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Film

03. Juli 2008

"Happy-Go-Lucky": Mit Schirm, Charme und Blumen

 Von HEIKE KÜHN
Sally Hawkins als Poppy (r.) und ihre Mitbewohnerin Zoe (Alexis Zegerman) lassen sich die gute Laune nicht verderben.  Foto: tobis

Als Mary Poppins von zwei ungezogenen Bankierskindern hört, spannt sie bekanntlich ihren Regenschirm auf und fliegt nach London. Mike Leigh porträtiert in "Happy-Go-Lucky" eine unbeirrbar frohsinnige Lehrerin.

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Als Mary Poppins von zwei ungezogenen Bankierskindern hört, bei denen keine Gouvernante länger bleiben will, spannt sie bekanntlich ihren Regenschirm auf und fliegt nach London. Den armen reichen Kindern bringt sie bei, ihr Erspartes für Taubenfutter auszugeben und über Pflastermalereien zu hüpfen, die sich zum Reich der Fantasie ausdehnen.

Poppy, die Heldin aus Mike Leighs Film "Happy-Go-Lucky" ist nicht nur namentlich nahe dran an der zauberhaften Nannie, sie hat auch etwas von ihrer Magie, wobei die ihre lediglich auf unbeirrbarem Frohsinn basiert.

Anstelle eines Regenschirms besitzt Poppy ein altes Fahrrad, auf dem sie durch London segelt, angetan mit bunten Fetzen wie eine Windsbraut, die einen Regenbogen gerammt hat. Aber was heißt es schon, etwas zu besitzen? Der Weise liebt und lässt los, der Clown lacht Tränen über die Illusion der Unveränderlichkeit. Poppy erleichtert sich das Leben, indem sie solchen Maximen nicht nachhängt. Während sie eine Buchhandlung besucht, wird ihr Fahrrad gestohlen. "Und ich konnte mich nicht einmal verabschieden", sagt Poppy in der Hoffnung, dass ihr Fahrrad ihr diese Unhöflichkeit nicht krumm nimmt.

Es ist gerade Wochenende. Gemeinsam mit ihrer Mitbewohnerin Zoe und ihrer jüngeren Schwester Suzy stürzt sich Poppy, das (Mohn-)Blumenkind, ins Nachtleben. Ein roter Flederwisch, notgelandet auf einer Blütenbluse, ein smaragdgrünes Röckchen aus einem Outlet für Kobolde, goldene Beinkleider über den Netzstrümpfen einer Li-La-Laune-Fee, schon ist Poppy gerüstet, das Ungemach der Welt niederzuringen. Ist sie nicht nur farbenblind, sondern auch wahrnehmungsgestört? Jedenfalls passt sie nicht zur üblichen Mike-Leigh-Tristesse.

Normalerweise sprengen Mike Leighs Filme, etwa "Life is sweet" von 1991, die Vorstellung vom harten, aber herzlichen working-class-Alltag mit Wucht - unausgesprochene Vorwürfe und unerfüllte Begierden implodieren und brennen Löcher in die Durchschnittsfamilie. Diesmal hat Leigh den Spieß umgedreht und stochert in der Wunde eines allgegenwärtigen Misstrauens. Können wir so viel Wohlwünschen, wie Poppy es kichernd abstrahlt, überhaupt ertragen?

Das Gute, wie Poppy es sieht, ist überall, und es ist komisch. Sally Hawkins, als Poppy völlig von der Rolle, hat in diesem Jahr für ihre schauspielerische Leistung den Silbernen Bären der Berlinale gewonnen. Wer glaubt, dass derart weltfremde Begeisterung für alles und jeden, Penner und Griesgrame eingeschlossen, der manischen Phase einer Depression entspringt, wird von Poppys entschiedener Berufstätigkeit überrascht.

Als moderne, selbstironisch in der Realität verankerte Mary Poppins unterrichtet Poppy in einer Grundschule. Die Freude, mit der sie Unterrichtsstunden in Happenings verwandelt, wird nur von ihrem Verantwortungsgefühl übertroffen. Einen misshandelten kleinen Jungen zum Beispiel, der sein S.O.S- Signal anderen Schülern mit Fäusten ins Gesicht zeichnet, bringt sie ebenso zartfühlend wie bestimmt dazu, mit dem Sozialarbeiter Tim zu sprechen.

Tim ist farblich zurückhaltend, lässt aber Poppys Gesicht leuchten. Die beiden schenken sich die Liebesmüh des Taxierens und Hofierens, der vorsichtig dosierten Ein- und Zugeständnisse, und reden stattdessen. Dabei und danach. Wie einfach das sein kann, und so schön daneben. Poppy Golightly.

Der Defätismus wartet auf Poppy in Gestalt ihres Fahrlehrers Scotts. Autofahren muss lustig sein, glaubt die Ex-Fahrradbesitzerin. Und das ist es - wenn auch aus Scotts Perspektive eher unfreiwillig. Aufs Schlimmste hoffend, verkörpert der rassistische Schwarzseher Scott den Kleinmut übellauniger Anpassung. Poppy ist ihm suspekt. Sie wohnt mit einer Frau zusammen, muss also lesbisch sein. Und ihre Absätze sind zu hoch, um "die tödliche Waffe Auto" beherrschen zu können.

Als Scott einen Kuss zwischen Poppy und Tim beobachtet, bricht sein Stalker-Wahn aus. Plötzlich glaubt er, dass Poppys Lachen und ihre hohen Absätzen bedeuten, dass sie von ihm sexuelle Avancen erwartet. Unbekümmertheit verleitet in einer zielorientierten Gesellschaft zu bösen Fehlinterpretationen.

Muss Poppy sich also ändern? Das Gute im doppelten Sinn zu sehen, das verlangt auch nach anderen Film-Sehgewohnheiten. Mike Leigh setzt uns nicht die rosarote Brille auf, er lenkt unseren argwöhnischen Blick auf die Filmgeschichte. Angst, Schuld und Verderben gehen immer. Aber das Gute fliegt uns zu, mit Schirm und Charme. Wir müssen es nur landen lassen.

Happy-Go-Lucky, Regie: Mike Leigh, GB 2008, 118 Minuten.

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