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27. August 2014

"Diplomatie" von Volker Schlöndorff: Ich hätte noch einen Camembert

 Von 
André Dussollier (r.) als schwedischer Generalkonsul Raoul Nordling und Niels Arestrup als General Choltitz.  Foto: dpa

Volker Schlöndorff inszeniert im Film „Diplomatie“ den Kampf um Paris im August 1944 als Kammerspiel und Rededuell.

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Paris darf nicht oder nur als Trümmerfeld in die Hände des Feindes fallen“ – so lautete Hitlers Tagesbefehl vom 23. August 1944. Die Alliierten standen kurz vor dem Einmarsch in die Stadt. Zur Vollstreckung des Befehls hatten deutsche Truppen Sprengsätze an allen Seine-Brücken, am Louvre, vermutlich auch an der Kathedrale Notre-Dame angebracht. Der genaue Umfang der Vorbereitungen ist nicht bekannt – der Fantasie setzte die vergangene Praxis der NS-Kriegsführung allerdings wenig Grenzen. Die Sprengtrupps warteten nur noch auf einen Ausführungsbefehl von Dietrich von Choltitz, den Hitler erst drei Wochen zuvor zum Stadtkommandanten von Paris ernannt hatte. Als Terminator.

Dietrich von Choltitz war das, was man in der Sprache der Zeit beschönigend einen „harten Hund“ nannte. Er galt als ein Mann, der noch nie über einen Befehl diskutiert, immer nur vollstreckt hatte. Die Festung Sewastopol auf der Krim erobert zu haben, schrieb man ihm zu; von 4800 Soldaten seines Regiments überlebten 347 den Kampf. Und laut Abhörprotokollen aus einem englischen Kriegsgefangenenlager soll er bekannt haben: „Den schwersten Auftrag, den ich je durchgeführt habe – allerdings dann mit größter Konsequenz durchgeführt habe –, ist die Liquidation der Juden.“

Warum er den Befehl zur Zerstörung von Paris nicht ausführte, darüber gehen die Meinungen der Forschung auseinander. Die Details zu den Vorgängen der letzten Stunden in der deutschen Kommandantur liegen im Dunkeln. Ob er aus Überzeugung widerstand oder einfach nur zu lange zauderte, ob er Kontakte zu den Widerständlern, gar zu de Gaulle unterhielt, wie das Buch „Paris muss brennen“ von Dorninique Lapierre und Larry Collins aus dem Jahr 1964 behauptet – all das bleibt Spekulation. Klar ist nur, dass Choltitz die Stadt am 25. August an den Kommandanten der regulären französischen Streitkräfte übergab, ohne dass die Sprengsätze gezündet worden waren. Andernfalls wäre Paris, wie wir es heute kennen, nicht mehr vorhanden.

Rettung von Paris als Kammerspiel

Auf mehr als Spekulation, auf weitgehender Fiktion beruht auch der Film „Diplomatie“ von Volker Schlöndorff. Der biographisch tief mit Frankreich verbundene 75-jährige Regisseur inszeniert – nach einem Theaterstück von Cyril Gély – die Rettung von Paris als Kammerspiel. Die Kammer ist das Büro des Generals im feinen Hotel Meurice in der Rue de Rivoli, nahe dem Louvre, das als Sitz des Stadtkommandanten requiriert ist. Hier sieht der deutsche General gefasst seinem persönlichen Untergang entgegen. Da steht, durch einen Geheimgang und eine versteckte Tür hineingelangt, plötzlich Raoul Nordling, der schwedische Generalkonsul, in Choltitz’ Zimmer.

Nordling, mit dem der reale Choltitz tatsächlich mehrfach verhandelt hatte, ist der graumelierte, charmante Doyen der Pariser Diplomatenszene, ein Liebhaber der Stadt, der Choltitz über seine Ziele nicht lange im Unklaren lässt: Er will den General davon überzeugen, von der geplanten Zerstörung der Stadt abzusehen und sie kampflos zu übergeben. Der Menschheit, der Vernunft, den kommenden Generationen zuliebe.

Nun hätte der ohnehin gereizte, von Atemnotanfällen geplagte General seine im Vorzimmer stationierte Ordonnanz anweisen können, den Schweden kurzerhand hinauszuwerfen oder gleich ins Jenseits zu befördern. Allein, es sind die letzten Reste der Kampfeslust, die den Alten dazu bringen, auch diesen Fehdehandschuh jetzt aufzunehmen und Rede mit Gegenrede zu erwidern.

Robert Stadlober als Leutnant Bressensdorf.  Foto: dpa

Wir erleben ein rhetorisches Duell, ein Hin und Her der argumentativen Finten, wobei der Deutsche die Macht auf seiner Seite weiß und sie ihm immer dann, wenn es gerade passt, als schlagkräftiges Argument durchaus auszureichen scheint.

Umso mehr muss sich Nordling (André Dussollier) anstrengen, den Stachel des Zweifels in den Gehorsamkeitskult des Generals (Niels Arestrup) zu senken, zum Beispiel dessen Kinder anführen, denen Choltitz die Chance nehmen würde, diese Weltstadt selbst einmal sehen zu können, diese Stadt, die niemandem gehöre, den Deutschen so wenig wie den Franzosen. Und dann beschreibt er die vielen Wunder von Paris so eindringlich, dass man sich gleich nach dem Kino in den Zug setzen möchte, und schließt: „Wie kann all das in eine Stadt mit einem so kurzen Namen passen?“

In solchen Momenten machen die zwei es sich nett, auch wenn die Vorräte kriegsbedingt zu Ende gehen. Ich hätte da noch einen Camembert, bietet der Deutsche an. Dussolier und Arestrup sind großartige Schauspieler; natürlich duellieren auch sie sich ein bisschen als Künstler. Dussoliers alerter Diplomat Nordling darf, weil er für das Gute kämpft, sich weiter von der Wahrheit entfernen, während der deutsche Grantler noch in den weichen Momenten eine charakterliche Trutzburg bleibt, die nur sehr langsam von der Charmeoffensive Nordlings aufgemeißelt wird.

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Dieses Spiel mit Volks- und Berufscharakteren weit, aber nicht zu weit zu treiben, ist große klassische Darstellerkunst. Aber unbefriedigend bleibt es doch, nicht nur für den, der Krieg ohne Schlachtgetümmel nicht sehen will. Für die Standards des Kammerspiels ist das Thema schlicht zu groß. Gerne würden wir an die Macht des Gesprächs glauben, gerne an die Sternstunden der Geschichte in Form der Begegnung zweier älterer Männer, aber die Rettung von Paris war in Wahrheit von viel mehr Faktoren bedingt und letztlich viel spannender, als es dieses durchaus gut gemachte Rededuell glauben lassen will. Der kühne Griff der dramaturgischen Reduktion ist schneidig, ein Triumph aber ist er nicht.

Diplomatie Dt., F. 2014. Regie: Volker Schlöndorff, 84 Minuten.

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