Was ist eine Erinnerung? Ein unsicheres Gelände(r), sagen Neurophysiologen: Nach drei Tagen verwandele das Gedächtnis eine Erinnerung in einen Mythos. Was ist eine Erinnerung im Kino? Eine Rückblende, lehrt die Filmgeschichte oft. Eingebettet in die Klammern einer "Jetzt-Zeit-Erzählung" öffnen sich narrative Fenster in die Vergangenheit und erzählen, wie Held oder Heldin wurden, was sie sind.
Ingmar Bergman beschritt in "Wilde Erdbeeren" einen radikal anderen Weg. Sein achtzigjähriger Protagonist begibt sich an die Orte seiner Jugend. Dort liegt die Schöne neben ihm, die sich nicht verändert hat. Graues Haar und Runzeln treffen in einem zweidimensionalen Refugium auf die unveränderliche Gestalt der Jugend und die Macht der Erinnerung, die unsere Liebe über Zeit und Raum, Verfall und Tod hinwegrettet. Seitdem hat das Kino die Fraßspuren der Zeit immer wieder beseitigt. Es ging zurück in die Zukunft oder brutal hinein ins Gehirn unzähliger Gehirngewaschener, die von den Replikanten aus "Blade Runner" bis zum Helden von "Total Recall" nicht wissen, dass ihre Erinnerung eine biomechanische Erfindung ist.
Harry Potter und der Halbblutprinz, Regie: David Yates, GB/USA 2009, 153 Minuten.
J.K. Rowling hat mit ihrem siebenteiligen Abenteuer von Harry Potter und seinen Freunden Ron und Hermine eine Möglichkeit eröffnet, die das Kino reizen musste. Früh taucht in den Verfilmungen ihrer Romane das Phänomen der auf Flaschen gezogenen Erinnerung auf. Einmal mit dem Zauberstab an die Stirn getippt, und ein Fluidum fließt in eine Phiole. In Hogwart, der Schule für Zauberei, verfügt ihr Leiter Professor Dumbledore über eine Art Tauchbecken, in das die Gedächtnis-Phiolen geschüttet werden.
Harry Potter und der Halbblutprinz, Trailer, GB/USA 2009
Steckte Harry, der Auserwählte und einziger Überlebende im Kampf gegen den bösen Lord Voldemort, seinen Kopf in diese Unter-Gedankenstrom-Welt, konnte er Dumbledores Weisheit mit eigenen Augen schauen und wir mit ihm. In der Adaption von "Harry Potter und der Halbblutprinz", grandios inszeniert von David Yates und gewohnt funkensprühend unterstützt vom bewährten Team (Drehbuch Steve Kloves, visuelle Effekte Tim Burke, Kostümdesignerin Jany Temime), zeigen sich nun, passend zum pubertären Alter der Zauberlehrlinge, erstmals die Tücken ausgewachsener Manipulation.
Da Voldemort vom Tode auferstanden ist, wird es für die Widerständigen unter Dumbledores Führung dringlicher, hinter das Geheimnis seiner Zählebigkeit zu kommen. Der Schlüssel dazu verbirgt sich in der Erinnerung von Professor Slughorn, einem emeritierten Lehrer der Dunklen Künste, der einst den sechzehnjährigen Tom Riddle unterrichtete, bevor der begabte Junge zum gefürchteten Lord Voldemort wurde. So köstlich die Szene ist, in der Dumbledore den eitlen Professor aufspürt und für Hogwart wiedergewinnt, so bedrückend ist die Erkenntnis, dass Slughorn seine Erinnerung an die Ausbildung des Bösen wissentlich verfälscht hat.
Was er für Harry und Dumbledore abfüllt, gibt nur Wunschdenken wieder. Nie und nimmer, habe er dem gefährlich neugierigen Riddle den Spruch verraten, der es einem dunklen Magier ermöglicht, mordend seine Seele in Scheibchen zu schneiden und für den Fall seines Ablebens in Seelen-Trägern zu bewahren, die sich an den Sperma-Banken der Muggle zu orientieren scheinen.
Die verdrängte Erinnerung des Schreibtischmagiers und die abgespaltene Persönlichkeit des magischen Diktators und Serienmörders geben den Ton vor für den Verlust von Kindlichkeit, der die letzten Bände der Reihe prägt. Zur Suche nach den machterhaltenden Spaltprozessen des Bösen, gehören unheimliche Begegnungen mit unreifen oder untoten Wesen, die Dumbledores Kraft übersteigen. Harrys magischer Ziehvater muss unter dramatischen und verwirrenden Umständen sein Leben aufgeben. Harry, noch immer vorzüglich gespielt von Daniel Radcliffe, muss eine Verantwortung übernehmen, die daran gemahnt, dass der Zauber-Zyklus eine Paraphrase auf das Leben unter einem heraufziehenden Terror-Regime ist. Dazu gehören die Auftritte der fabelhaft furiosen Helena Bonham Carter in der Rolle der Todesesserin Bellatrix Lestrange.
Zu Beginn des von Tricktechnik und psychoanalytischer Komplexität gleichermaßen profitierenden Films, überschreiten Bellatrix und ihr Sturmtrupp die Grenze zur menschlichen Welt und zerlegen die Londoner Millenium Bridge. Der Ernst der Lage, zu dem auch Harrys langjähriger Gegner Draco Malfoy als un-menschlich überforderter Todesser-Adept beiträgt, wird komisch aufgelockert, wenn Harry und seine Getreuen dem tückischsten aller unsichtbaren Feinde ausgeliefert sind. Ihre Hormone spielen verrückt und verwandeln sie in ganz normale 16- bis 17-jährige, die vor Liebeskummer durchdrehen.
Wer wen liebt und bekommt, ist seit langem angelegt, doch der Charme von fehlgeleiteten Liebeszaubern und der realen Magie des Begehrens funktioniert dennoch prächtig: Hier kann man zusehen, wie Erinnerungen angelegt werden.