Die Entwicklung des Kinos ist eng verbunden mit der Kriegstechnologie, nicht erst, seit Sprengköpfe auch Videobilder funken. Kaum, dass die Filmkamera erfunden war, wurde sie auch schon rekrutiert, und nirgends zeigte sich die Wirkungsmacht des Kinos bald deutlicher als in der Kriegspropaganda. Darauf hat unter anderem Paul Virilio hingewiesen ("Krieg und Kino").
Immer wieder aber lenken Filmemacher auch den Blick zurück und spiegeln das Antlitz des Krieges in dessen eigenen Bildern. Der Goldene Löwe von Venedig geht in diesem Jahr an das Musterbeispiel eines solchen Films, den israelischen Kriegsfilm "Lebanon".
Ausgehend von einem eigenen Erlebnis im Juni 1982 erzählt der Filmemacher Samuel Maoz, wie vier junge israelische Soldaten am ersten Tag der Libanon-Invasion zur Unterstützung ihrer Arme in einem Panzer aufbrechen. Das schwerfällige und todbringende Gefährt ist der einzige Schauplatz eines Kammerspiels, das nicht nur finster gemeint ist, sondern auch tiefschwarz anzusehen - unterbrochen von desaströsen Ausblicken durch das Zielgerät.
Schauplatz der Mission ist ein Dorf, in dem auch Terroristen leben, und so erhält der junge Rekrut hinter dem Steuer gleich den Befehl, nicht lange zu versuchen, sie von den Zivilisten zu unterscheiden. Was sein Vorgesetzter außerhalb des Panzers damit meint, wird spätestens dann deutlich, als dieser eine libanesische Mutter wie ein Tier erschießt, bevor sie noch erfahren hat, dass ihr Kind getötet wurde.
Der schockierte junge Soldat hält sich zunächst an die Genfer Konvention, der teuflischen Logik des Krieges aber entkommt er nicht: Kaum dass er einmal Zivilisten verschont, kommt auch schon ein Kamerad ums Leben.
Ist man einmal gefangen in der Konsequenz der martialischen Logik, dann ist diese so seelenlos und ungelenk wie eine schwerfällige Maschine: Der Panzer, der hier wie eine einzige, monströse Kamera erscheint, ist Metapher und ästhetisches Mittel zugleich: Die ganze Außenwelt ist das, was das Okular des Zielgeräts von ihr hineinlässt.
Doch nicht nur im Bild, stärker noch auf der Tonebene teilt sich dies mit: Der Zuschauer ist den Film über umgeben vom Lärm der immensen Pferdestärken. Es ist ein unmenschliches Geräusch - der Atem und der Puls der Kriegsmaschine. Dieser Teil der isrealisch-deutsch-französischen Koproduktion, das innovative Klangdesign, entstand in Deutschland.
Günstig, aber keineswegs billig
Man hatte sich immer wieder fragen können bei der weiten Spannweite des Wettbewerbs der 66. Mostra del Cinema, ob die Jury nun der Kunst oder dem Genre den Vorzug geben würde. Hier fand sie beides in einem: Entstanden für ein Fünfzigstel dessen, was in Hollywood ein Kriegsfilm kostet, dürfte "Lebanon" ein breites, auch jüngeres Publikum finden. Einerseits knüpft der Film an ans Modell des Klassikers "Lohn der Angst". Andererseits macht ihn die trotzige Beiläufigkeit in den Dialogen zu einem schönen Gegenstück zum palästinensischen Filmerfolg "Paradise Now".
Auch wenn die radikalsten künstlerischen Positionen wie die Beiträge aus Sri Lanka ("Between the Worlds") und den Philippinen ("Lola") keine Preise erhielten, vermitteln doch die Ausgezeichneten eine klare Position: Wie bei seinen eigenen Filmen entschied sich Jurypräsident Ang Lee für diejenigen Positionen, die es erlauben, möglichst viel Kunst ins Erzählkino zu integrieren.
Die Kunst von Fatih Akins Gastro-Komödie "Soul Kitchen", die den Spezialpreis der Jury erhielt, ist ihr verwegener Einfallsreichtum. Und genau dadurch wird sie überhaupt erst unterhaltsam. Komplexer ist die Sache bei der bekannten iranisch-amerikanischen Künstlerin Shirin Neshat und ihrem Spielfilmdebüt "Women Witout Men", ausgezeichnet mit dem Silbernen Löwen für die beste Regie.
Gedreht in Marokko, führt das neue Werk der Künstlerin zurück in den kurzen Frühling des demokratischen Aufbruchs im Iran: Angesiedelt im Jahre 1953, kurz vor der Rückkehr des Schahs, leben vier Frauen in der irrealen Abgeschiedenheit eines Gartens vor den Toren Teherans. Es ist eine Oase inmitten des Sturms. Während die von Martin Gschlacht geführte Kamera, meist eine schwerelos wirkende Steadycam, diese Orte von entrückter Schönheit erschließt, wählt such Neshats Dramaturgie elliptische Formen.
In diesem unablässigen Kreisen verlieren sich leider auch bald die erzählerischen und historischen Fixpunkte. Man erfährt überraschend wenig über diese verlorene Kultur, in der im Iran für kurze Zeit Tradition und Moderne keine Widersprüche waren.
Im Wettbewerb von Venedig hatte Neshats Film ein ganz erstaunliches Gegenstück, ebenfalls fotografiert von Martin Gschlacht: Jessica Hausners visuell aufregende, schwarzhumorige moderne Passionsgeschichte "Lourdes". Ausgehend von ihrem eigenen, meisterhaft erzählten Drehbuch führt die Österreicherin den Zuschauer an die Originalschauplätze von Heil-Tourismus und Wallfahrtskitsch und lässt dabei Gefundenes und gut Erfundenes bruchlos ineinander fließen. Postkartenansichten werden erst lebendig und dann mit reichlich Knickstellen versehen, wenn Hausner von der entwaffnenden Selbstironie der Schwerkranken erzählt und Priestern, die den Wunderglauben zu gleich schüren wie in den nötigen Grenzen halten.
Das Zentrum des Films aber ist eine Gläubige in seliger Naivität, verkörpert mit ungeheurem Feingefühl von der immer wunderbaren Silvie Testud. Hausner begegnet dieser Figur soviel Sympathie, dass der Film nie ins Ironische oder Zynische kippt.
Was soll man über einen religionskritischen Film besseres sagen, als dass er sowohl mit dem ökumenischen Preis ausgezeichnet wurde als auch mit dem "Brian"-Preis der Atheisten und Agnostiker, benannt nach der bekannten Monty-Python-Figur? Auch den Fipresci-Preis der internationalen Filmkritiker erhielt das herausragende Werk, so dass man sogar verschmerzen kann, dass ihn die offizielle Jury gänzlich übersah. Nicht zu übersehen war am Lido eines der besten Filmfestivals seit langem mit Filmen von seltener Nachhaltigkeit.