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Film

23. Dezember 2014

"Honig im Kopf": Opa soll nicht weg

 Von 
Dieter Hallervorden als Amandus.  Foto: dpa

Til Schweigers neuer Film „Honig im Kopf“ erzählt vom Leben mit einem Alzheimer-Kranken. Und Dieter Hallervorden erweist sich als ein schauspielerisches Ereignis.

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Bei Omas Beerdigung fällt es zum ersten Mal auf: Opa Amandus verwechselt diverse Namen, und seine Abschiedsrede wirkt im Ganzen recht exzentrisch. Die Familie denkt sich zunächst nichts dabei, doch dann kommt es zu weiteren Ausfällen, und bald ist klar, dass Amandus nicht länger selbstständig leben kann. Er zieht mit ein ins Haus seines Sohnes Niko und der Schwiegertochter Sarah.

Seine Enkelin Tilda freut sich darüber, und sie findet es auch nicht so schlimm, wenn Opa statt des Kuchens mal ein Paar Pumps in die geheizte Backröhre stellt. Tilda findet den Opa lustig und anarchisch; für beides haben Kinder ohnehin einen Sinn. Die Elfjährige ist indes nicht dabei, als Opa dann in den Kühlschrank uriniert – was den heftigen Streit zwischen Tildas Eltern darüber, wie man angemessen mit diesem Alzheimer-kranken Familienmitglied umgeht, rapide beendet. Klar ist nun: Amandus soll ins Heim. Deswegen will Tilda mit Opa nach Venedig durchbrennen. Nur vergisst der alte Mann nach einer Pinkelpause leider, wieder einzusteigen in den Zug. Aus der gemeinsamen Reise wird im Wortsinn ein Road Trip.

„Honig im Kopf“ heißt der neue Film von Til Schweiger. Man hätte gewiss alles Mögliche von diesem Schauspieler, Regisseur, Produzenten und Drehbuchautor erwartet – nur nicht einen Film über Demenz. Aber warum eigentlich nicht? Warum sollte so jemand wie Til Schweiger, der im Frieden zu leben scheint mit seinem Image als Kraftkerl, sich nicht auch Themen zuwenden, deren Unterhaltungspotenzial gemeinhin als begrenzt angesehen wird?

Schweigers Erfahrungen mit Alzheimer sind sehr persönlicher Natur; er hat seinen dementen Großvater gepflegt. Und auch die Co-Drehbuchautorin Hilly Martinek war unmittelbar mit der Krankheit konfrontiert: Ihr Vater starb relativ jung an Alzheimer.

Beider Zusammenarbeit führte nun keineswegs zu einem hyperrealistischen Drama. Nein, „Honig im Kopf“ ist vielmehr eine schöne Tragikomödie, die so allerdings nur funktionieren kann, weil eben die eigentlich mit der schwierigen Entscheidung betraute Elterngeneration in die zweite Reihe zurücktritt zugunsten der innigen Verbindung zwischen einem Kind und seinem Großvater.

Idealistische Note

Natürlich hat die bedingungslose Akzeptanz, die Tilda (Emma Schweiger) ihrem Opa Amandus (Dieter Hallervorden) entgegenbringt, auch eine idealische Note – so gut wie nie ist das Mädchen überfordert mit dem Alten; immer sieht sie das Schöne, Inspirierende der Gemeinschaft auf Reisen, wobei die beiden auch noch segensreiche Hilfe von allen Seiten erfahren.

Aber das ist eben Til Schweiger: Er macht bewusst wertekonservatives Mainstream-Kino für Deutschland und legt dabei besonderes Augenmerk darauf, dass sein Publikum mit einer gewissen Hoffnung aus dem Kino entlassen wird. Also werden die Zuschauer von einer freundlichen Regie in die Lage versetzt, sogenannte harte Themen überhaupt erst auszuhalten.

Und so fügt es sich auch, dass in diesem Film alles wieder sehr schön aussieht: die Interieurs wie die Außenaufnahmen und besonders die Bilder aus Venedig, der alten Lagunenstadt mit ihren prachtvollen Palästen.

Eine deutsche All-Star-Besetzung sorgt zudem für Geborgenheit. Aber auch für Witz: Katharina Thalbach bringt als Mutter der gelegentlich übererregten Sarah (Jeanette Hain) eine gewisse Exzentrik ein; Jan Josef Liefers mimt als Sarahs Chef und Seitensprung die schnöselige Rampensau, die dann vom gehörnten Gatten Niko (Til Schweiger) ordentlich einen auf die Nase bekommt.

Für das schauspielerische Ereignis dieses Films sorgt indes Dieter Hallervorden als Opa Amandus. Stur, verletzlich, sich dann immer wieder zu Coups wie der Kühlschrankszene aufschwingend, bildet Hallervorden gemeinsam mit der gewitzt und strahlend wirkenden Emma Schweiger als Tilda das Zentrum des Films. Ohne Konflikte gingen die Dreharbeiten nicht ab; zwei Szenen wollte Hallervorden nicht spielen, die deswegen aus dem Drehbuch gestrichen wurden.

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Aber auch so ist der Film sehenswert – allein schon wegen einer Szene in einem Restaurant, deren integrative Botschaft geradezu utopisch wirkt: Behandelt die Alzheimer-Kranken immer auch wie Menschen, die ihr möglicherweise selbst später seid.

Honig im Kopf. D 2014. Regie: Til Schweiger. 139 Min.

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