Gute Kostümfilme spielen nicht einfach in schönen Schlössern und machen höfisches Leben für ein paar Stunden lebendig. Sie handeln von Schönheit. Sie vermitteln ein Gefühl dafür, wie sich Leben in Formen zwingt. Und weil nichts fotogener ist als das Dekor, blicken sie auch noch ein Stückweit dahinter.
So jedenfalls hatte es schon Ernst Lubitsch mit "Madame DuBarry" (1919) und "Anna Boleyn" (1920) gehalten, diesen großen Frauenschicksalen, die er gegen die strengen Formen der Kulissen inszenierte. Danach kamen Visconti, Resnais, Kubrick, Greenaway, Ang Lee oder auch Sofia Coppola - die alle im Rausch der Formen schwelgten ohne sich von ihm einnebeln zu lassen.
Der Brite Saul Dibb gehört mit seinem Film "Die Herzogin" nicht in diese Reihe. Seine ganze Antwort auf die Übermacht der barocken Drehorte im englischen Norfolk und Derbyshire ist die schlichte Übernahme, am liebsten in der Symmetrie: Die Kamera wird stets hübsch in die Mitte gerückt, wie es sich für leinwandfüllende Postkarten gehört. Und was sich davor abspielt, füllt sie auch nicht wirklich.
Die Herzogin, Trailer, Großbritannien 2008
In der Mitte dieser leeren Mitte: Keira Knightley, die mit ihren 24 Jahren schon in 36 Filmen spielte, am liebsten in Kostüm. Sie ist die historische Georgina Spencer, die im 1774 den Herzog von Devonshire heiratet, sich für den politischen Aufbruch auf dem Kontinent interessiert, zu Hause aber den Absolutismus in Gestalt eines dumpfen Patriarchats erdulden muss.
Für den Herzog (Ralph Fiennes) hat sie nur die Funktion, für männlichen Nachwuchs zu sorgen. Als er auch noch ihre einzige Freundin zur Geliebten wählt und sie in eine erniedrigende Dreierbeziehung drängt, müsste eigentlich ein großes Drama daraus werden. Wird sie innerlich zerbrechen oder - als intellektuell Überlegene - doch einen Weg zur Rebellion finden?
Niemand in diesem Film kann so etwas wie Zerrissenheit auch nur annähernd vermitteln. Dem Regisseur würde es seine Postkarten-Ordnung gehörig durcheinander wirbeln. Und Keira Knightley würde es einfach überfordern. Wieder einmal gibt sie allen Gouvernanten recht, die immer schon wussten, dass Schönheit allein letztendlich dann doch nicht glücklich macht.
Regisseur Dibb nähert sich Knightleys äußerer Vollkommenheit so ehrfürchtig und einfallslos wie seinen Schlössern und Parklandschaften. Noch immer weiß man nicht, was eigentlich in dieser Schauspielerin steckt, die zuletzt schon in "Abbitte" so farblos wirkte.
Und während sich jeder Mühe gibt, Keira Knightley nur ja nicht zu überfordern, sieht man Ralph Fiennes chronisch unterfordert. Während er im "Vorleser" eine undankbare Titelrolle spielte, die nur beobachten und kommentieren durfte, ist er hier ein schwächlicher Schurke mit dümmlichem Dialog.
Als wortkarger Rationalist muss er gleichwohl mit einem für das 18. Jahrhundert reichlich exotischen Substantiv wie "Spontaneität" operieren. Oder noch gegen Ende des Films seiner Frau eingestehen, dass emotionale Reden nun gar nicht seine Sache seien. Wie im "Vorleser" rettet sich Fiennes ins Understatement des gepflegten Murmelns. Wer so tut, als sei er gar nicht da, dem kann auch ein belangloser Film nichts anhaben.
Es ist schon ein Kunststück, wie frei man einen historischen Film von jedem Zeitkolorit halten kann. Erst ein Schlusstitel verrät, dass Georgina zu den einflussreichsten Frauen ihrer Zeit zählte. Worin dieser Einfluss bestanden haben mag, was ihre eigentlichen Talente oder Interessen waren, das verschweigt dieser leere, äußerliche und, ja, scheinheilige Film. Denn es ist scheinheilig, die gesellschaftliche Stellung der Frauen im 18. Jahrhundert zu beklagen, sich im Einzelfall aber nur für deren Schönheit zu interessieren.
Die Herzogin. England, Italien Frankreich 2008. Regie: Saul Dibb. 110 Min.