Das Schöne am Hollywoodkino ist, dass es uns zwei Stunden für etwas begeistern kann, das uns vorher herzlich egal gewesen ist und nachher auch nie wieder interessiert. Als das Drama „A Beautiful Mind“ den Oscar gewann, war das Thema, die mathematische Spieltheorie, kaum jemandem bekannt. Und doch beobachtete das Publikum fasziniert, wie sich Tafeln über Tafeln mit Zahlen füllten in der magischen Ordnung Bach’scher Fugen.
Oder nehmen wir all die Sportfilme über Baseball: Auch den spannendsten unter ihnen ist es kaum gelungen, unser Interesse bis zur Übertragung des nächsten World Cup Final wach zu halten.
Das Drama „Die Kunst zu gewinnen – Moneyball“ bringt nun beides zusammen: Den Baseball und die Höhere Mathematik – zu einem erstaunlich klugen Sportfilm, der in der vergangenen Woche zu Recht für den Oscar als bester Film nominiert wurde. Brad Pitt sieht sich hier in der Rolle von Billy Beane, des langjährigen General Managers des Baseball-Teams Oakland Athletics, in einer misslichen Lage. Im Jahre 2001, wenn die wahre Geschichte einsetzt, steht sein Team, das ärmste der Liga, ohne seine drei Starspieler da. An gleichwertigen Ersatz ist also nicht zu denken. Üblicherweise hätte ein Manager nun alles zusammengekratzt für einen gerade noch bezahlbaren Star, doch Beane sieht das als Himmelfahrtskommando.
Helden ohne Glamour-Faktor
Einen Verbündeten findet er im Recherche-Team des Clubs: Ausgerechnet der schüchterne Dicke am Computer, ein 25-jähriger Yale-Absolvent, der aussieht wie 39 und noch nie einen Ball geschlagen hat, wüsste da eine Lösung: Im Alleingang hat er ein Bewertungssystem entwickelt, das die tatsächliche Leistung Hunderter Profi-Spieler zu imposanten Diagrammen formt. Die erstaunliche Kosten-Nutzen-Rechnung ist das Werk eines verkannten Theorie-Genies. Und seine Begünstigten sind ebenso verkannte Profis.
Man ahnt schnell, warum Billy Beane dafür empfänglich ist: Ihm selbst war auf dem Feld nur eine bescheidene Karriere vergönnt, da er sich nie richtig eingesetzt fühlte. Überraschenderweise haben viele der effektivsten Spieler nur einen geringen Marktwert, weil ihnen schlicht der Glamour-Faktor fehlt. Einer hat einen komischen Aufschlag, ein anderer ein ausschweifendes Privatleben. Kein Wunder, dass sich niemand für Beanes neue Einkaufsliste begeistert.
„Moneyball“ ist kein Film über die soziale Utopie, verkannten Talenten zum Durchbruch zu verhelfen. Auch wenn Beane etliche übersehene Helden glücklich macht, bleiben sie doch Waren auf einem Einkaufszettel. Einmal gelingt es ihm sogar sein Budget kurzfristig aufzustocken, weil er sie hin- und herverkauft wie spekulative Wertpapiere. Selten hat man zwei derart unheroische Filmhelden gesehen wie dieses ungleiche Gespann. Die übliche Hollywood-Formel für einen solchen Film hätte in der Glorifizierung dieser Außenseiterfiguren bestanden, und tatsächlich überwinden sie ja immense Widerstände: Sportclubs wimmeln bekanntlich von greisen Würdenträgern und allwissenden Talentscouts.
Mikrokosmos der Gesellschaft
Glücklich aber ist die Brad-Pitt-Figur nie: Regisseur Bennett Miller zeigt einen von innerer Unruhe Getriebenen, zu nervös, um ein Spiel im Stadion zu verfolgen. Und sein von Jonah Hill gespielter Partner ist sogar zu schüchtern, um seine guten Ideen persönlich an den Mann zu bringen. Sportfilme haben gewöhnlich andere Helden. Auch hinter dem Drehbuch stecken zwei Profis mit unterschiedlichem Temperament: Steven Zaillian, der Autor von „Schindlers Liste“, tat sich mit Aaron Sorkin zusammen, seit „The Social Network“ ein Spezialist für hochkomplexe Sujets. Ihr Buch ist von jener Art Intelligenz, die zu verfolgen spannend ist wie ein Thriller. In den Händen von Regisseur Miller, dessen semidokumentarischer Filmstil schon die Filmbiografie „Capote“ unvergesslich machte, wird daraus die Sorte Film, wie sie früher Robert Altman machte. Für die Welt des Sport-Managements ist „Moneyball“ das, was Altmans „Nashville“ für die Country-Fabriken Nashvilles gewesen ist: Ein Mikrokosmos, in dem sich eine ganze Gesellschaft verdichtet.
Dass sich erst im letzten Drittel, wenn einige Spielzüge bewundernswert dramatisch rekonstruiert werden, auch die Erwartungen an einen großen Sportfilm erfüllen, schmälert seine Bedeutung nicht. Die anrührendsten Szenen gelingen Brad Pitt gleichwohl in den kleinen Augenblicken zwischen dem Workaholic und seiner vernachlässigten Tochter aus der gescheiterten Ehe. Sein romantisches Herz hat der Sport fast aufgezehrt.
Die Kunst zu gewinnen – Moneyball USA 2011. Regie: Bennett Miller, Drehbuch: Steven Zaillian, Aaron Sorkin, Kamera: Wally Pfister, Darsteller: Brad Pitt, Jonah Hill, Robin Wright, Philip Seymour Hoffman u.a.; 133 Minuten.