Film

13. November 2012

„Die Stimme meines Vaters“: Mündliche Briefe aus der Vergangenheit

 Von Cornelia Geissler
Sohn und Mutter hören Stimmen. Foto: ARIES

Der kurdisch-türkische Film „Die Stimme meines Vaters“ lebt vom spannenden Widerspruch zwischen Erzählen und Sprachlosigkeit. Der Regisseur Orhan Eskikö erzählt mit seinem nachdenklichen Film eine wahre Geschichte - mit echten Protagonisten.

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Da ist eine alte Frau, allein. Da ist ein junges Paar, in selbstverständlichem, liebevollem Umgang miteinander verbunden. Doch er, Mehmet, verfällt immer wieder ins Grübeln. Fahr zu ihr, ehe du noch verrückt wirst, sagt die junge Frau zu ihm. Die Alte, Basê, ist seine Mutter. „Die Stimme meines Vaters“ heißt dieser Film, in dem man dann nur noch die Mutter und den Sohn agieren sieht.

Aus dem Widerspruch zwischen Erzählen und Sprachlosigkeit entsteht die Spannung des Films. Eine freundliche Männerstimme klingt über der kargen, bergigen anatolischen Landschaft, liegt auch über den Bildern der Alten beim Verrichten alltäglicher Dinge. Ein Mann gibt seiner Frau Ratschläge, ermuntert sie, so viel Geld von der Bank zu holen wie nötig, fragt nach dem Wetter, schildert seine Eindrücke von den Kindern, die er beim letzten Besuch gewann. Dagegen sind die sichtbaren Dialoge äußerst knapp gehalten. Was ist los, Mutter?, fragt Mehmet wiederholt. Bist du krank? Sie wehrt nur ab. Spricht er sie auf den Vater und den älteren Bruder an, weicht sie aus.

Langsam enthüllt sich das Geheimnis dieses Widerspruchs. Basê und Mehmet sind die Überbleibsel einer Familie, die nie wirklich komplett war. Basê und ihr Mann Mustafa gehörten in der Türkei als kurdische Aleviten zu einer unerwünschten Minderheit. Basê hat nie lesen und schreiben gelernt. Mustafa ging ins Ausland, um den Lebensunterhalt zu verdienen, bis er bei einem Arbeitsunfall umkam. Der ältere Sohn Hasan verließ die Familie, um für die Rechte der Kurden zu kämpfen. Mehmet möchte die Mutter zu sich und seiner Frau holen. Es sind die Erinnerungen, die Basê festhalten in der Provinz.

Echte Protagonisten

Der Regisseur Orhan Eskiköy, 1980 in Istanbul geboren, erzählt mit seinem nachdenklichen Film eine wahre Geschichte. Er nimmt sogar die echten Protagonisten dafür. Mehmet wird von Zeynel Dogan gespielt, der selbst Filmemacher ist und hier die Ko-Regie übernahm. Seine Mutter stellt auch die Mutter im Film dar: eine ernste, aufrechte Frau, die nur redet, wenn sie es für nötig befindet. Der Film sucht nach den Wurzeln der Familie. „Ist es denn so schlimm, die eigene Vergangenheit zu kennen?“, will Mehmet von der Mutter wissen.

Auslöser für seine Fragen ist eine Tonbandkassette, die er zufällig gefunden hat. Darauf hört man die Stimmen von zwei Jungs, die von ihrem Tag erzählen, ein bisschen petzen, was der jeweils andere gemacht hat, ein bisschen träumen von der Zukunft. Diese Stimmen ergänzen viele Szenen, in denen Mehmet allein zu sehen ist. Jahrelang kommunizierte die Familie über diese Kassetten. Die Mutter und die Söhne sandten dem Vater mündliche Briefe, er schickte eigene zurück. Mehmet, der sich kaum an den Vater erinnern kann, möchte die anderen Kassetten hören, sucht im ganzen Haus danach, weil die Mutter sie ihm verweigert. Aber langsam beginnt sie mit ihm über früher zu sprechen.

Die Stimme meines Vaters. (Babamin Sesi). Türkei/Dtl./Frkr. 2012. Regie: Orhan Eskiköy, Zeynel Dogan; Drehbuch: Orhan Eskiköy; Kamera: Emre Erkmen; Darsteller: Base Dogan, Zeynel Dogan, Gülizar Dogan. 88 Min., Farbe, OmU, FSK o.A.

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