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Film

21. März 2013

„Kon-Tiki“ Thor Heyerdahl: Lange Reise, kurzweiliger Film

 Von Harald Jähner
Norwegerin und Norweger in der polynesischen Südsee.  Foto: dcm

„Kon-Tiki“, die Geschichte von Thor Heyerdahl, der mit dem Floß über den Ozean fuhr, ist der teuerste norwegische Film aller Zeiten und handwerklich perfekt. Das muss auch so sein, denn es galt, ein Abenteuer zu verfilmen, das eine gro0e Herausforderung hat - die Langeweile.

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Callao 1947. An einem Kai der peruanischen Hafenstadt liegt zwischen den großen Frachtern ein archaisches Floß aus zusammengebundenen Balsaholz-Stämmen. Darauf sechs Männer in gut sitzenden Anzügen. Alle mit Krawatte und Hut, Thor Heyerdahl gar mit Einstecktuch. In dieser perfekten Façon, so viel steht mal fest, werden sie das Ende der Reise nicht erleben.

Am Kai verabschiedet sich winkend viel Prominenz. Als sich das Floß unter dramatisch aufbrausender Filmmusik vom Festland löst, nimmt Thor Heyerdahl seinen Hut ab und senkt demütig den Kopf. Nachdenklich blickt er in den sich stetig vergrößernden Spalt zwischen Floß und Land.

Das alles ist handwerklich perfekt gemacht und so ausdrucksstark wie möglich. Das muss in diesem teuersten norwegischen Film aller Zeiten auch so bleiben, denn es galt, ein Abenteuer zu verfilmen, dessen größte Herausforderung in Wahrheit die Langeweile ist. Da kann es noch so stürmen und fliegende Fische regnen, das größte Problem der über 4000 Meilen langen Reise ist ihre Dauer. 101 Tage werden es am Ende sein. Um zu funktionieren, muss der Film die Langeweile, die das Hauptmerkmal der Reise ist, vertreiben – ein Paradox, dass er nicht schlecht meistert.

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Vor seiner Abreise hat Heyerdahl vergebens versucht, die Fachwelt davon zu überzeugen, dass Polynesien nicht von Asien aus besiedelt wurde, wie bisher angenommen, sondern von Lateinamerika. Nun bleibt ihm als Argument nur das Experiment am eigenen Leib. Er will beweisen, dass prähistorische Völker in der Lage waren, den Ozean zu überqueren. Nach den Berichten spanischer Konquistadoren bauen er und seine Crew das Floß Kon-Tiki, ohne einen einzigen modernen Nagel zu verwenden. Das Experiment gelingt, auch wenn genetische Untersuchungen seine These heute wieder in Frage stellen. Heyerdahls Buch über die Kon-Tiki wurde ein Bestseller, sein Dokfilm erhielt 1952 einen Oscar.

Tiere mit handelsüblich irrer Blutrünstigkeit

Während der Dokfilm die Entspanntheit der Reise betont, legt die Verfilmung von Joachim Rønning und Espen Sandberg Wert auf das Gegenteil. Wo Heyerdahls Film zeigt, wie man mit links Haie erlegt, erscheinen die Tiere im Spielfilm in handelsüblich irrer Blutrünstigkeit. Die meisten Verbiegungen zuliebe der Spannung muss aber die Figur des deutschen Mannschaftsmitglieds Hermann Watzinger erleiden. In Wahrheit war Watzinger ein smarter und beherzter Mann. Im Spielfilm wird der in die USA eingewanderte Kühlschrankvertreter und Heyerdahl-Vertraute zu einem ängstlichen Dickwanst, der mehrfach die Nerven verliert.

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Durch derlei Zuspitzung wird es natürlich viel leichter, dabei zuzusehen, wie das Floß fast ein Vierteljahr über die Wogen treibt, die Bärte immer buschiger und die Männer immer brauner werden. Zum Glück laufen sie nicht in den windelartigen Gebilden herum, die man in den späten 1940er-Jahren für kurze Hosen hielt und die im Dokfilm zu bestaunen sind. Der Spielfilm verpasst den knackigen Flößern Shorts in der heute angesagten Länge.

Das Ende gehört dann einer Frau, Liv Heyerdahl, die sich vom fernen Lillehammer für immer von ihrem Thor verabschiedet hat. Ihr Brief, am Ziel in Polynesien ausgehändigt, gipfelt in dem schönen Satz: „Die Ironie ist, dass das, was ich am meisten an Dir liebe, genau das ist, was uns auseinander bringt.“ Derweil pflanzen die Kerle die norwegische Fahne in den weißen Sand von Raroia.

"Kon-Tiki". Norwegen/GB u. a. 2012. Regie: Espen Sandberg, Joachim Rønning, Kamera: Geir Hartley Andreassen, 114 Min., Farbe, FSK ab 12.

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