wir zusammen die Menschen im Bus beobachten. Dass sie mir sagt, was sie in ihren Gesichtern liest, und was sie darüber denkt“, sagt Lea van Acken. Ihre Stimme ist hell. Sie ist jetzt 16, ein Jahr älter als Anne Frank, als sie starb, und spielt sie in dem ersten deutschen Spielfilm, der sich mit dieser Figur beschäftigt.

Lea van Acken sieht sehr jung und sehr zart aus, viel zarter als im Film. Die Anne Frank, die sie verkörpert, wirkt auch in dem Gefängnis des Verstecks in Amsterdam frech und selbstbewusst, keinesfalls wie ein Opfer. Lea van Acken kannte Anne Franks Tagebuch nicht, sie hat es erst zur Vorbereitung auf das Vorsprechen für die Rolle gelesen. Aber sie kannte den Namen, wusste von der Bedeutung. Hat sie Druck verspürt? „Ich hatte schon Respekt“, sagt sie. „Ich wusste, dass das eine große Aufgabe ist.“

Doch sie hat eine Strategie gefunden, sich nicht erdrücken zu lassen. Sie hat Anne Franks Texte einfach dazu benutzt, eine Gleichaltrige kennenzulernen. Eine, die sie bewundert, ja, aber nicht, weil sie so viel durchgemacht hat, sondern weil sie sich so gut selbst analysieren und beobachten kann. Eine, die sie „Anne“ nennt, auch „meine Anne“ oder „unsere Anne“, aber nie Anne Frank. So heißt das Denkmal, aber nicht der Teenager, um den es Lea van Acken geht.

Van Acken in der Rolle der Anne Frank.  Foto: dpa

Es scheint auch, dass sie das Tagebuch nicht vom Ende her gelesen hat, nicht allein unter dem Eindruck vom elenden Tod Anne Franks im KZ Bergen-Belsen, die dort an Typhus starb, auch wenn Lea van Acken dort gewesen ist zur Vorbereitung auf die Dreharbeiten. Doch sie spricht statt vom Tod von Anne Franks jugendlichem Lebensdrang. „Wir kennen das doch alle: Ich will groß werden, mich verlieben, ich will raus.“ Und sie sagt über Anne: „Wir hätten uns mit unserer Fröhlichkeit gegenseitig angesteckt.“ Sie erzählt aber auch: Mit ihrer Filmschwester, Stella Kunkat, habe sie während der zwei Monate dauernden Dreharbeiten manchmal abends im Hotelzimmer Musik angemacht und getanzt. „Einfach um die ganze Last abzuschütteln.“

Man fragt sich, woher Lea van Acken, die viel zu jung ist, um eine Schauspielschule besucht zu haben, das kann. Sie sagt, sie habe Filme schon immer toll gefunden. Mit zwölf hatte sie eine Komparsen-Rolle bei den Karl-May-Festspielen in Bad Segeberg. Sie spielte ein Siedlermädchen. An den einen Satz, den sie damals sagen durfte, kann sie sich nicht erinnern. Nur daran, dass sie am Lagerfeuer herumhopste. Danach bewarb sie sich bei Schauspielagenturen. Ihre Eltern unterstützten sie. „Wenn meine Mama mich nicht zur Bahn fahren würde, ginge das alles gar nicht.“ Lea van Acken lebt mit ihren Eltern und dem kleinen Bruder auf dem Land bei Hamburg.

Ein Film für die Schule

Ein Porträt der Schauspielerin Audrey Hepburn ist das Hintergrundbild auf ihrem Handy, und ihre Augen leuchten, wenn sie von Hepburns Rolle in der Romanze „Ein Herz und eine Krone“ spricht. Audrey Hepburn als Prinzessin, nichts könnte von den Rollen, die Lea van Acken bisher spielte, weiter entfernt sein. In ihrem ersten Spielfilm, „Kreuzweg“, der 2014 im Wettbewerb der Berlinale lief, war sie die 14-jährige Maria, deren Familie einer erzkatholischen Priesterbruderschaft angehört, die Maria mit ihrem Fanatismus quält. Damals war auch Lea van Acken erst 14, ohne Schauspielerfahrung, und doch trug sie den Film mit diesem schweren Thema fast ganz allein auf ihren schmalen Schultern. Vergangenes Jahr hatte sie einen Auftritt in der Serie „Homeland“, kleinere Fernsehrollen, und dann kam die Einladung zu dem Vorsprechen für „Das Tagebuch der Anne Frank“.  „Ich hatte drei Castings, bis ich wusste, dass ich die Rolle habe“, sagt sie. Und da merkt man, dass sie ehrgeizig ist. Sie hat auch keine Hemmungen, über die große Aufgabe des Films zu sprechen. Er solle vor allem junge Leute erreichen und eine generationsgemäße Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus ermöglichen. Es sei ihnen nicht um Betroffenheit gegangen. „Davon wollten wir den Film entkoppeln.“ Wir, sagt sie jetzt, und die Sätze klingen, als hätte sie sie in Gesprächen mit dem Team, mit Regisseur Hans Steinbichler geformt.

Martina Gedeck als Edith Frank, van Acken als Anne Frank und Gerti Drassl als Miep Gies (v.l.n.r.).  Foto: dpa

„Das Tagebuch der Anne Frank“ ist wirklich ein Film, der an Schulen gezeigt werden könnte, wenn die NS-Zeit behandelt wird, so eng bleibt er bei den Tagebuchtexten. Das macht ihr ein bisschen Angst. Man hat hier nicht nur eine sehr begabte Schauspielerin vor sich, sondern eine Schülerin, die noch zwei Jahre bis zum Abi hat und keinen Hype brauchen kann. „Klar, ich hab einen Film gedreht, weil das meine Leidenschaft ist“, sagt sie. „Aber ich mach meine Hausaufgaben wie alle anderen auch.“

Viele ihrer Mitschüler wüssten gar nichts von ihrer Arbeit als Schauspielerin. „Es ist nicht so, dass ich viel erzähle, weil es mir auch eher unangenehm ist.“ Nach den Dreharbeiten für „Das Tagebuch der Anne Frank“ kam sie, die die Haare eigentlich lang trägt, allerdings mit sechs Millimeter kurzen Stoppeln auf dem Kopf zurück. „Da ist allen die Kinnlade heruntergefallen.“ Und sie durfte es nicht einmal erklären, denn das Ende des Films, als Anne Frank im Konzentrationslager die Haare abrasiert werden, sollte noch geheim bleiben.

„Ich hab immer gesagt, ich musste mutig sein.“ Sie hat es als richtig empfunden, ihrer Anne ein kleines Opfer zu bringen.

Das Tagebuch der Anne Frank läuft am Donnerstag in den Kinos an.

[ Hat Ihnen der Artikel gefallen? Dann bestellen Sie gleich hier 4 Wochen lang die neue digitale FR für nur 5,90€. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Rubrik

Für welche Filme lohnt sich der Weg in Kino? Lesen Sie die Rezensionen der FR-Filmkritiker und sehen Sie die aktuellen Trailer.

Service
Suchen
Kinofilm, Schauspieler oder Regie
Kino, PLZ oder Ort

Kinoprogramm

Alle Neustarts diese Woche: Alle Filme von heute:

Anzeige

Filmtipps
Medien