Wann hat man es zuletzt erlebt, dass einer Filmpremiere eine solche Skepsis vorausging? Dass Kommentatoren ihr Urteil bereits im Voraus fällten, bis sich Unwissen in Besserwissen, Konjunktiv in Indikativ verwandelte hatte und schließlich nur noch ein einziger abwehrender Imperativ übrig blieb: "Mr. Cruise go home!" Berthold Graf Stauffenberg, der Sohn des Attentäters, inspirierte mit seinem Urteil eine ganze Journalistenschar. Jeder war plötzlich ein Filmkritiker.
Ganz so selten ist so etwas nicht: Als ausgerechnet der vermeintliche Unterhaltungsfilmer Steven Spielberg parallel zu den Dreharbeiten seines Saurierfilms "Jurassic Park" sein Projekt "Schindlers Liste" ankündigte, konnte man sich vor Kassandra-Rufen kaum retten. Ich erinnere mich, wie Alain Resnais, der Regisseur des bedeutenden Holocaust-Films "Nacht und Nebel", damals von Journalisten, die es besser wussten, um seine Meinung zum Spielberg-Vorhaben gefragt wurde. Er verblüffte alle mit seiner Vorfreude auf das Werk des geschätzten Kollegen.
Jetzt ist es so weit: In den USA ist der Film "Operation Walküre - Das Stauffenberg-Attentat" mit Tom Cruise in der Hauptrolle angelaufen. In Deutschland wird man sich allerdings noch etwas gedulden müssen - hier ist der Filmstart für den 22. Januar 2009 vorgesehen.
Die Dreharbeiten fanden in Berlin und Brandenburg statt. Einige Szenen wurden an Originalschauplätzen gedreht, so auf dem Gelände des Tempelhofer Flughafens und im Bendlerblock, dem Schauplatz der Erschießung von Claus Graf Stauffenberg und drei seiner Mitverschwörer. Der Film hat eine Länge von 150 Minuten.
Stanley Kubrick war 1962 sogar so vorausschauend, das Misstrauen gegenüber einer für unmöglich gehaltenen Romanverfilmung gleich als Werbespruch auf sein Filmplakat zu drucken: "How could they ever make a film of Lolita?" Ja, und wie konnten sie nur, um Himmels Willen, das gescheiterte Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944 in einen Hollywoodfilm verwandeln?
Sie konnten, wie am Montagabend bei der New Yorker Weltpremiere zu erleben war. Und wie so etwas geht, das konnte Regisseur Bryan Singer zuvor nur verschmitzt andeuten wie vor Monaten gegenüber der New York Times: "Der Film wird ganz anders sein, als die Leute erwarten." Er hat Wort gehalten.
"Operation Walküre" entzieht sich allen vorab angestrengten Debatten um die Abbildungstreue verfilmter Geschichte durch die Flucht nach vorn. Nicht durch Verwischen von Realität, denn der Film ist erstaunlich präzise gearbeitet in den Details von Christopher McQuarries Drehbuch, von Ausstattung und Inszenierung - sondern durch ein Bekenntnis zur Irrealität. Denn das Stauffenberg-Attentat vom 20. Juli 1944 war Realität und Traum zugleich.
Etliche glückliche Stunden müssen die Verschwörer gegen Hitler im Glauben gelebt haben, ihr Attentat sei gelungen. Bryan Singers Film taucht ein in diesen seligen Irrglauben, das Unvorstellbare erreicht zu haben. Welches Glück muss ein Mann empfinden, der überzeugt ist, dies geschafft zu haben? Immerhin hat Stauffenberg die Explosion mit eigenen Ohren gehört, als er den Tatort verließ. Wie im Rausch einer Revolution inszeniert der Film das verwirrt-chaotische Berlin während des kurzen Augenblicks zwischen der Verbreitung der Todesnachricht und dem Einbruch der schrecklichen Wahrheit.
Es ist das Interesse der Historiker, die Geschichte des Attentats aus Vorbereitung, Ablauf und Ahndung zu erklären. Es ist das Interesse der Kunst, Innenansichten, gefühlte Bilder für diese Momente anzubieten. Und im Falle des Heldenkinos - denn damit hat man es hier genretechnisch zu tun - auch so etwas wie außerordentlichen Mut plausibel zu vermitteln. So schrecklich das bekannte Ende der gescheiterten Attentäter ist, so versöhnlich mit ihrem Schicksal erscheint der Lohn, den sie für einen kurzen Augenblick in ihren Händen zu halten glaubten. Wenigstens das war ihnen vergönnt. Als geschenkter Tag vor ihrem Tod, als Traum, zu schön leider um wahr gewesen zu sein. Nur das Kino kann uns ein subjektives Wirklichkeitsempfinden derart eindringlich vermitteln. So realistisch ist das irreale Bild, dass wir es als Zuschauer - wider allen Wissens - ebenfalls für wahr nehmen möchten.
"Operation Walküre" nimmt einen langen Anlauf bis zu diesem tragischen Höhepunkt. Minutiös beschreibt der Film die Vorbereitungen, wobei er bereits nach Vorboten des Unwirklichen in den verbürgten Tatsachen Ausschau hält.
Die klappernde Schreibmaschine im Wald beim Abfassen des "Walküre"-Plans, jenes offiziellen Szenarios im Falle eines Aufstands, das die Attentäter so weitsichtig für ihre Pläne nutzten. Das ungeliebte Glasauge, dass der in Tunesien verwundete Stauffenberg nur zu offiziellen Anlässen aus der Schatulle holte. Die Agfa-Color-braune Spießeridylle auf dem Obersalzberg bei einer - historisch nicht verbürgten - Audienz Stauffenbergs in Hitlers privatem Domizil. Schließlich die klaustrophobische Durchtränkung der Spielorte durch NS-Embleme. Wer nur den Trailer zu diesem Film gesehen hat, mag darin Ausstattungskitsch befürchten. Tatsächlich nehmen sich die drei Filmarchitekten lediglich die Freiheit, den Kunstcharakter ihrer Bauten zu einen winzigen, distanzierenden Grad durchscheinen zu lassen. Eine Selbstverständlichkeit eigentlich in der Filmkunst, aber ein seltener Luxus im Kino-Mainstream.
Inmitten dieser trügerischen Reizfülle agiert ein Hollywoodstar in kühler Askese. Tom Cruise beginnt den Film mit dem in Deutsch gesprochenen Treueschwur auf Hitler, gibt dann in Nordafrika seine Ablehnung der NS-Politik zu Protokoll. Doch die sonst in Cruise' markantem Blick so glühende Emphase bleibt hier weitgehend unsichtbar. "Ein bisschen steif", nennt ihn dann auch das Branchenblatt Variety in einer ersten Kritik unmittelbar nach der Premiere. Genau das aber ist hier gewollt. Wie kein Schauspieler seiner Generation verfügt Cruise über die im Actionkino so entscheidende Fähigkeit, Handlungen allein durch das eigene Charisma zu legitimieren. Genau dieser Automatismus aber wäre hier fehl am Platz, denn nicht um Aktionismus geht es hier, sondern um eine wohl überlegte Gewissenstat. Man sieht einen nachdenklichen Tom Cruise, und ganz gleich ob man ihn auch im wirklichen Leben mit dieser Fähigkeit verbinden möchte, als Schauspieler verkörpert er sie überaus glaubwürdig. Wie so oft in seiner Karriere spielt dieser Ausnahmestar alle Zweifel an seiner Persona leichthändig beiseite.
Man muss einmal kurz zurücktreten von diesem Film, um die logistische Leistung daran zu begreifen. Nicht so sehr im inszenatorischen Aufwand, der ist Hollywood-Standard und offensichtlich nun auch am Drehort Berlin möglich. Mehr Bewunderung verdient die Konzeption: Immerhin wendet sich dieser Film an junge Amerikaner, die noch nie von Stauffenberg und seinem Kreis gehört haben und auch das Dritte Reich vorrangig aus Kinobildern kennen. Dass sie jetzt etwas mehr über Deutschland wissen, müssten die Gralshüter über unsere Geschichtsdeutung eigentlich begrüßen. Viel wichtiger aber ist, wie leidenschaftlich Singers Film darüber hinaus geht und ein so schwer fassliches Thema vermittelt wie den Widerstandsgeist. Und den kann man immer noch gebrauchen. In Deutschland startet "Operation Walküre" erst am 22. Januar.