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Film

19. November 2014

„Die Legende der Prinzessin Kaguya“: Mondsüchtig

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Das Mädchen, das vom Himmel fiel: „Die Legende der Prinzessin Kaguya“ von Isao Takahata, hier eine Szene aus der glücklichen, aber kurzen Kindheit Kaguyas.  Foto: Universum Filmverleih

Mit dem Alterswerk „Die Legende der Prinzessin Kaguya“ gelingt dem Japaner Isao Takahata ein Meilenstein des Märchenfilms. Das Bewundernswerteste ist die von allen Genre-Konventionen unbeirrte Erzählkultur.

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Als kürzlich der japanische Animationsfilmer Hayao Miyazaki (73) in Hollywood einen Ehrenoscar erhielt, lobte ihn sein Kollege John Lasseter als den originellsten Künstler, der je in diesem Medium arbeitete. Diese Einschätzung ausgerechnet von einem der Chefs des Hauses Disney zu vernehmen, war fraglos imponierend. Aber natürlich gehört zum Studio Ghibli, das Miyazakis Meisterwerke produziert, auch dessen Partner und früher Förderer Isao Takahata.

Mit seinem poetischen Realismus erneuerte der 79-Jährige das Medium ebenso wie Miyazaki durch seine Fantasie: Takahatas animierter Trümmerfilm „Die letzten Glühwürmchen“ über zwei Kinder im Zweiten Weltkrieg ist einzigartig in der Zeichentrickgeschichte. Am geläufigsten aber ist Takahatas Name wohl noch immer aus den Abspännen einer jeden „Heidi“-Folge. Nun hat er, nach zehn Jahren, noch einmal einen neuen Film veröffentlicht, was keineswegs auf eine lange Schaffenspause schließen lässt: Die Herstellungszeit von „Die Legende der Prinzessin Kaguya“ beziffert das Studio auf nicht weniger als acht Jahre.

Gut Ding will Weile haben: Mit Freude und Wehmut bewundert man diese epische Märchenerzählung: Freude, weil die einfache Geschichte um ein Mädchen, das ein Holzfäller in einer Bambuspflanze findet und für eine Prinzessin hält, seine Leichtigkeit trotz aller Verdichtung niemals einbüßt. Und Wehmut, weil sich eine Ära dem Ende neigt: Nachdem sich Miyazaki bereits mit seinem gerade in Deutschland gezeigten Flugzeugbauer-Drama „Wenn der Wind sich hebt“ von der Leinwand verabschiedete, dürfte dies auch der letzte „Takahata“ sein. Aber wenn sich hier schon ein Kapitel Filmgeschichte zugeschlagen wird, dann doch wenigstens auf höchstem Niveau.

Takahata, der – anders als Miyazaki – als Regisseur und Autor nicht selbst mit dem Zeichenstift arbeitet, hat sich für eine für den Anime untypische und auch sonst im Langfilm kaum bekannte Technik entschieden. Die Umrisse der Figuren wirken wie mit Kohlestift gezogen und behalten so die Skizzenhaftigkeit der sogenannten „rough animation“ bei: So nennt man den entscheidenden Arbeitsschritt bei der Herstellung von Zeichentrickfilmen, bevor ein „clean-up artist“ alles noch einmal sauber durchgepaust hat.

Der japanische Animationsfilm um Prinzessin Kaguya kommt am 20. November 2014 in die deutschen Kinos.  Foto: dpa

Die Spontaneität und Frische der Animation bleibt so erhalten. Um dabei keinen Stilbruch mit den Hintergründen aufkommen zu lassen, hält Takahata diese in zart getupften Aquarellen, eingefasst von reichlich Weißraum. Wer also den Anime mit Kulleraugen und Manga-Charakteren assoziiert, dürfte sich wundern. Der Film lässt das große Team vergessen, folgt der Vision seiner beiden hauptverantwortlichen Zeichner – Osamu Tanabe, der die Figuren gestaltete, und Art Director Kazuo Oga – und wirkt wie ein lebendig gewordenes Bilderbuch. Dies ist eine Art von Animationskunst, wie man sie sonst nur im anspruchsvollen Kurzfilm sieht – und selten überhaupt in dieser Meisterschaft. Und die Leichtigkeit der Form hat ihre Entsprechung natürlich in der glücklich beginnenden Geschichte.

Liebevoll zieht das Holzfällerehepaar das buchstäblich vom Himmel gefallene Mädchen auf. Und bemerkt dabei mit Verwunderung, dass es bei jeder Gefühlsregung ein gutes Stückchen reifer wird. Warum Gefühle eine derart belebende Wirkung auf die kleine Kaguya haben, erfährt man erst spät in der Geschichte: Die Welt, aus der sie kommt, ist der menschlichen soweit entfernt, wie Andersens „kleiner Meerjungfrau“ das Menschenreich als Sehnsuchtsort erschien.

Das reine Glück findet Kaguya lediglich in ihrer kurzen Kindheit. Denn bei aller Liebe haben ihre Eltern Höheres mit ihr im Sinn: Die vermeintliche Prinzessin wird in die Hauptstadt zum Palast gebracht, um einen Prinzen zu ehelichen. Der Avancen der Anwärter kann sie sich klug erwehren, indem sie ihnen Aufgaben stellt, die sie als Angeber entlarven. Zunehmend wirkt die junge Frau nun melancholisch, macht sich im Alleingang auf, zum Bauernfreund ihrer Kindheit, der längst eine eigene Familie hat. Und schwebt mit ihm in einer kurzen, berauschenden Szene über Wolken, bis sie das Scheitern ihres Traums vom Menschsein erkennen muss. Denn tatsächlich stammt Kaguya nicht von dieser Welt und ihr trauriger Blick zum Mond kommt nicht von ungefähr.

Es gibt grandiose Szenen von meisterhafter Zeichenkunst. Etwa, wenn sich in den schnellen Bewegungen die Umrisse und pastellenen Farben der Prinzessin verwischen. Ihre Flucht durch den Wald ist so eine ganz eigenständige Antwort auf die berühmte Szene in Disneys „Schneewittchen“.

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Mit 132 Minuten Laufzeit ist Takahatas Meisterwerk so lang wie Disneys „Dumbo“ und „Bambi“ zusammen. Aber damit enden dann auch die Vergleiche mit anderen Klassikern des Animationsfilms. Das Bewundernswerteste an diesem Film ist die von allen Genre-Konventionen unbeirrte Erzählkultur, die Takahata und Miyazaki gemeinsam ist. In der Geschichte des Märchenfilms verdient die „Die Legende von Prinzessin Kaguya“ einen Ehrenplatz zwischen so unterschiedlichen Meisterwerken wie Jean Cocteaus „Es war einmal – Die Schöne und das Tier“ und Vaclav Vorliceks „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“, an dessen spielerischen Ton die folkloristische Filmmusik von Joe Hisaichi erinnert.

Die Kunst des Märchenerzählens war in allen Kulturen stets die der persönlichen Ausschmückung von Überlieferung. Schön, dass man mit Takahata noch einmal einem Meistererzähler über die Schulter blicken kann.

Die Legende der Prinzessin Kaguya. Japan 2013. Animationsfilm. Regie: Isao Takahata. 132 Min.

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