Aktuell: US-Wahl | Türkei | Brexit | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | Zuwanderung Rhein-Main
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Film

08. November 2012

„Pietà“ von Kim Ki Duk: Glaube, Liebe, Horror

 Von Daniel Kothenschulte
Plötzlich steht da eine Mutter: Kang Do (Lee Jeong Jin, l.) und Mi-Sun (Jo Min Su, mit Huhn).  Foto: MFA

Mit dem Film „Pietà“ kehrt der Südkoreaner Kim Ki Duk zurück zu seinen Wurzeln. Grausig geht es wieder zu in „Pietà“. Doch wie so oft kleidet Kim den Schrecken in eine faszinierende Schönheit.

Drucken per Mail

Mit dem Film „Pietà“ kehrt der Südkoreaner Kim Ki Duk zurück zu seinen Wurzeln. Grausig geht es wieder zu in „Pietà“. Doch wie so oft kleidet Kim den Schrecken in eine faszinierende Schönheit.

Ich breche ein koreanisches Tabu“, erklärte Kim Ki Duk einmal. „Ich erzähle beschämende Geschichten.“ Es dauerte lange und brauchte etliche internationale Preise, bis Kims grausige Filmballaden, etwa „Bad Boy“ oder „The Isle“, überhaupt in seiner Heimat zu sehen waren. Nun ist der Weltatlas der Schamgrenzen ein höchst vertracktes System. Manche bemerken wir gar nicht, über andere stolpern wir sofort.

Weit ausgereizt hat Kim Ki Duk in seinem frühen Werk zum Beispiel die Schamgrenzen der Anteilnahme. Welche Qualen musste man mit seinen weiblichen Opferfiguren für den Preis der Kunst ertragen? Manchmal wurden diese Höllengeschichten auch durch religiöse Deutungsvorgaben in den Rang von Gleichnissen erhoben. Kims „Samaritan Girl“ etwa erzählte von den peinigenden Wohltaten einer minderjährigen Prostituierten, die ehemalige Freier umsonst bedient.

Seine größten Festivalerfolge feierte der Protestant Kim dabei im katholischen Italien: Hier schien man Kims Remix christlicher und fernöstlicher Ikonographien am besten zu verstehen. Der bisherige Höhepunkt ist der Goldene Löwe, den er in diesem Jahr beim Filmfestival in Venedig für „Pietà“ gewann. Grausig geht es wieder zu in „Pietà“. Ein Geldverleiher hat eine sadistische Methode entwickelt, säumige Kunden zur Zahlung zu bewegen: Er versichert sie gegen Arbeitsunfälle, die er ihnen selbst zufügt. Doch wie so oft kleidet Kim den Schrecken in eine faszinierende Schönheit.

Es ist die Welt der letzten Handwerksbetriebe und Kleinfabriken von Cheonggyecheon, einem alten Arbeiterviertel von Seoul, das sich derzeit im Abbruch befindet, um Hochhäusern zu weichen. Kim, der etwa ein Drittel der Kamerabilder eigenhändig filmte, belebt hier eine dokumentarische Ästhetik mit expressiver Farbigkeit; man sieht betörende Schauplätze. Doch während wir den Blick noch schweifen lassen in den engen Ladenmanufakturen, ahnen wir ihre drohende Zweckentfremdung. Dann dient etwa eine altmodische Stanzmaschine gnadenlos der Verstümmelung ihres Besitzers.

Erst als sich die Mutter eines der Opfer des Geldverleihers als dessen eigene ausgibt, bringt es den Gläubiger zur Einkehr. Plötzlich beginnt er sein Leben zu hinterfragen. Doch was bringt diese Frau wirklich dazu, ihn an seine lieblose Kindheit zu erinnern und die Schuld dafür auf sich zu nehmen? Kim Ki Duks „Pietà“ verkehrt die Proportionen dieses zentralen Bildmotivs christlicher Ikonografie zum schillernden Zerrbild: Jesus als Sünder, geborgen in den Armen der Mutter Gottes?

Als wäre der gesetzte Tabubruch des Titels nicht provokant genug, gehört zum Film noch das passende Plakatmotiv – eine moderne Pietà in schwülstem Camp. Leider ist das Drama, das es bewirbt, weit weniger spektakulär. Eine finstere, hier nicht erzählte Wendung, hat Kim natürlich noch in Petto. Denn an einer Vergebung der Sünden scheint die schwarze Madonna kaum interessiert, und das würde auch nicht zur finsteren Phantasie des Regisseurs passen.

Der 51-jährige Kim ist wieder dort angekommen, wo seine Karriere in den 1990ern begonnen hat: bei schonungslos grausamen Visionen, die ihre verstörende Wirkung durch das komplexe psychologische Rückgrat seiner Geschichten noch vertiefen. Das ist die gute Nachricht. Doch die visuelle Kraft, die Schönheit innerhalb des Schreckens, ist nur noch in einigen Szenen spürbar, die vom morbid-pittoresken Reiz der Industrie-Ruinen leben. Die tieffarbige Kameraästhetik der Meisterwerke von Kim Ki Duk findet in der heutigen Videotechnik keine Entsprechung. Und weil es am visuellen Reichtum mangelt, schleppt sich auch die durchaus originelle Handlungsidee schwer über die 104 Minuten Laufzeit. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass in Venedig ein großer Filmkünstler für den falschen Film geehrt wurde.

Wer Kim Ki Duk in früheren Jahren auf die tief verstörende Gewalt seiner Filme ansprach, die vor allem weiblichen Protagonisten widerfuhr, der durfte auch vom Filmemacher wenig Tröstliches erwarten. „Nichts in meinen Filmen ist so grausam wie George W. Bush“, sagte er. Ob der große amerikanische Brandstifter der US-amerikanischen Außenpolitik wohl jetzt seinen Meister gefunden hätte? Zumindest im Grad seiner Schwärze hat sich Kim Ki Duk diesmal jedenfalls selbst übertroffen.

Pietà. Südkorea 2012. Buch & Regie: Kim Ki Duk, Kamera: Jo Yeong Jik, Darsteller: Min Soo Jo, Eunjin Kang and Jae Rok Kim. 107 Minuten, Farbe. FSK o. A.

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Rubrik

Für welche Filme lohnt sich der Weg in Kino? Lesen Sie die Rezensionen der FR-Filmkritiker und sehen Sie die aktuellen Trailer.

Service
Suchen
Kinofilm, Schauspieler oder Regie
Kino, PLZ oder Ort

Kinoprogramm

Alle Neustarts diese Woche: Alle Filme von heute:

Sommerferien

Bücher, Musik, Filme für die Sommerferien

Und wenn ungeheuer oben eine sehr weiße Wolke ist, dann zeigt das auch nur wieder, dass Lesen in jeder Situation den Horizont erweitert.

Das FR-Feuilleton empfiehlt Bücher, transportable Musik und auch einige Filme auf DVD für den Sommer. Mehr...

Anzeige

Filmtipps
Medien