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Film

04. November 2014

"Im Labyrinth des Schweigens": Jenseits der Stille

 Von 
Alexander Fehling als Staatsanwalt Radmann.  Foto: dpa

Der Spielfilm „Im Labyrinth des Schweigens“ über die Frankfurter Auschwitz-Prozesse läuft an. Es ist eine andere Art von Kino, ein Ausstattungsfilm, der in den Schauwerten imposanter Frankfurter Schauplätze schwelgt.

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Fritz Bauer ist nur eine Nebenfigur im ersten großen Spielfilm über die von ihm initiierten Frankfurter Auschwitz-Prozesse. Vielleicht hätte ihm das sogar gefallen. Gerne ließ er jüngeren Kollegen den Vortritt – Juristen, die zu jung waren, um eine Mitschuld an den NS-Verbrechen zu tragen, und auf die er seine Hoffnungen richtete: Da überall an bundesdeutschen Gerichten ehemalige Nazis wirkten, konnte erst ein Generationswechsel einen Neuanfang bedeuten.

Zwei der jungen Staatsanwälte, denen Bauer zutraute, den größten Strafprozess der bundesdeutschen Geschichte vorzubereiten und zu führen, Georg Friedrich Vogel und Joachim Kügler, sind bereits verstorben. Ein dritter, Gerhard Wiese, lebt noch heute in Frankfurt und ist mit 86 Jahren ein gefragter Vortragsredner. Er wäre sicher ein guter Berater gewesen für das Filmdrama „Im Labyrinth des Schweigens“, doch dessen Regisseur und Co-Autor Giulio Ricciarelli verzichtete gleich auf alle drei potentiellen Protagonisten und erfand sich einen neuen namens Johann Radmann. Als Wiese den Film sah, nannte er ihn „einen Spielfilm, der mit unserer Arbeit damals nichts zu tun hat“.

Nun können erfundene Geschichten dennoch Wahrhaftigkeit besitzen. Gerade läuft mit Christian Petzolds „Phoenix“ ein Film in den Kinos, der von der Verdrängung des Holocaust in der unmittelbaren Nachkriegszeit erzählt. Gewidmet hat Petzold ihn Fritz Bauer.

„Im Labyrinth des Schweigens“ ist eine andere Art von Kino. Es ist ein Ausstattungsfilm, der in den Schauwerten imposanter Frankfurter Schauplätze schwelgt, die man nicht alle Tage auf der Leinwand sieht – gedreht wurde unter anderem im IG-Farben-Haus, im Römer und im Höchster Bolongaropalast. Der seinem Thema aber so wenig traut, dass er erst einmal alles ausschüttet, was historische Genrefilme angeblich sonst noch brauchen: Eine nostalgisch-überzuckerte Ausstattung, in der Radmann (Alexander Fehling) in seinem möblierten Zimmer pikiert den „röhrenden Hirsch“ abhängen muss, selbst für das Jahr 1958 ein seltenes Prachtexemplar. Heute wäre es der Stolz jeder Szenekneipe. Ist dieser Kampf gewonnen, muss sich Radmann nacheinander mit einer schwierigen Liebesbeziehung zu einer Modeschöpferin, einem Alkoholproblem und der Erkenntnis herumschlagen, dass sein eigener Vater Nazi war (Bauer soll bei der Auswahl seiner Mitarbeiter streng darauf geachtet haben, solche Konflikte zu vermeiden).

Im Labyrinth der Genres

Kein Wunder, dass da für Bauer nicht viel Leinwandzeit bleibt. Das ist umso bedauerlicher, als ihm der nach den Dreharbeiten verstorbene Burgschauspieler Gert Voss mit einnehmender Zurückhaltung eine bestechende Präsenz verleiht.

Dennoch schmälert der unter Mitarbeit des Fritz-Bauer-Instituts entstandene Film Bauers Verdienste schon bei der ersten Gelegenheit. Bekanntlich wurde ihm das entscheidende Beweismaterial, eine Liste, die sich auf angeblich auf der Flucht ermordete Auschwitz-Insassen bezog, von einem Lokalredakteur der Frankfurter Rundschau zugeführt – dem 1965 verstorbenen Autor und Journalisten Thomas Gnielka. Umgehend leitete er die Ermittlungen ein. Im Film ist es Radmann, der mit ihm das Material bei dem Auschwitz-Überlebenden ausfindig macht – auch diese Figur fiktionalisiert, ein Maler namens Simon Kirsch. Radmann und Gnielka bringen die Erschießungsliste dann zu Bauer.

Gnielka selbst ist in der eindringlichen Verkörperung durch André Szymanski zwar ein Sympathieträger – doch es wird ihm ein Schuldgefühl unterstellt, weil er als 15-jähriger Luftwaffenhelfer in der Region Auschwitz stationiert war. Tatsächlich musste Gnielka im Umland des Lagers Häftlinge bei Zwangsarbeiten überwachen, doch man sollte wohl richtig sagen, dass es der Zorn eines Gerechten war, der ihn dazu brachte, einen Großteil seines viel zu kurzen Lebens als Journalist der Aufklärung über die NS-Verbrechen zu widmen. Der ganze Film lebt von solcher „Dramatisierung“: Als wäre das Thema nicht stark genug, müssen an allen Enden psychologische Zuspitzungen her. Fast schon fanatisch sieht man Gnielka nun über die Gerichtsflure poltern und eine junge Angestellte anherrschen: „Wie alt sind Sie? Dann haben Sie sicher noch nie etwas von Auschwitz gehört.“

Tatsächlich hatte Gnielka in der FR aufgedeckt, wie Altnazis in der Versorgungsbehörde bewusst die Wiedergutmachungsanträge von Holocaust-Überlebenden verschleppten. So hatte er sich das Vertrauen jenes Opfers erworben, das ihm das Beweismaterial überließ. Die Rundschau würdigte seine Arbeit mit einem Sonderdruck, aber wer weiß noch, wie eine Zeitung damals arbeitete? Wenn im Film die FR von etwa zehnjährigen Zeitungsjungen angepriesen wird, wähnt man sich eher in den Zwanzigern.

Der junge Staatsanwalt Johann Radmann (Alexander Fehling) und Marlene Wondrak (Friederike Becht) bei ihrer ersten Begegnung im Gerichtssaal.  Foto: dpa

Als Radmann, für den Auschwitz noch ein Fremdwort gewesen ist, in der Frankfurter Stadtbibliothek nach Literatur fragt, besitzt diese nur einen Band – und der ist bereits ausgeliehen. Vielleicht wäre er im Buchladen an der Ecke fündig geworden: 1958 publizierte die Deutsche Verlagsanstalt die Autobiographie des Lagerkommandanten Rudolf Höß.

Zu Beginn verdient sich der junge Staatsanwalt im Verkehrsgericht die ersten Sporen. Rechtschaffen wie er ist, drückt er auch bei der Modeschöpferin auf der Anklagebank kein Auge zu. Lieber schießt er ihr einen Teil der Strafe aus eigener Tasche vor. Die Umwege, die sich der zweistündige Film leistet, um in die Psychologie seines Helden einzuführen, stammen aus dem Lehrbuch für Hollywood-konformes Filmerzählen. Nur dass sich diese Konventionen verselbstständigen. Auch die Erfindung eines jugendlichen Protagonisten ist so eine Hollywood-Konvention aus der Zeit, als man nur noch an ein Teenager-Publikum dachte. Wäre Fritz Bauer nicht die viel interessantere Hauptfigur?

Trailer: Im Labyrinth des Schweigens

Wenn der Verleih in seiner Presseerklärung gar behauptet, im Kino sei diese Geschichte noch nie erzählt worden, muss man an den international beachteten Dokumentarfilm „Fritz Bauer – Tod auf Raten“ erinnern: Filmemacherin Ilona Ziok hat darin mindestens so viel Öffentlichkeit für Bauer geschaffen wie ein ganzes Institut, das seinen Namen trägt. „Manche Leute in Deutschland sind immer noch der Meinung, ein ernsthafter Film dürfte die Leute nicht gut unterhalten“, sagt Produzentin Uli Putz im selben Pressetext. Das wird man am Produzenten-Stammtisch einmal sagen dürfen. Wenn es denn nur gute Unterhaltung wäre.

Ausschließlich jüdische Opfer

Doch spätestens wenn Traumsequenzen im Look billiger Horrorfilme ins Haus von Doktor Mengele führen, verirrt sich der Film im Labyrinth der Genres. Allgegenwärtig ist eine emotionalisierende Filmmusik. In einer Montagesequenz etwa machen Holocaust-Überlebende gegenüber der Staatsanwaltschaft ihre Aussagen. Nach wenigen Sätzen jedoch überdeckt Komponist Niki Reiser die bewegenden Fallgeschichten mit Klezmer-Klängen.

Reiser, einer der besten deutschen Filmkomponisten (hier arbeitete er mit Sebastian Pille) wurde bekannt mit herrlichen Soundtracks, die er für Dani Levy komponierte („Alles auf Zucker“). Musikalisch gesehen ist an der Komposition nichts auszusetzen. In der Dramaturgie aber suggeriert sie, bei den Frankfurter Prozessen hätten ausschließlich jüdische Opfer eine Rolle gespielt. Im ganzen Film ist von keiner anderen Opfergruppe die Rede. So war es jedoch nicht: Was Bauer in Frankfurt vor Gericht brachte, war das gesamte Menschheitsverbrechen, der Völkermord an den europäischen Juden, der Mord an Sinti und Roma, die Tötung von Zehntausenden von Polen und sowjetischen Kriegsgefangenen. Insgesamt wurden 360 Zeugen vernommen.

Vor den Auschwitz-Prozessen wimmelte es in Deutschland vor Holocaust-Leugnern. Fritz Bauer setzte dem ein Ende. Wenn das keine Hauptrolle wert ist… Und lange wird es wohl ja auch nicht dauern: Wie die Film- und Medienstiftung Nordrhein-Westfalen meldet, begannen soeben die Dreharbeiten von Lars Kraumes Drama „Die Heimatlosen“. Die zentrale Figur ist Fritz Bauer – gespielt von Burghart Klaußner.

Im Labyrinth der Schweigens. Regie: Giulio Ricciarelli. D 2014. 123 Min.

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