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Film

27. Februar 2014

„Philomena“: Nur Judi Dench überzeugt

 Von 
Fünfzig Jahre auf der Suche: Judi Dench (Mitte) als Philomena, mit Steve Coogan und Anna Maxwell Martin.  Foto: dpa

Kann man einen versöhnlichen Film über die Verbrechen in den irischen Magdalenenheimen drehen? Stephen Frears versucht es mit „Philomena“.

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All diese blutleeren Jesusbräute“, singt Joni Mitchell in ihrem Song „Magdalene Laundries“, „hätten sie ihren Bräutigam je zu Gesicht bekommen, ließen sie die Steine fallen.“ Als das Lied im Jahre 1994 erschien, war der himmelschreiende Missbrauch in den irischen Magdalenenheimen der Öffentlichkeit noch nicht lange bekannt. Erst der Fund von 155 anonym verscharrten Leichen auf einem verkauften Klostergrundstück hatte ein Jahr zuvor eine Mauer des Schweigens eingerissen.

„Die unbarmherzigen Schwestern“

Doch auch wenn die letzte dieser Einrichtungen für sogenannte „gefallene Frauen“ 1996 geschlossen wurde und Peter Mullens Spielfilm „Die unbarmherzigen Schwestern“ 2002 den dort Ausgebeuteten ein Mahnmal setzte, das an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig ließ, steht die Aufarbeitung in Irland noch immer am Anfang. 2013 kündigte Irlands Regierungschef Enda Kenny einen Entschädigungsfonds an. Und wer verweigerte gleich jede Zahlungsbereitschaft? Die katholischen Ordensgemeinschaften, die diese Heime einst betrieben.

Bei soviel Scheinheiligkeit kann man nicht gerade behaupten, Stephen Frears renne offene Türen ein, wenn er für sein Drama „Philomena“ eines der rund 30 000 Frauenschicksale heraushebt. Zugleich ist sein Film aber auch der denkbare Gegenentwurf zum unerbittlichen Realismus von Peter Mullens Ansatz in „Die unbarmherzigen Schwestern“. Die Verfilmung des Sachbuchs des ehemaligen Fernsehjournalisten Martin Sixsmith („Philomena: Eine Mutter sucht ihren Sohn“, erschienen als Ullstein-Taschenbuch) macht sich die Perspektive eines Opfers zueigen, das den Täterinnen mit dem Willen zur Versöhnung gegenübertritt. Das muss der hier vom populären Komiker Steve Coogan verkörperte Enthüllungsjournalist erst einmal begreifen. Denn die Faust ballt sich ihm bei der Recherche in der Tasche. Und das kann man ihm nicht verdenken.

Mit Tee und Keksen

Fünfzig Jahre hat Philomena nach ihrem Kind gesucht, das die Ordensschwestern eines Magdalenenheims in die Adoption verkauften, während man sie dort als unbezahlte Waschfrau ausbeutete. Doch auch in Begleitung des bekannten Journalisten weist man sie dort ab – alle Akten seien schließlich vor Jahren einem Feuer zum Opfer gefallen. Dafür reicht man ihr Tee und Kekse.

Für Sixsmith genügt ein Abend im örtlichen Pub, um herauszubekommen, dass die Nonnen das Feuer selber legten – um zu verschleiern, dass man die Babys seinerzeit für tausend Pfund in die USA verkaufte. Gemeinsam mit Philomena reist er nun nach Washington, um der Spur nachzugehen – und abermals eine traurige Entdeckung zu machen. Philomenas Sohn, ein republikanischer Politiker, dem Sixsmith als Journalist sogar einmal begegnet ist, lebt nicht mehr. Noch vor seinem Tod hatte er selbst an der Pforte des irischen Klosters gestanden, um nach seiner Mutter zu suchen, wo ihm aber die unbarmherzigen Schwestern mit Tee und Keksen und dem gleichen Achselzucken begegneten.

Es ist schon ein Kunststück, eine solche Geschichte ohne die angebrachte Wut im Bauch zu erzählen. Doch Steve Coogan, der das Drehbuch selbst schrieb, interessiert dabei offenbar vor allem der Aspekt der Versöhnung, dem er wiederum eine theologische Dimension zuweist. Die gläubige Philomena zeigt sich ihm als wahre Christin, während die Nonnen die neutestamentarische Botschaft der Vergebung unerbittlich überhören.

Vor allem Judi Dench ist es zu danken, dass ihre Figur nicht nur eine Funktionsträgerin in dieser Geschichte ist, sondern eingefangen ist in aller Komplexität eines lebendigen Wesens voller Sentimentalitäten und einem etwas langsamen Humor. Aber müsste man Philomenas unbeirrbare Religiosität nicht auch in den Kontext einer Traumatisierung rücken, die sie durch das Kloster erlitten hat? Wird sie ihren Schuldkomplex als vermeintlich „gefallenes Mädchen“ jemals überwinden, wenn die Kirche von ihrer moraltheologischen Position nicht abrückt?

Versöhnlich und kompromissbereit

Frears und Coogan feiern diese Figur etwas naiv als Selig-Friedfertige, während man den Eindruck hat, dem Atheisten Sixsmith gelte ihr Bedauern: Angetrieben von der Flamme des Zorns, fehlt ihm jener innere Friede, den er auch bei Philomena nur schwer begreifen kann.

Das Erstaunliche an diesem Film ist seine Leichtigkeit, die ihn über weite Strecken einer Komödie sogar näher erscheinen lässt als einem Aufklärungsdrama. Es ist ein hinreißend elegant gemachter Film. Dennoch kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Wege dieser Geschichte doch erst begradigt werden mussten, um zu dieser filmischen Geschmeidigkeit kommen. Denn einen Film über Versöhnung zu drehen, bedeutet nicht unbedingt, dass er auch in seiner Form so versöhnlich und kompromissbereit sein muss.

Am Ende erscheint „Philomena“ fast wie ein „feel-good-movie“. Aber einen streitbaren Film über Versöhnung zu drehen, das wäre bei diesem Thema vielleicht doch die etwas bessere Option gewesen.

Philomena. Regie: Stephen Frears. GB 2013. 98 Minuten

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