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Film

20. Dezember 2010

"Drei": Das Wunder von Berlin

 Von Daniel Kothenschulte
Kompliziert: Fernsehmoderatorin Hanna (Sophie Rois) und Bauzeichner Simon (Sebastian Schipper) sind ein Paar ...  Foto: x-Verleih

Tykwer-Filme waren immer kompliziert. Seine neue Produktion „Drei“, eine erotische Dreiecksgeschichte aus dem Berliner Kulturbetrieb, macht die scheinbare Unmöglichkeit der gegensätzlichen Harmonie zum Thema.

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Tykwer-Filme waren immer kompliziert. Seine neue Produktion „Drei“, eine erotische Dreiecksgeschichte aus dem Berliner Kulturbetrieb, macht die scheinbare Unmöglichkeit der gegensätzlichen Harmonie zum Thema.

Man sollte in Tom Tykwers Rückkehr aus dem Reich der internationalen Koproduktionen keine neu entdeckte Einfachheit vermuten. Hier kommt nicht der Rockstar zurück zu seinen Wurzeln und spielt Folk auf der Akustikgitarre. Es ist genau umgekehrt. Tykwer-Filme waren immer kompliziert, sie trugen einen immensen Bedeutungsüberschuss auf ihren Schultern. Auch den Genrerahmen von „Das Parfüm“ und „The International“ dehnten sie, so weit es die Umstände erlaubten. Freiheit kann für diesen Filmemacher nur bedeuten, lieber etwas zu viel als zu wenig in seinen Filmen unterzubringen ohne dass im Hintergrund ein Produzent ständig auf die Uhr sieht. Stefan Arndt, der schon Tykwers erste Kurzfilme produzierte, ist gerade aufbrausend genug, um Gelassenheit durchzusetzen.

Endlos lang wurde an Tykwers Filmen geschnitten, bis das Gewicht ihres Anspruchs nicht mehr spürbar war. Bis alles Schwere gegeneinander aufgewogen war und die Balance funktionierte. Ein paar Tricks gab es schon. In „Winterschläfer“ etwa bewegte sich Frank Griebes Kamera so schwerelos zwischen den ungleichen Charakteren wie das berühmte Verkehrsmittel in Tykwers Geburtsstadt, die Wuppertaler Schwebebahn. Noch immer lässt Tykwers Filmstil Gegensätze auf einer visuellen Ebene miteinander harmonieren. „Drei“ macht die scheinbare Unmöglichkeit dieser Harmonie zum Thema. Nur ist das Patchwork, aus dem diese dramatische Komödie gewebt ist, eine hoch artifiziell erfundene Dreiecksbeziehung aus dem Berliner Kultur- und Wissenschaftsmilieu, noch feiner gewoben. Anstatt – wie dies heute in Ensemblefilmen Mode ist – einfach ein Paket von Kurzfilmen miteinander zu verschneiden, malt Tykwer mit verschiedenen Materialien auf derselben Leinwand.

Der Rhythmus des Films ist zunächst der asynchron tickende Herzschlag einer in die Jahre gekommenen Beziehung. Während abstrahierte Bilder von Eisenbahn-Stromleitungen dekorative Parallelogramme in den Himmel schreiben, erzählt Simon, von Sebastian Schipper gespielt, ein typisches Selbstverwirklicher-Leben in Kurzfassung. Kinder- und ruhelos rast es dem Tod entgegen. Er teilt es seit zwei Jahrzehnten mit seiner österreichischen Freundin Hanna (Sophie Rois). Seine morbide Botschaft übermittelt er beim Liebesakt. Doch er lebt nicht in Gustav Klimts Wien des Fin de Siècle, sondern in der pulsierenden Gegenwart der Junge-Leute-Stadt Berlin.

Bei einer Konferenz im Ethikrat begegnet Hanna dem Stammzellforscher Adam, gespielt von Devid Striesow. In seiner unaufgeregten Amoralität gelingt es ihm, ihr verfestigtes Weltgebäude ein wenig zu erschüttern. Als sie ihn dann jedoch am Abend zufällig im Theater wiedertrifft, findet man über die diskrete Schönheit einer Robert-Wilson-Inszenierung zueinander. Es ist schön beobachtet, wie diese professionelle Kulturvermittlerin versucht, den schönen fremden Mann durch das zu verstehen, was sie schon kennt. Sicher erinnert sie der potente Wissenschaftler an Romane von Michel Houellebecq. Aber er ist noch etwas mehr.

Wer ist dieser rätselhafte Meterosexuelle, der trotz des ausfüllenden Berufs unendlich viel Zeit zu haben scheint für Sport, schwulen Männerchor, Freund und bald zwei Geliebte? Denn auch mit Simon findet er über verschlungene urbane Umwege zueinander. Je länger man über diese Figur nachdenkt, desto weniger macht sie Sinn: Devid Striesows entwaffnende Selbstverständlichkeit bringt einen neuen Rhythmus in diesen Film. Es ist ein Vergnügen zu erleben, wie die unterschiedlichen Temperamente der Figuren auch den Klang des Films verändern, Tom Tykwer hat bekanntlich seine Seele in jungen Jahren vielleicht nicht dem Teufel verkauft, aber dem Zufall. Und doch wehrt er sich als Perfektionist dagegen, sich ihm auch in der Form seiner Filme auszuliefern. Die Stärke von „Drei“ ist eine überraschende Verspieltheit inmitten der artifiziellen Konstruktion, und es ist ein absolut filmisches Vergnügen. Es überwiegt bei weitem die Schwächen im Bemühen um politischen Zeitbezug.

So liebevoll Tykwer seine Protagonisten zeichnet, so belanglos sind oft ihre Gespräche. Würde etwa Sophie Rois’ Kulturjournalistin ihren Freund im Krankenhaus besuchen, nur um ihn mit abgestandenen Argumenten einer Kopftuchdebatte aufzumuntern? Und würde ein liebenswerter Vertreter der linken Kulturbourgeoise kokett antworten, „für mich gehört der Islam ja eigentlich abgeschafft“? Nachdem Tykwers vorletzter Spielfilm „The International“ in ein nachgebautes Guggenheim-Museum führte, geht es nun um die Menschen, die in und vom Kunstbetrieb leben. Und doch leiden sie an einem Verlust der Mitte. Was ihnen fehlt, ist ein Engel. Und Tykwer wäre nicht Tykwer, wenn er nicht an das rettende Wunder glaubte.

Drei, Regie: Tom Tykwer, Deutschland 2010, 119 Minuten.

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