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"Neulich in Belgien": Sechs Monate Leidenschaft

Großer Debütfilm: "Neulich in Belgien" setzt auf das Komische im Alltäglichen.

Echt wahr und echt erfunden, das ist der Witz dieses herausragenden Filmdebüts.
Echt wahr und echt erfunden, das ist der Witz dieses herausragenden Filmdebüts.
Foto: dpa

Neulich in Belgien… So beginnen Witze. Man sagt "neulich" und meint: nie und nimmer. Trafen sich neulich Christus, Buddha und Mohammed. Der Witz fordert das Unmögliche und platziert es im Vagen, um dann doch die Pointe der Zeitlosigkeit und Universalität zu zünden.

So gesehen ist der deutsche Filmtitel, der den Debütfilm des belgischen Regisseurs Christophe van Rompaey ankündigt, ein Coup. Der Originaltitel "Aanrijding in Moscou" stellt die Arbeitersiedlung Moscou im Belgischen Gent in den Mittelpunkt, in der die Protagonisten aufeinanderprallen.

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Zum Film~ Neulich in Belgien,Regie: Christophe van Rompaey, Belgien 2008, 106 Minuten.

"Neulich in Belgien" trifft als Titel dagegen die Erzählstruktur des Unwahrscheinlichen, das natürlich daherkommt und sich mit Humor zum Wahrscheinlichen mausert. Zu Beginn des Films herrscht das Grau der Routine. Die 41-jährige Matty erledigt mit den beiden jüngeren ihrer drei Kinder den Großeinkauf der Woche. Die zwölfjährige Fien bezweifelt, dass ihre Mutter an die Treueherzen fürs Klopapier gedacht hat und gibt dabei gleich zweierlei zu erkennen.

Zum einen ist Geld ein seltener Gast in dieser Familie. Zum anderen scheint Mutter Matty abgelenkt. Schon passiert der Unfall. Ob Matty beim Ausparken geträumt hat oder der Lastwagenfahrer, klärt sich nie.

Dagegen sind die Schuldzuweisungen, Flüche und Vorurteile, mit der beide Parteien sich bedenken, von schöner Eindeutigkeit. Matty hält den Lastwagenfahrer für einen Wikinger mit eingebautem totem Winkel, der Mann mit dem roten Bart sieht sie als etwas, das der Schäbigkeit ihres Wagens entspricht. Um zu verhindern, dass Matty die Polizei ruft, stellt sich der Wikinger als Johnny vor und versucht es mit Charme.

Woher soll er wissen, dass Matty von Männern, die sich aufs Heraus- und Herumkomplimentieren verstehen, genug hat? Zwar mangelt es der gestandenen Frau mit der blonden Mähne nicht an Schlagfertigkeit, nur helfen ihr diese Gaben nicht im Umgang mit ihrem Mann Werner, der vor fünf Monaten, zwei Wochen und drei Tagen mit einer 22-Jährigen durchgebrannt ist.

Sechs Monate Leidenschaft

Matty weiß das genau, weil ihre Kollegin bei der Post sie zu trösten versucht hat. Nach sechs Monaten, hat die Kollegin am Postschalter gesagt, sei es mit der Leidenschaft vorbei. Doch wenn Werner kommt, um das Auto oder die Kinder abzuholen, fallen Matty nur seine ungebügelten Hemden auf.

Dass Werners Neue, eine ehemalige Schülerin des Zeichenlehrers, keine Zeit zum Bügeln findet, nimmt Matty als schlechtes Omen. Und nun hat sie auch noch Johnny auf dem Hals, der sich mit seinen 29 Jahren wie ein großes Kind benimmt und glaubt, es sei damit getan, Mattys Wagen zu reparieren und ihr seine Liebe aufzudrängen. Ehe sie sich versieht, hat der zupackende Johnny ganz andere Beulen in Mattys Leben ausgewuchtet.

Ihre siebzehnjährige Tochter Vera, eine leidenschaftliche Konfrontateurin, von Anemone Valcke fabelhaft gespielt, findet Mutters Affäre peinlich. Johnny hat seine Ex-Frau geschlagen und war als trunksüchtiger Rowdy im Knast. Wem soll Matty glauben, worauf soll sie setzen? Johnnys Liebe ist verführerisch vital, der feine Werner liebt es, sie zu zeichnen. Sie habe nur ganz normal leben wollen, sagt die unwiderstehliche Barbara Sarafian als Matty. Aber was ist normal? Die Ruhe in der gekitteten Ehe oder die explosiven Gefühle in der Beziehung zu dem Jüngeren?

Zwischen Waschsalon und Sozialwohnung, zwischen einer Karaoke-Bar für Siebzigjährige und den Ausfallstraßen in die weite Welt beharrt der Film auf dem komischen Potential des Alltäglichen. Wie alle gelungenen Witze hat er eine metaphysische Komponente. Eine überraschende Figur will sich auf die Arbeit mit Sterbenden spezialisieren. Die Sterbenden, sagt sie, seien "so echt". Muss es auf den Tod zugehen, um das Gekünstelte abzulegen? Das Kino kann dem Tod zuvorkommen und Authentizität zu Lebzeiten fordern.

Mit Ruben Impens hat Christophe van Rompaey einen Kameramann gefunden, der seine Arbeit macht, als gäbe es gar keinen Film, nur die magische Präsenz der liebenswerten Protagonisten auf der Leinwand. Echt wahr und echt erfunden, das ist der Witz dieses herausragenden Filmdebüts.

Autor:  HEIKE KÜHN
Datum:  16 | 10 | 2008
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