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Film

13. August 2014

"Lucy" mit Scarlett Johansson: Lucy rennt

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Unvergesslich: Scarlett Johansson als Lucy.  Foto: dpa

Scarlett Johansson macht Luc Bessons edlen Trash-Thriller "Lucy" lebendig. Der Franzose kehrt zurück zum Genre seines ebenso überladenen wie imposanten Zukunftsthrillers "Das fünfte Element".

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Es kommt nicht mehr allzu oft vor, dass man über bedruckte T-Shirts lacht, aber vergangene Woche trug jemand doch ein lustiges. Es zeigte die bekannte Illustration der menschlichen Evolution, nur dass sich der fertige homo sapiens am rechten Bildrand zornig zum Neandertaler und dessen Vorfahren umdreht: „Stop following me!“, herrscht er seine Ahnen an. „Hört auf, mir nachzulaufen“.

In Luc Bessons Science-Fiction-Film „Lucy“ spielt Scarlett Johansson dagegen eine junge Frau, die sich in die prekäre Lage bringt, dem stolzen homo sapiens um zahllose Entwicklungsstufen davon zu eilen. Nicht, dass sich der aufrechte Gang noch steigern ließe. Aber von unserer Gehirnkapazität machen wir bekanntlich beschämend spärlich Gebrauch. Der amerikanischen Studentin gelingt das Kunststück höchst unfreiwillig, als sie in Taipeh von Gangstern gezwungen wird, in ihrem Körper ein Drogenpaket zu schmuggeln. Doch die bewusstseinserweiternde Wunderdroge dringt dabei in ihren Körper, was sie übermenschliche Fähigkeiten entwickeln lässt.

Prozentzahlen der gesteigerten Gehirnaktivität strukturieren den Film wie die Zwischentitel eines Stummfilms. Als Lucy bei zwanzig Prozent angekommen ist, einer Auslastung, die ein von Morgan Freeman gespielter Hirnforscher nur den Delphinen zuschreibt, ist sie in der Lage, eine Notoperation ohne Narkose zu überstehen. Während sie den Ärzten eine Pistole vorhält, tauscht sie sich am Telefon mit ihrer Mutter über früheste Kindheitseindrücke aus, die ihr als Gedächtnisleistung plötzlich abrufbar sind.

Es gibt eine ganze Reihe solcher ebenso absurder wie nachdenklicher Szenen in Bessons ansonsten atemlosen Film, die ihn wie einen entfernten Verwandten von Tom Tykwers „Lola rennt“ erscheinen lassen.

Der Franzose kehrt hier zurück zum Genre seines ebenso überladenen wie imposanten Zukunftsthrillers „Das fünfte Element“ (1997). Man merkt ihm dabei in jedem Augenblick an, dass er in der Zwischenzeit mehr Freude an B-Pictures wie seiner „Taxi Taxi“-Reihe gefunden hat: Hemmungslos aber mit vollem Bewusstsein badet er in Edel-Trash, und der ist in seiner reinen Form ja alles andere als alltäglich.

Scarlett Johansson ist die wichtigste Zutat beim Prozess dieser Veredelung, ähnlich wie erst Jane Fonda einst Roger Vadims Comicfilm „Barbarella“ zu einem Klassiker seiner Art machte. Nach ihrem körperlosen Auftritt als Computerstimme in „Her“ und den fast ebenso irrealen Nacktszenen im esoterischen Thriller „Under the Skin“ (leider nur auf DVD) spielt Johansson hier gleich ihre dritte große Science-Fiction-Rolle.

Wenn es darum geht, Projektionsflächen menschlicher Vollkommenheit zu besetzen, ist sie derzeit die allererste Wahl, und das hat gewiss nicht nur mit ihrer Schönheit zu tun. Sie bringt immer eine geheimnisvolle Zurückhaltung ins Spiel, wie sie für die Frauenfiguren im Film Noir der Vierziger Jahre so typisch war, allen voran der vorgestern verstorbenen Lauren Bacall. Aber wer außer Johansson hat das heute noch im Blut?

Zwischen Vorträgen über die Evolutionstheorie und pseudoexperimentelle Montagefilme, die Lucys geistige Entwicklung illustrieren, gibt es Verfolgungsjagden auf Video-Game-Niveau. Besson lässt Lucy sich in ihren Visionen mit einem frühen Menschenaffen anfreunden, einem Primaten der Primaten, wie man in der pseudowissenschaftlichen Sprache des Films wohl sagen würde. Das Kubrick-Zitat aus „2001“ ist ebenso wenig zu übersehen wie eine Clip-Version von Terence Malicks „Tree of Life“.

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Man erzählt die Historie des Kinos gern als Evolutionsgeschichte: Erst lernen die Bilder laufen, schließlich sprechen und zwischendurch reifen sie sogar zur Kunstform. Nur wenigen Filmemachern gelingt es, dieser Entwicklungsgeschichte ein Schnippchen zu schlagen. Sie beschließen, Ruhm, Ehre und besseres Wissen über Bord zu werfen und die künstlerische Anerkennung denjenigen zu überlassen, die ihn nötiger haben.

In einer weiteren dieser kleinen, nachdenklich-absurden Szenen, mit denen Besson bei Vollgas auf die Bremse tritt, reflektiert der Film sogar kurz über das eigene Medium. Da erklärt Lucy der staunenden crème de la crème der internationalen Wissenschaft die Bedeutung der Zeit als Dimension aller Existenz: „Stellen Sie sich die Filmaufnahme eines fahrenden Autos vor. Lassen Sie den Film schneller laufen. Jetzt sehen Sie immer noch das Auto, aber die Landschaft dahinter ist verschwunden.“ Quod erat demonstrandum. Man muss diesen Film gar nicht einmal schneller laufen lassen, er dauert ja ohnehin nur 89 Minuten, um all seinen Aufwand in der Erinnerung zur Unkenntlichkeit verwischen zu sehen. Im Vordergrund indes bleibt übrig, messerscharf und unvergesslich: Scarlett Johansson.

Lucy. Frankreich 2014. Regie: Luc Besson. 89 Min.

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