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Film

22. Januar 2016

„Hier ist John Doe“: Der befreiende Schrecken über sich selbst

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„Hier ist John Doe“: Barbara Stanwyck und Gary Cooper als Verbündete für eine – eigentlich – gute Sache.  Foto: Warner Bros

Frank Capras Film „Hier ist John Doe“ von 1941 erzählt davon, wie aus dem Guten das Grauenhafte wird. Ein Wiedersehen, aus dem man auch heute noch etwas lernen kann.

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Fast jedes Jahr zu Weihnachten kann man bei irgendeinem Sender „Ist das Leben nicht schön?“ von 1946 sehen. „Arsen und Spitzenhäubchen“ (1944) brachte mich in meiner Kindheit und bringt mich heute wieder zum Lachen. Zwischen 1934 und 1938 erhielt Frank Capra (1897-1991) dreimal den Oscar für die beste Regie. Der gebürtige Sizilianer, Sohn eines 1903 emigrierten Obstpflückers, finanzierte sich sein Chemieingenieur-Studium mit allen möglichen Jobs. Seinen ersten Film drehte er 1922 nach einer heftigen Erkrankung an der Spanischen Grippe und nach ein paar Jahren als Handelsvertreter. Zehn Jahre später gehörte er zu den erfolgreichsten Filmregisseuren der USA.

Vor 75 Jahren, 1941, kam „Hier ist John Doe“ heraus, ein heute sehr aktuell wirkender Film. Eine Zeitung bekommt einen neuen Besitzer und damit einen neuen Kurs. Redakteure werden entlassen. Darunter auch die Reporterin Ann Mitchell, gespielt von Barbara Stanwyck. Die tippt noch schnell einen erfundenen Brief eines erfundenen John Doe in die Schreibmaschine. John Doe prangert darin beredt die aussichtslose Lage des kleinen Mannes an und gibt bekannt, dass er sich Heiligabend umbringen wird. Die bereits geschasste Redakteurin überzeugt den Chefredakteur davon, dass die Geschichte ein Coup sein könnte, wenn man jemanden findet, der sich für diesen John Doe ausgibt. Ein arbeitsloser Ex-Baseball-Spieler, dargestellt von Gary Cooper, bekommt diesen begehrten Job.

John Doe lässt die Auflage der Zeitung in die Höhe schnellen. Er tourt durch die USA, spricht zu immer mehr Menschen über das Elend und dass man es nur abschaffen wird, wenn man sich zusammenschließt. Überall im Land entstehen John-Doe-Clubs, die sich für die Rechte der kleinen Leute einsetzen. Der Zeitungsverleger hat schneller als der Zuschauer begriffen, was für ein Potenzial in dieser Massenbewegung steckt. Er finanziert die Organisation der Clubs und macht aus Joe Doe eine Marke.

Es dauert ein wenig, bis der Zuschauer begreift: Dem Zeitungsmagnaten geht es nicht um den Profit, sondern darum, den Habenichtsen auch noch ihre Rechte zu nehmen.

Die organisieren sich fleißig in den John-Doe-Clubs. Sie versuchen, die Politiker herauszuhalten. Es sollen, so meinen sie, die Betroffenen selbst ihr Schicksal in die Hand nehmen. Auch die Reporterin und John Doe glauben, sie würden helfen bei der Selbstorganisation der Zu-kurz-Gekommenen. Doe hält flammende Reden, in denen er nicht müde wird, von den Hindernissen zu sprechen, die den einfachen Leuten in den Weg gelegt werden, die aber alle münden in ein begeisterndes „Wir schaffen das“. Er ist überzeugt von dem, was er erzählt. Er hat fast vergessen, dass er nicht John Doe ist, dass es diesen frisch geborenen Helden der Nation nicht gibt.

Selbst sehen

Im Internet ist Frank Capras Film „Hier ist John Doe“ inzwischen auf Deutsch und in voller Länge (122 Minuten) zu sehen.

DVDs, unter den deutschen Titeln „Hier ist John Doe“ und „Wer ist John Doe?“, kosten zwischen 8 und 12 Euro.

Das Prinzip Hoffnung ist die Erfindung einer Marketingstrategin. Man könnte freilich auch genau umgekehrt argumentieren: Was als Werbegag begann, wurde zu einer politischen Kraft. Die Frauen und Männer in den Clubs sehen sie als Chance zur Erweiterung ihrer politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Interventionsmöglichkeiten. Sie beginnen sich, mitten in der Jahren der Depression nach dem Börsencrash, stark zu fühlen, glauben wieder an sich und ihre Zukunft.

Diese politische Kraft lebt von dem Vorbild John Doe, von seiner herzzerreißenden Geschichte. Die aber ist eine Erfindung der Journalistin Ann Mitchell. Sie wird dafür vom Verleger gut bezahlt. Auch der falsche John Doe muss sich keine Sorgen mehr darüber machen, was er am nächsten Tag zu essen bekommt. Sie sind gekauft. Sie wissen es nur noch nicht. Sie wollen es auch nicht wissen. Zu begeistert sind sie von ihrem Erfolg, der ja der Erfolg einer guten Sache ist.

Die beiden sind sich nahe gekommen. Auch weil sie beide an das glauben, was Ann Mitchell schreibt. Sie sehen sich als wichtige Elemente in einem die ganzen USA ergreifenden Umwälzungsprozess, der die John Does, die Otto Normalverbraucher der Gesellschaft, in die Lage versetzt, sich gegen das große Geld, gegen die politischen Apparate durchzusetzen. Der Film transportierte sicher die verführerische Euphorie dieses Enthusiasmus in die Kinos der frühen Vierziger, ein paar Monate bevor der Krieg auch die USA aus der Depression führte.

Erst als der Verleger der Reporterin sagt, dass die John-Doe-Clubs eine Partei gründen und den Verleger als Präsidentschaftskandidaten an die Spitze stellen sollen, begreift Ann Mitchell endlich, was sie schon lange hätte begreifen können. Sie und John Doe und vor allem die Hunderttausenden, die sich inzwischen in den Clubs organisieren, sind nützliche Idioten einer Kamarilla aus Geschäftsleuten, die der Demokratie den Garaus machen möchte. Der Kult um den messianischen John Doe ist jetzt das Haupthindernis bei der Verhinderung des Staatsstreiches durch den Verleger. Der kann sich hinstellen und John Doe als Lügner entlarven. Der Verleger muss nur sagen, dass er das Opfer der Märchen Does und Mitchells war, die Clubs aber weiter unterstützen wird.

Aussicht auf ein Happy-End

Damit hört der Film nicht auf. Es ist ein Frank-Capra-Film. Also gibt es ein Happy-End. Oder doch wenigstens die Aussicht auf eines. Jedenfalls scheitert der Putschversuch. Dieses Mal.

Vor einem halben Jahrhundert wurde viel über „Faschismus-Theorien“ debattiert. Hat Frank Capras „Hier ist John Doe“ dabei jemals eine Rolle gespielt? Dabei ist dem Film der Schrecken anzusehen, dass das Gute oder das wenigstens gut Gemeinte zum Schlimmsten werden kann, ohne dass man es merkt. Man kann an das Beste im Menschen appellieren, um sein Bösestes hervorzulocken.

Die Assoziationen, die sich beim Betrachter einstellen, sind die zum italienischen Faschismus, zum frühen Nationalsozialismus. Aber natürlich denkt man auch an die Bilder aus der Sowjetunion. Menschen zu mobilisieren, um sie in den Abgrund zu treiben, ist keine kapitalistische Besonderheit. Die Bolschewiki verstanden sich auch sehr gut darauf. Es gibt Situationen, da bedarf es keines „Verlegers“, da verwandelt sich John Doe selbst in einen Diktator. Es gab nicht nur im 20. Jahrhundert viele Gelegenheiten in sehr unterschiedlichen Milieus, in sehr unterschiedlichen Maßen, solche Metamorphosen zu beobachten.

Und die Liebesgeschichte zwischen Ann Mitchell und John Doe? Ist das nicht Hollywoodgesülze? Sicher. Zumal wenn man weiß, dass Gary Cooper die Rolle annahm, ohne auch nur einen Blick ins Drehbuch zu werfen, weil er schon immer mal mit Barbara Stanwyck arbeiten wollte.

Aber. Es gibt immer ein Aber. Die beiden erleben eine Geschichte miteinander. Sie machen aus einem Reklamegag etwas Gutes, und sie begreifen, dass ihnen das nicht gelungen ist. Sie lernen, dass sie noch einmal neu anfangen müssen. Diese Geschichte schweißt sie zusammen.

Das Märchenhafte entsteht durch den Einsatz des Zeitraffers. Ein Prozess, der im Leben über Jahre, Jahrzehnte sich erstreckt hätte, findet hier in ein paar Wochen statt. Das verzerrt die Wahrnehmung, lässt uns aber die Struktur des Prozesses viel deutlicher erkennen. Liebe ist auch das Vermögen, die Gelegenheit, das Glück, etwas gemeinsam zu tun. Gemeinsam politisch entflammt und politisch enttäuscht zu werden und doch nicht aufzugeben, auch das bringt Ann Mitchell und John Doe zusammen. Dazu gehört, dass John Doe nicht mehr John Doe sein muss. Er hört auf, das fantasierte Kunstprodukt seiner Geliebten zu sein. Er ist wieder er selbst.

Es gibt eine wichtige Lektion des Films, die sich vielleicht heute erst erschließt. Das Entsetzen darüber, dass das Beste zum Bösen ausschlägt, wird nicht abgewehrt, sondern aufgenommen. Der Film schiebt diese Erfahrung nicht ab in die fernen Länder, in denen es passiert. Er entfaltet seine Kraft nicht dadurch, dass er versucht, die eigene Welt freizuhalten von dem Geschehen in Europa. Der Film konstruiert keinen kulturellen Unterschied, der dem US-Zuschauer erklärt, warum die Massenbewegung zur Massenvernichtung in Europa immer mehr Anhänger gewinnt. Ganz im Gegenteil, die Einsichten in die Mechanismen der totalitären Ordnungen werden nutzbar gemacht, um die eigene Lage und das in ihr sich entwickelnde Zerstörungspotenzial sichtbar zu machen.

Das in der Fremde geschehende Schreckliche wird nicht genutzt, um das Fremde zu diffamieren. Es wird beschrieben, nachgespielt, um zu verhindern, dass es sich im eigenen Lande breitmacht. Man übersetzt es ins Eigene, weil man weiß: So fremd ist uns dieses Schreckliche nicht, dass es nicht auch ein Teil von uns werden könnte. Wir verhindern das, indem wir uns vor Augen führen, wie sehr es schon ein Teil von uns ist. Der Schrecken, den wir empfinden, wenn wir uns so sehen, wird uns frei machen. Nicht die Abgrenzung.

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