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Film

22. November 2014

„My Old Lady“: Erben, werben, sterben

 Von 
Maggie Smith ist Mathilde, "My Old Lady".  Foto: dpa

Sie mag als Mathilde gebrechlich wirken, aber im Geiste ist dies eine Herrscherin: Die große Schauspielerin Maggie Smith macht den eigentlich kleinen Film „My Old Lady“ zu einem Ereignis.

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Viele verschiedene Gründe gibt es, einen bestimmten Film sehen zu wollen. Den einen interessiert der Regisseur oder die Regisseurin; ein anderer will sich einfach entspannen mit einer Komödie oder einem Action-Film – da spielen dann Genre und Geschichte eine Rolle. Und manche gehen wegen der Schauspieler ins Kino.

Wer Maggie Smith verehrt, eine der großen Damen des britischen Kinos und Theaters, wird sich gewiss für „My Old Lady“ entscheiden, auch wenn dieses Filmregie-Debüt des US-amerikanischen Dramatikers und Drehbuchautors Israel Horovitz, das auf seinem gleichnamigen Bühnenerfolg von 2002 basiert, ein sogenannter kleiner Film ist. Überwältigende Kinobilder bietet „My Old Lady“ nicht, dafür aber die Schauspielkunst eines erlesenen Mini-Ensembles.

Wie gerne wäre er sie los

Maggie Smith verkörpert hier Mathilde Girard, eine hochbetagte Britin, die gemeinsam mit ihrer Tochter Chloé (Kristin Scott Thomas) ein Apartment im Pariser Viertel Le Marais bewohnt. Die Wohnung gehört den beiden Frauen nicht. Vielmehr hat sie der New Yorker Mathias Gold von seinem Vater geerbt – und damit die Nachricht, dass er Mathilde nicht nur ein lebenslanges Wohnrecht gewähren, sondern ihr auch eine monatliche Leibrente in Höhe von 2400 Euro zahlen muss.

So das spezielle französische Gesetz über die sogenannte „viageré“; zu diesen Bedingungen wurde das zweistöckige Apartment mit schönem Garten in bester City-Lage einst an Mathias’ Vater verkauft. Frei mit der Immobilie schalten und walten kann der stolze Erbe also erst nach dem Ableben der greisen Mieterin.

Die 92-Jährige ist allerdings noch recht fit. Dass französische Frauen sehr alt werden können, bescheidet ihre Ärztin dem New Yorker Störenfried durchaus maliziös: „Die Älteste wurde 123 Jahre!“ Nun ist Mathias (Kevin Kline) aber nicht nur ein dreimal geschiedener, erfolgloser sowie depressiver Schriftsteller von fast 58 Jahren, sondern auch noch völlig pleite. Natürlich will er die Wohnung schnell verkaufen, um an Geld zu kommen, was sich indes der Bewohner wegen als äußerst schwierig erweist.

Der Erbe und die Bewohnerin aus Lebenszeit: Kevin Kline und Maggie Smith in „My Old Lady“.  Foto: dpa

Bis hierhin scheint dieser Film eine recht klar vorhersehbare Entwicklung zu nehmen: Ein miesepetriger und latent aggressiver Ex-Alkoholiker aus der immer noch gerne sogenannten Neuen Welt will zwei alteingesessene Teetrinkerinnen aus ihrem behaglichen Heim vertreiben – entdeckt dabei aber, dass diese gar nicht so übel sind und bändelt gar mit der aufbrausenden Chloé an.

Wer nicht viel mehr erwartet, sollte sich nun allerdings bitte anschnallen, denn der erste Film von Israel Horovitz mag zunächst wie eine bescheidene Komödie wirken. Tatsächlich ist dies auch ein veritables Psychodrama, in dem die Kinder geradezu alttestamentarisch mit eigenem Leiden für die Sünden ihrer Eltern büßen müssen. Diese Sünden werden nun nachverhandelt.

Und hier bietet die 1934 geborene zweifache Oscar-Preisträgerin Maggie Smith alle Britishness auf, über die eine große Schauspielerin ihrer Herkunft nur verfügen kann. Ihre Mathilde ist einst die Geliebte von Mathias’ Vater gewesen, was die Dreier-Konstellation der Filmgegenwart für einige Zeit in einen lnzestverdacht bettet. Unter der Affäre litt jedoch nicht allein Mathildes Mann, der seine Tochter Chloé deren Überzeugung zufolge nicht lieben konnte, weil er glaubte, sie sei nicht sein leibliches Kind. Auch die Mutter von Mathias litt und endete sogar tragisch, was sich der Sohn unbewusst selbst anlastet.

Konfrontiert mit den unbewältigten Kindheitstraumata von Mathias und Chloé weist Mathilde aber jede Verantwortung von sich – und das mit einer Grandezza, Kultiviertheit und Souveränität, die den sensibleren Zuschauer frieren lassen dürfte. Hätte sie etwa erstens nicht ihrem Herzen folgen und zweitens Mann und Kind verlassen sollen? So argumentiert Mathilde.

Wenn einer seinem Herzen folgt, wird das eines anderen gebrochen, schreibt Regisseur Israel Horovitz, der – Jahrgang 1939 – noch zu einer Generation gehört, die Selbstverwirklichung nicht über alles andere setzte. Maggie Smith, einst von hoher Statur, mag als uralte Mathilde physisch gebrechlich, rundlich und gebeugt wirken – doch im Geiste ist dies eine Herrscherin. Chapeau!

Natürlich ist „My Old Lady“ auch ein Paris-Film, der mit seinen Protagonisten durch die Parks und Straßen der „Stadt der Liebe“ streift und weder das Besäufnis mit Rotwein am Ufer der Seine scheut noch das Loblied der Liebe. C’est la vie!

My Old Lady. USA/Frankreich 2014. Drehbuch & Regie: Israel Horovitz. 104 Minuten.

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