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"Defiance" in Polen: Der brutale Raufbold als Held

Polen hatte einen Skandal erwartet: Nachdem der Film "Defiance" zu sehen ist, ist die Aufregung aber vollständig verpufft. Von Knut Kron

Die Brüder Tuvia (Daniel Craig, links) und Zus (Liev Schreiber) in einer Szene aus Defiance.
Die Brüder Tuvia (Daniel Craig, links) und Zus (Liev Schreiber) in einer Szene aus "Defiance".
Foto: dpa

Der ganz große Skandal ist ausgeblieben. Die Aufregung, in monatelangen Diskussionen vor allem von der national-konservativen Presse in Polen geschürt, ist fast klanglos verpufft. Der Film "Defiance" (Trotz) des US-Regisseurs Edward Zwick werde ein anti-polnisches Machwerk, hieß es immer wieder. Ganze Artikelserien wurden in den Zeitungen gedruckt, ein Buch ist dazu erschienen. Wie würde ein Amerikaner, der so plakative Filme wie "Der letzte Samurai" oder "Blutdiamanten" gedreht hat, den Kampf der Partisanen und die verwirrenden Frontlinien während des Zweiten Weltkrieges in den Wäldern des damaligen Ostpolens darstellen? Würde er den jüdischen Partisanenführer Tewje Bieliski zum Helden stilisieren? Die Besetzung dieser Rolle mit James-Bond-Darsteller Daniel Craig ließ die Vermutung zu.

Die Geschichte beruht auf Tatsachen. Auf der Flucht vor den Nazis und dem Holocaust verstecken sich der Jude Tewje Bielski und seine Brüder im Jahr 1941 in den undurchdringlichen Wäldern von Nalibaki, die damals zu Polen gehörten, heute weißrussisch sind. Hunderte Leidensgenossen, die aus den deutschen Ghettos entkommen sind, stoßen zu ihnen und bilden eine Partisanengruppe, die den Kampf gegen die Deutschen aufnimmt. Während dieser Zeit bauen sie in dem Urwaldgebiet einen kleinen Kibbuz auf, in dem auch Frauen und Kinder wohnen.

Als 1944 die Rote Armee eintrifft, haben Bielski und seine Brüder über 1000 Menschen vor dem sicheren Tod gerettet. Die Geschichte erzählte Bielski, der nach dem Krieg in New York als Taxifahrer sein Geld verdiente, kurz vor seinem Tod 1987 der amerikanischen Historikerin Nachama Tec.

Doch ist das nur ein Teil der Wahrheit. Der andere ist, dass Bielski sein kleines Reich mit großer Brutalität regiert. Seine Männer verbünden sich mit den Moskau-treuen Partisanen und schrecken beim Kampf ums Überleben nicht vor Überfällen auf die Zivilbevölkerung zurück. An dieser Stelle setzt die Kritik der Polen ein. Für sie ist Tewje Bielski nicht nur ein Held, sondern auch ein brutaler Rauf- und Trunkenbold. Der polnische Unteroffizier habe sich zudem nach dem Einmarsch der Sowjets den verhassten Besatzern angedient und an der Deportation der polnischen Führungsschicht nach Sibirien mitgewirkt.

Noch immer nicht klar ist auch seine Rolle beim Massaker im Dorf Nalibaki. 128 polnische Zivilisten wurden damals ermordet. In Polen wird noch heute unterstellt, es seien jüdische Untergrundkämpfer am Werk gewesen. Eine Theorie, der allerdings viele Historiker widersprechen, inzwischen scheint gesichert, dass es die Tat von sowjetischen Partisanen war.

Die Geschichte Tewje Bielskis ist also eine überaus komplizierte, in Polen zudem gefüllt mit politischem Sprengstoff. Aber US-Regisseur Zwick ist vor allem interessiert an der Abenteuergeschichte, er versucht nicht, all die verwirrenden Verästelungen freizulegen. In seinem Film gibt es gute Partisanen und böse Nazis. Die Handlung ist geradlinig, Fragen werden keine gestellt. Und die polnische Seite? Die kommt in dem Film gar nicht vor. Mit vielem haben die Polen gerechnet, aber nicht damit, dass sie einfach ignoriert werden.

Autor:  KNUT KROHN
Datum:  25 | 3 | 2009
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