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"Deutschland 09": So kurz wie schmerzlos

13 Filmemacher, 13 Film-Episoden: Es ist der Zwang zur Eindeutigkeit, der deutlich macht, wie viel das deutsche Arthouse-Kino doch von jener Filmkunst trennt, die sie so gerne wäre. Von Daniel Kothenschulte, mit Video

Szene aus der Episode Krankes Haus von Wolfgang Becker.
Szene aus der Episode "Krankes Haus" von Wolfgang Becker.
Foto: ddp

Der deutschen Filmbranche geht es zur Zeit so gut, wie es noch unmittelbar vor der Finanzkrise dem deutschen Kunstmarkt ging. "Was ich an die Wand hänge, wird auch verkauft", sagte mir damals ein Kölner Galerist. Und noch vor wenigen Wochen erklärte ein Produzent, weshalb im Land gedreht werde wie verrückt: "Was an Drehbüchern noch in den Schubladen liegt, wird auch verfilmt."

Das mag übertrieben klingen. Aber wenn allein der Zuschuss des staatlichen Filmförderfonds an Tom Tykwers Actionfilm "The International" bei 5,9 Millionen liegt, dann sitzt die Kohle denkbar locker. Seit Kulturminister Neumann dieses automatische, also nicht an eine Jury gekoppelte Förderinstrument erfand, sind viele schöne Filme entstanden. Weit mehr als selbst der treueste Kinogänger allwöchentlich wahrnehmen kann.

Allerdings gibt es für einen Produzenten auch keinen Grund mehr, etwa von einer Komödie die Finger zu lassen, nur weil sie nicht witzig ist. "Mord ist mein Geschäft, Liebling", eine schludrig gearbeitete Klamotte wie aus der Zeit der "Lümmel"-Filme der späten sechziger Jahre, erhielt allein 944 000 Euro aus Neumanns Topf.

Doch obwohl es allen gut geht, tönt seit einigen Wochen ein Aufschrei durch die Branche. Mit den Mitteln der Filmförderungsanstalt (FFA) ist weitere Förderquelle (jährlich etwa zwanzig Millionen) ins Wanken geraten, weil die Kinobesitzer keine Lust mehr haben, einen festen Anteil dafür zu spendieren.

Sollte dieser Wohlstand tatsächlich einmal verloren gehen, wird es leicht sein, ihn sich mit einem Film wieder in Erinnerung zu rufen. "Deutschland 09", der von Tom Tykwer angeregte Episodenfilm über das eigene Land, ist mit seinen 151 Minuten Laufzeit ein bleibendes Zeugnis dieser filmhistorisch wohl einmaligen Opulenz.

Deutschland 09, Trailer Deutschland, 2009

Das Argument, mit sattem Magen ließe sich schwer über soziale Gerechtigkeit sinnieren, greift freilich kaum: Denn so etwas wie soziale Not findet in diesem Film-Deutschland des Jahres 2009 allenfalls als kuriose Randerscheinung statt.

Ein Geburtstagskind würde im Beitrag von Sylke Enders lieber mit dem Papi spielen als mit einem hochbezahlten Partyclown. Das Gegenbild ist eine Suppenküche, die ein Philanthrop für notleidende Kinder eingerichtet hat. Doch beide Welten sind gleichermaßen irreal im gediegenen Look der ehrgeizigen Spielfilm-Miniatur.

Auch Hans Steinbichler hat sich für die großen Tableaus des Erzählfilms entschieden, wenn er seine schlanke Glosse über einen F.A.Z.-Leser in Bilder fasst: Dieser läuft Amok, weil die Frakturschrift des Blattes abgeschafft wurde. Welch aberwitzige Verschwendung liegt in diesem gespielten Witz.

Wie auch in Tom Tykwers Miniatur über einen Geschäftsreisenden, dem alle Starbucks-Läden dieser Erde angenehm gleich erscheinen. Hier immerhin hat der Hochglanz-Stil tatsächlich eine Funktion.

Die ästhetische Antithese dieses Looks sucht Dominik Graf im körnigen Zauber von Super 8. Er setzt dem sozialen Wohnungsbau der Nachkriegszeit ein nostalgisches Denkmal in den goldenen Farben jenes letzten blauen Stündleins, das für dieses schöne Filmmaterial geschlagen hat. Nur leider erstickt er den Zauber von Kodachrome gleichzeitig in einem kulturpessimistischen Kommentar.

In Anlehnung an Alexander Kluges und Peter Schamonis Klassiker "Brutalität in Stein" lässt Graf die gläsernen Wirtschaftstürme am Potsdamer Platz als Repräsentanten architektonischer Unmenschlichkeit erscheinen.

Aber ist nicht ein solches Filmprojekt selbst eine Art Repräsentationsbau? Es ist der Zwang zur Eindeutigkeit, der bei den meisten dieser Filme deutlich macht, wie viel das deutsche Arthouse-Kino doch von jener Filmkunst trennt, die sie so gerne wäre.

Wagen sich die Filmemacher einmal ins Phantastische vor, zeigen sie erstaunlich wenig Phantasie: Nicolette Krebitz lässt in ihrem Beitrag eine Spiritistin Susan Sontag und Ulrike Meinhof zu einer Diskussionsrude aus dem Totenreich einladen - worauf beide nur mächtig Phrasen dreschen. Und Christoph Hochhäusler blättert in "Séance" erst demonstrativ in kunstverdächtigen Fotobüchern, bevor er - in Anlehnung an Chris Marker - einen kleinen Science-Fiction-Film über die Zukunft der Deutschen auf dem Mond entwirft.

Der beste unter den 13 Kurzspielfilmen stammt von Hans Weingartner. In einem Stil schmutziger Direktheit rekonstruiert er den authentischen Fall eines kritischen Akademikers, der ins Visir von Rasterfahndung und Vorverurteilung gerät. Es ist einer von drei Beiträgen, die überhaupt ein wenig weh tun möchten.

Die beiden anderen stammen von Fatih Akin, der ein Murat-Kurnaz-Interview in Stil von Romuald Karmakar nachgedreht hat. Und von Karmakar selbst, der mit dem angenehm-verstörenden, dokumentarischen Porträt eines Exil-Iraners vertreten ist, der als Berliner Nachtbar-Betreiber seine Illusionen an den Nagel gehängt hat.

Alles andere in diesem aufwändig geknüpftem Flickenteppich ist, um es mit einem früheren Akin-Titel zu sagen, kurz und schmerzlos. Weniger von einer wie auch immer gefassten Krise künden diese Filme als vom Wohlstand einer Nation von Filmförderern: Ihr Millionenfluss wird uns auch weiterhin herhalten bleiben, was fraglos eine gute Sache ist.

Solange sich nur nicht diese Geburtstags-Clowns aus Sylke Enders' Film alles davon unter den Nagel reißen. Denn auch wenn sie vor ihnen warnen will, so ist sie wie die meisten hier der teuren Opulenz verfallen, wenn sie eine minimale Aussage gewaltig orchestriert.

Ein grundsätzliches Missverständnis gegenüber dem Kurzfilm liegt diesem Programm zu Grunde. Nicht nur in Oberhausen, auf den meisten deutschen Spezialfestivals für kurze Filme könnte man mit verbundenen Augen bessere, aktuellere und kunstvollere Episodenfilme über die deutsche Wirklichkeit zusammenstellen.

Deutschland 09. Deutschland 2009. Episodenfilm. 151 Min.

Autor:  DANIEL KOTHENSCHULTE
Datum:  25 | 3 | 2009
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