Das Dorf Neusorge an der Elbe ist viel schöner als sein Name klingt. Vor allem gibt es dort eine kleine Barockkirche mit dem Namen "Maria am Wasser" und ein fast idyllisches Waisenhaus. Dennoch nehmen die Kinder gern Reißaus. Dem jungen Mann namens Markus, der sich nach dem Weg erkundigt, gibt der Fährmann sogleich eines an die Hand. "Nehmen Sie den Jungen doch bitte mit. Der ist schon fünfzig Mal weggelaufen." Wie das Leben doch manchmal spielt: Auch Markus ist als Kind aus dem Waisenhaus getürmt. Allerdings vor seiner Mutter, der Heimleiterin. "Was suchst du hier?", fragt den Heimkehrer eine betörend schöne Polin in gebrochenem Deutsch. "Zwei Menschen, die mein zukünftiges Gesicht tragen." Hoffentlich versteht sie, was er meint.
Um es gleich klar zu stellen: Thomas Wendrichs Regiedebüt führt nicht ins moderne Sachsen, sondern in eine Twilight Zone deutscher Filmgeschichte. "Maria am Wasser" mag eine real existierende Kirche unweit Dresdens sein. Doch hier klingt ein anderer Name an: "Fährmann Maria" von Frank Wisbar ist einer der wenigen Kunstfilme aus der NS-Zeit. Ein jenseitiges Melodram von morbider Schönheit, dessen Motive hier noch einmal Revue passieren: Eine unbestimmt Todessehnsucht komplett mit Fährmann zum Hades und dem Element Wasser als Schnittstelle zur Transzendenz.
Doch statt der visuellen Poesie des Klassikers mit Sybille Schmitz gibt es nur reichlich Postkartenansichten. Hier gibt es keinerlei Erdung durch einen wie auch immer gearteten Bezug zu einer existierenden deutschen Provinz. Zelebriert wird eine abstrakte Idee von Urtümlichkeit in schweren und noch beschwerlicher gesprochenen Dialogen. Es fehlte nicht viel, um das Ganze ins Absurde zu kippen. Dann würde ein schöner Kaurismäki daraus.
Immerhin gibt es eine schöne Frau vor Flusslandschaft: Dass Annika Blendl nicht aus Polen, sondern aus München stammt, lässt sie uns schnell vergessen. Ihre Alena ist der einzige Mensch am Ort mit allen Tassen im Schrank - und keinem Pathos in der Stimme. Sie ist beinahe ein normaler Mensch. Abgesehen vielleicht davon, dass sie sich in Markus verlieben muss. Er fordert dies förmlich heraus, als er sich nackt auszieht und von ihr mit goldener Orgelfarbe einschmieren lässt, nach dem Motto: Schmierst Du mir mal den Rücken ein? Sicher ein alter deutscher Brauch. "Die Träne einer Frau", erklärt der wortgewandte Herzensbrecher, "gibt der Patina den letzten Schliff". Das ist der ehrbaren jungen Frau dann doch zu viel. "Und, bin ich etwa Ersatzteillager für Orgel?"
Maria am Wasser, Regie: Thomas Wendrich, Deutschland 2006, 100 Min.