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Film

24. August 2010

„Der kleine Nick“: Der Schein der heilen Welt

 Von Michael Kohler
Maxime Godart als Nick und Valerie Lemercier als seine Mutter.  Foto: ddp

Laurent Tirard erfindet den Comic „Der kleine Nick“ als Realfilm neu. Von der Besetzung bis zur Ausstattung stimmt beinahe alles - auch weil Tirard seine Vorlage nicht auf Teufel komm raus zu aktualisieren versucht.

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Auf dem Pausenhof der kleinen Grundschule ist die Welt auf bezaubernde Weise noch in Ordnung. Die Knaben hecken Streiche aus, verfolgen das Leben der Erwachsenen mit großen Augen und verstehen grundsätzlich alles miss. So glaubt der Titelheld, dass ihn zu Hause bald ein Brüderchen erwartet, weil sein Vater plötzlich viel netter zu seiner Mutter ist.

Außerdem hat die Klasse gerade eine Fassung des Däumling-Märchens gelesen, in der die Eltern eines ihrer Kinder im Wald aussetzen, um die anderen ernähren zu können. Und da sich auch Nicks Eltern des Öfteren wegen der Finanzen streiten, braucht er nur eins und eins zusammenzuzählen, um darauf zu kommen, dass ihm das gleiche Schicksal blüht. Beim nächsten Ausflug ins Grüne ist er entsprechend vorbereitet und macht die Familiensause zum erzieherischen Waterloo.

Unter den wunderbaren Comics, die René Goscinny mit den Zeichnern Uderzo („Asterix“), Morris („Lucky Luke“), Jean Tabary („Isnogud der Großwesir“) und eben Jean-Jacques Sempé geschaffen hat, ist „Der kleine Nick“ der einzige Stoff, bei dem man sich eine gelungene Realfilm-Adaption überhaupt vorstellen kann. Trotzdem war mit der detailverliebten Schönheit von Laurent Tirards Film nicht unbedingt zu rechnen.

Hier stimmt von der Besetzung bis zur Ausstattung beinahe alles, was vor allem daran liegt, dass Tirard seine Vorlage nicht auf Teufel komm raus zu aktualisieren versucht, sondern sich auf ihre Stärken einlässt. Die liegen in der mit wenigen, ausdrucksstarken Strichen aufs Papier geworfenen Charakterisierung der Figuren, in der gerechten Verteilung der Sympathien und natürlich in der kindlich-naiven Sicht auf die Erwachsenenwelt.

Man sieht sofort, dass „Der kleine Nick“ ein Kind der späten 50er und frühen 60er Jahre ist. Knaben und Mädchen sind in der Schule noch getrennt, was eine unverhoffte Spielstunde mit diesen fremden Wesen zur unvergesslichen Erfahrung macht, und selbst die Rotzlöffel von der letzten Bank sind akkurat gescheitelt. In einer kunstvollen Eingangssequenz stellt Nick die Mitschüler einzeln vor: den dicken Otto, den bebrillten Streber Adalbert, den liebenswerten Dummkopf Chlodwig, den reichen Georg und Roland, der, wie sein Vater, der Polizist, immer eine Trillerpfeife bei sich hat. Es ist eine Generation, die noch in „richtigen“ Familien aufwächst und von den Revolten der 68er nichts ahnt. Wie denn auch: Zu Hause wirkt die tüchtige Hausfrau und legt dem berufstätigen Ehegatten wegen einer aufgeschobenen Gehaltserhöhung die Daumenschrauben an.

Die Nostalgie ist in jedem Bild präsent, und doch zeichnet Laurent Tirard eine heile Welt in Anführungszeichen. Kostüme und Dekor wirken wie „geleckt“, und mit der exquisiten Farbpalette der elterlichen Wohnung übertreffen sich die Ausstatter noch einmal selbst. Auf dieser Bühne ist auch Platz für einen satirischen Schwank über bürgerliche Aufstiegsträume: Vaters Vorgesetzter kommt zu Besuch, und Mutter fürchtet, den Ansprüchen einer gehobenen Abendunterhaltung nicht gewachsen zu sein. Sie paukt Konversationsthemen, die selbst Professoren überfordern würden, zaubert in der Küche einen Hummertraum, und verwechselt die Gattin des Chefs dann mit der Zugehfrau.

Psychologische Tiefen deutet hingegen das Däumlings-Drama an. Mit ihm zeigt Laurent Tirard, dass auch ein behütetes Heim die kindlichen Verlustängste nicht immer vollständig bannen kann. Beim kleinen Nick geht das am Ende so weit, dass er einen waschechten „Gangster“ engagiert, um das Brüderchen-Problem ein für alle Mal aus der Welt zu schaffen. Immerhin ist es das letzte Mittel: Zunächst sollen ein Blumenstrauß und ein heimliches Großreinemachen die Mutter gnädig stimmen. Erst als beide Unternehmen im Chaos enden, wird es „kriminell“.

Nachdem sich die meisten Missverständnisse gelöst haben, bleibt es dem wundervollen Kad Merad als Nicks Vater vorbehalten, die letzten Ängste zu verscheuchen – mit ein bisschen Clownerie, die Mutter und Kind zum Lachen bringt. Darin liegt die schlichte, aber zeitlose Weisheit dieses Films.

Der kleine Nick, Regie: Laurent Tirard. Frankreich 2009, 91 Minuten.

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