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Film

14. Januar 2013

„Der Geschmack von Rost und Knochen“: Im Rausch der Tiefe

 Von Daniel Kothenschulte
Stéphanie (Marion Cotillard) erinnert sich an ihre Bewegungen als Killerwal-Trainerin. Foto: dpa

Jacques Audiards Film „Der Geschmack von Rost und Knochen“ mit Marion Cotillard in der Hauptrolle erzählt von der emotionalen Öffnung eines Schlägertypen gegenüber einer Beinamputierten. Je näher sich die Protagonisten kommen, desto mehr geht man als auf Distanz.

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Man sagt über Johann Sebastian Bachs legendäre Produktivität, dass ein einzelner Mensch Jahrzehnte seines Lebens aufwenden müsse, allein um dessen Noten aufzuschreiben. Falls es dennoch jemandem gelingen sollte, den Barockmeister an Fleiß zu übertreffen, dann wohl dem französischen Filmkomponisten Alexandre Desplat. Mittlerweile bringt es dieser Pendler zwischen Paris und Hollywood auf neun komplette Scores im Jahr, darunter Einprägsames wie die Musik für „The King’s Speech“ und Einfühlsames wie die für „The Tree of Life“.

Mit Kathryn Bigelows CIA-Drama „Zero Dark Thirty“ ist Desplat gerade erst ein richtig großer Wurf gelungen, doch leider ist nicht alles gut. Fast jeder Ton von Alexandre Desplats Filmmusik zu Jacques Audiards Drama „Un Goût De Rouille Et D’Os – Der Geschmack von Rost und Knochen“ ist zu viel.

Alles eine Spur größer

Jacques Audiard wurde für den bestechenden Realismus seines Gangsterfilms „Un Prophète“ 2009 mit einem Grand Prix beim Festival von Cannes geehrt. Dieses Mal wollte er etwas anders machen: „Der Geschmack von Rost und Knochen“ präsentiert sich als Melodram, obwohl die Stärken dieses Films im selben intensiven Realismus liegen, der auch den „Propheten“ auszeichnete.

Das eindringliche, körperbetonte Spiel von Marion Cotillard und Matthias Schoenaerts fasziniert hier von Beginn an und setzt den Ton für ein besonderes Spannungsverhältnis. Doch Audiard scheint dem nicht recht zu trauen. Alles, was diese beiden wirklich leinwandfüllenden Figuren umgibt, muss noch eine Spur größer werden, als es ohnehin schon ist.

Der Film erzählt von der emotionalen Öffnung eines Schlägertypen gegenüber einer Beinamputierten. Eine junge Frau, Stephanie, verliert hier beide Beine bei ihrer Arbeit als Dompteuse von Killer-Walen. Ali geht indes ganz ungeniert mit der Schwerbehinderten um.

Aber es sind die künstlerischen, nicht die physischen Gegensätze, an denen der Film leidet: Einerseits schwebte Audiard offenbar jene intensive Natürlichkeit vor, welche die belgischen Brüder Dardenne in ihren Filmen zur Meisterschaft gebracht haben – ein aus genauer Beobachtung entwickeltes Kino menschlicher Anteilnahme. Doch obwohl Marion Cotillard und Matthias Schoenaerts die nötige Ausstrahlung dafür mitbringen, ertränkt der Regisseur ihr wunderbares Spiel in expressiver Filmmusik.

Dass Audiards Inszenierung zugleich auf übergroße Schauplätze setzt – etwa der Wasserpark mit den Walen –, macht ihren Einsatz nicht passender. Es ist die Überorchestrierung, die bei dieser Verfilmung von Kurzgeschichten des Kanadiers Craig Davidson zu einer unerwünschten Wirkung führt: Je mehr sich Ali seinen Gefühlen öffnet, desto stärker geht man im Publikum auf emotionale Distanz.

Stéphanie (Marion Cotillard) auf Tuchfühlung mit einem Killerwal. Foto: Wild Bunch Germany

Es liegt eine unbestreitbare visuelle Imposanz in diesem Film: im leinwandfüllenden Blau der Wasserbassins, in der physischen Wucht der Meeressäuger – denen wir doch nicht zusehen können, ohne uns das Leiden dieser Kreaturen auszumalen. Auf dem amerikanischen Kontinent sind derartige Show-Aquarien verbreiteter als in Europa. So kann einem beim zentralen Drehort des Films, dem Wasserpark Marineland im südfranzösischen Antibes, schon etwas mulmig werden. Es ist die Art Zirkus, bei der Robben zu Country-Musik Bälle jonglieren.

Das Tier im Pool

Die Hauptdarstellerin Marion Cotillard engagiert sich für Greenpeace und machte ihre Bedenken öffentlich. „Jetzt bin ich also in diesem Marineland, das ich so sehr hasse“, wird sie von der Website Canada.com zitiert. „Schließlich betrachtete ich die Tiere als arme Kreaturen, die von Menschen in Freaks verwandelt werden. Ich musste meine Arbeit tun, aber ich werde nie wieder ins Marineland zurückkehren. Ich respektiere die Trainer, aber ich verstehe nicht, wie man so ein Tier in einen Swimming Pool setzen kann. Es ist außerhalb meines Verständnisses.“

Es ist gut möglich, dass die innere Zerrissenheit, die Cotillard hier empfand, sogar Eingang fand in ihr Spiel. Doch es hätte dem Realismus dieses Films fraglos gut getan, wenn auch das Drama selbst etwas Distanz zu dieser Touristenattraktion eingelegt hätte. Immerhin bemüht man sich in Antibes inzwischen weit mehr um die artgerechte Haltung der Tiere als noch vor 25 Jahren, als Luc Besson dort „The Big Blue“ drehte. Das Vorbild von Bessons grandiosem Drama schwingt hier ständig mit – und bleibt doch unerreicht: Audiards Streben nach dem Erhabenen verwässert vor unseren Augen. In einem kuriosen Streben nach Poesie hat der deutsche Verleih den Filmtitel noch etwas ausgesponnen: „Der Geschmack von Rost und Knochen“ heißt es jetzt, ganz so, als könnte man dergleichen essen.

Der Geschmack von Rost und Knochen (Un Goût De Rouille Et D’Os ) Frankr. 2012. Regie: Jacques Audiard, Drehbuch: Jacques Audiard, Thomas Bidegain, Kamera: Stéphane Fontaine, Darsteller: Marion Cotillard, Matthias Schoenaerts, Arnand Verdure u. a.; 127 Minuten, Farbe. FSK ab 12.

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