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Film

03. September 2014

„Mr. May und das Flüstern der Ewigkeit“: Mit reinem Herzen

 Von Cornelia Geissler
Mr. May nimmt seine Sache ernst, sehr ernst: Eddie Marsan als John May.  Foto: dpa

Ein Film, der traurig macht und glücklich stimmt: Uberto Pasolinis „Mr. May und das Flüstern der Ewigkeit“ erzählt von einem Mann, der Anteil nimmt an den Toten.

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Ein Priester hält eine Ansprache vor einem Sarg. Ein einzelner Mann steht dahinter. Das ist John May, Angestellter der Stadtverwaltung des Londoner Bezirks Kennington. Man sieht ihn zunächst in Gotteshäusern bei Beerdigungen, dann in der Pathologie bei den gekühlten Leichen und schließlich in seinem dunklen Büro neben Aktenschränken. Die ersten Minuten des Films „Mr. May und das Flüstern der Ewigkeit“ sind offenbar als Arbeitsplatzbeschreibung dieses John May gedacht. Er hat einen besonderen Beruf: Er sorgt für die Bestattung von Toten, über die keine Angaben zu Hinterbliebenen vorliegen. Sein Einsatz ist ihre letzte Chance, nicht unbemerkt ins Grab zu sinken. Also könnte dieser Film Geschichten erzählen, die zum Weinen bringen.

Zwar ist „Mr. May und das Flüstern der Ewigkeit“ tatsächlich traurig, doch zugleich tröstlich. Zwar handelt er von Toten, doch erkennt man mit ihm die Lebenden. Dieser Film erfasst in deutlichen Momenten sowie in poetischen Szenen den Charakter einer Gesellschaft, in der Empathie ein Luxusgut ist. Und er zeichnet das Porträt eines Mannes mit reinem Herzen.

Viel Sorgfalt widmet der Regisseur Uberto Pasolini seiner Hauptfigur, um sie in verschiedenen Situationen als gewissenhaft, ordentlich, aber auch etwas verschroben darzustellen. Eddie Marsan spielt Mr. May bedächtig beim Schälen eines Apfels, beim Aufhängen des Mantels, mit einem versichernden Blick beim Überqueren der Straße, sogar, wenn die Ampel es erlaubt. Muss er sich um einen neuen Fall kümmern, besichtigt er die Wohnung des Verstorbenen, sucht Fotos oder Briefe. Der Film führt an die Endstationen des Lebens. May ist immer wieder der letzte Zeuge der Existenz eines Menschen. Nach ihm kommt der Sperrmülltransport.

Weil Pasolini diesen Mr. May so aufmerksam begleitet, die Kamera arbeitet quasi auf dessen Augenhöhe, kann man mitempfinden und -denken, was er sieht. So stößt er in der leeren Wohnung einer Frau auf liebevolle Briefe und glaubt eine Verwandte gefunden zu haben. Doch dann entdeckt der Hausmeister, dass die Frau nur an ihre Katze schrieb und auch in deren Namen antwortete – ein Dankesbrief ist mit Pfotenabdruck unterzeichnet. Mr. May lacht nicht darüber; er nickt. Er kennt die Einsamkeit.

Zu langsam, zu gründlich

Anders als der Held selbst versteht der Zuschauer sofort, warum Mr. May entlassen wird. Er ist zu langsam und gründlich für eine Zeit mit Kosten-Nutzen-Rechnungen, Personalschlüsseln und Evaluationen. Aber seinen letzten Fall darf er noch betreuen – einen Mann, der in seiner unmittelbaren Nachbarschaft starb. Mit dessen Schicksal zeigt Pasolini, der auch das Drehbuch schrieb, die Ambivalenz des Themas. Mr. May ist Teil der gleichgültigen Großstadtgesellschaft. Niemand interessiert sich für sein Leben; auch er kümmert sich nicht darum, was hinter den Gardinen der Nachbarwohnungen vor sich geht. Seine ganze Anteilnahme galt bisher den Toten.

Dieser Fall und seine Entlassung bedeuten eine Zäsur für den Film – und in Mr. Mays Leben. Dank seiner großen Geduld stößt er auf frühere Freunde und vergessene Verwandte seines Nachbarn. Er findet dessen Tochter, die er als Kind verließ. Die freundliche Zurückhaltung der jungen Frau wirkt wie eine Grenzziehung: bis hierher und nicht weiter. Sie wird von Joanne Froggatt gespielt, der Zofe Anna aus der TV-Serie „Downton Abbey“. Sie beweist, wie gut sie Gefühle zeigen kann, die ihre Figur nicht aussprechen will.

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Aber als der größte Schatz dieses Films erweist sich der hinreißende Eddie Marsan. Vom Amt entlassen, aber nicht von der persönlichen Verantwortung befreit, entwickelt sich sein John May vom gewissenhaften Beamten zum interessierten Menschen. Er bekommt mehr Schwung in die Füße beim Gehen. Ja, es scheint, als würde der Aktenstaub vom Gesicht rieseln und ihm den Blick freigeben für das Leben.

„Mr. May und das Flüstern der Ewigkeit“ nimmt den Zuschauer auf eine Reise in die Weiten der Menschlichkeit, zu verletzten und verlorenen Seelen. Der Film füllt sich langsam mit Heiterkeit an. Und die Melancholie, die bleibt, macht auch glücklich.

Mr. May und das Flüstern der Ewigkeit, GB/Italien 2013. Regie und Drehbuch: Uberto Pasolini. 92 Minuten.

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