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"Ein Leben für ein Leben": Jede Erlösung ist surreal

Oder: Von der Unvermeidlichkeit der Wiederauferstehung - Paul Schraders "Ein Leben für ein Leben".

Jeff Goldblum als Adam ist dort, wo die Hölle der einzige Himmel ist.
Jeff Goldblum als Adam ist dort, wo die Hölle der einzige Himmel ist.
Foto: Verleih

Ein Roman mit Humor über Holocaust-Überlebende", so der israelische Schriftsteller Yoram Kaniuk über seinen 1969 erschienenen Geniestreich "Adam Hundeshohn", "dafür waren nur wenige bereit." Heute gilt das Buch auch in Israel als Meisterwerk. Noah Stollmann hat den Roman in eines der besten Drehbücher der Filmgeschichte verwandelt. Ein jüdischer und ein deutscher Produzent sind für "Adam Ressurected", die Verfilmung unter der Regie des Amerikaners Paul Schrader zusammengekommen. Ihre in den Produktionsnotizen veröffentlichten Statements sind programmatisch für die Bedenken, die diese Rollenverteilung mit sich gebracht hat.

Der jüdische Produzent Ehud Bleiberg bezieht sich auf seinen Vater, der bereits 1955 mit einer israelischen Wirtschaftskommission nach Deutschland gereist ist: "Sohn", sagte mein Vater, "wenn ich mit den Deutschen Handel treibe, dann wissen die, dass ich existiere, (…), dass das jüdische Volk weiterlebt. Tu Du dasselbe". Der deutsche Produzent Werner Wirsing hebt hervor, man habe nicht nur einen guten Film machen, sondern "ein Zeichen der Verständigung setzen wollen." Dass dies alles gesagt werden muss, betont, dass noch immer nichts selbstverständlich ist in deutsch-israelischen Beziehungen, schon gar nicht die Arbeit an einem Film, in dem der deutsche Schauspieler Joachim Król einen Holocaust-Überlebenden und sein amerikanischer Kollege Willem Dafoe einen SS-Mann spielt.

"Ein Leben für ein Leben", so der deutsche Titel, ist kein Holocaust-Film. Keine Satire, kein Drama, kein Post-Holocaust-Happy-End. Komik, Schmerz und das Verlangen, wie ein Phönix aus der Asche der Krematorien aufzuerstehen, blitzen auf und verschmelzen in etwas Größerem. "Ein Leben für ein Leben" ist eine filmische Metamorphose. Nicht nur die Hauptfigur Adam Stein und mit ihr Jeff Goldblum in seiner anspruchvollsten Rolle, auch der Film verwandelt sich dank der einfallsreichen Kameraführung von Sebastian Edschmid unablässig. Resignation und Hoffnung, Gottesverachtung und Gottsuche, Zynismus, Selbsthass, das ebenso zerstörerische wie befreiende Lachen des (Über)Lebens, all das verzahnt sich und schlägt am Ende ein über Tod und Verlust, Rassenwahn und Nazi-Terror hinwegdonnerndes Rad, vollkommen wie die beiden Schlangen, die ineinander verbissen ein Symbol der Erneuerung formen.

Der Film beginnt im Israel des Jahres 1961. Adam Stein lässt es sich bei einer einsamen Frau gut gehen, die dem blendenden Aussehen des einstigen Berliner Kabarett-Stars erlegen ist. Doch der Kavalier ist eine gespaltene Persönlichkeit. Neben seiner Verehrung für die Schönheit und das Licht der Aufklärung, haust eine dunkle Seele in seinem mageren Körper. Sie lässt seine Geliebten beim Sex bellen und schlägt zu. So wird Adam wieder einmal in die Wüste geschickt. Mitten im gleißendem Sand, ausgegrenzt wie eine Lepra-Kolonie, gehütet wie ein Tabu, erhebt sich die Festung der Holocaust-Überlebenden, eine Klinik für unheilbar Traumatisierte. Adams Rückkehr elektrisiert die Patientinnen ebenso wie die Krankenschwester Rachel, mit der er seinen sexuellen Obsessionen frönt. Seine Narrenfreiheit beruht nicht nur auf seinem verführerischen Esprit. Adam ist ein Rätsel, das zu bluten beginnt, stirbt und wiederaufersteht, eine jüdisch-deutsche Anfechtung des Todes in einem blütenweißen Anzug. Erwacht zu neuem Leiden, findet Adam den Grund seines diesmaligen Anfalls: Im Haus muss ein Hund sein.

Rückblenden, die der bizarren Logik des Traums zu folgen scheinen, delirierende Farben, die die Wüste der Depression nicht kennt, reißen den Betrachter, unerwartet und aufwühlend, mit in Adams Vergangenheit. Vom übersinnlichen Liebling der Berliner Vorkriegsjahre, bis zum Juden, der in Auschwitz ausgerechnet an einen Lagerkommandanten gerät, dem er einmal das Leben gerettet hat, durchläuft Adam eine Niederauffahrt, in der die Hölle der einzige Himmel ist. Willem Dafoe spielt, grandios maliziös, den KZ-Kommandanten Klein, der Adam verschont. Um den Preis, dass Adam, bellend und winselnd, Kleins Hund wird. Nur gelegentlich muss er als Mensch vor der Gaskammer Geige spielen.

Adams vernichtende Erinnerung ist in ihm verschlossen, bis er in der Klinik auf den Hund trifft, der einmal ein kleiner Junge war. Ihre gegenseitige Heilung ist ein jüdischer Witz, der den tödlichen Ernst der Entmenschlichung entmachtet. Jede Erlösung ist surreal. Doch Paul Schraders Vision von der teuflischen Versuchung und der göttlich-menschlichen Selbstüberwindung gereicht Jesus, Freud und dem Kino gleichermaßen zur Ehre.

Ein Leben für ein Leben - Adam Resurrected, Regie: Paul Schrader, Deutschland/USA/Israel 2008, 102 Minuten.

Autor:  HEIKE KÜHN
Datum:  19 | 2 | 2009
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