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"Slumdog Millionär": Eine irre Reise nach Indien

Boyle: "Die Folterszene wurde als Komödie geschrieben und auch so gedreht. Denn wenn Sie in Indien aus einem armen Hintergrund kommen und für irgendetwas anderes als ein Verkehrsdelikt aufgegriffen werden, droht Ihnen das mit 50-prozentiger Wahrscheinlichkeit. Das weiß jeder, und deswegen macht man auch Witze darüber. Man setzt schwachen Strom an oder zieht ihnen eins über. Die Werkzeuge werden in den Polizeiwachen noch nicht mal versteckt. Die Elektrokabel liegen offen herum. Wir schrieben vorher an die Regierung, weil man für alles, was in einer Polizeiwache spielt, eine Genehmigung braucht. Wir rechneten damit, das ändern zu müssen, aber sie schrieben uns zurück: Die Folterszene ist gut, solange niemand vom Rang eines Inspektors involviert ist. Wenn wir den Film jetzt in den USA zeigen, lacht dagegen niemand - wegen Guantánamo."

Es ist offensichtlich, dass es Boyle zu keinem Zeitpunkt darum ging, der politischen Realität Indiens gefährlich nahe zu kommen. Er tat vielmehr, was jeder gute Tourist tun würde, der wenig auf seinen Reiseführer gibt und sich ganz einfach treiben lässt.

"Wir wollten es im Einklang mit dieser Energieladung inszenieren, die jeden Tag durch die Stadt weht. Eine wahre Flutwelle. Also verzichteten wir darauf, jeden Gegenschuss zu drehen, den man üblicherweise braucht. Viele Leute sehen sogar in die Kamera! Das haben wir nicht rausgeschnitten, auch nicht, als uns jemand am Drehen hindern will. Das Drehbuch war ja wie die Stadt: Eine Mischung aus Chaos und Disziplin. Und in der Mitte waren wir. So haben wir Bilder gemacht, die wir erst am Schneidetisch entdeckten: Wie die wunderbare Aufnahme eines schlafenden Hundes, an dem die Kinder vorbei rennen."

In Großbritannien hätte Boyle niemals so unbefangen drehen können. Jemand will nicht gefilmt werden und kommt deshalb gerade auf die Leinwand? Undenkbar. Offensichtlich gilt das "Recht am eigenen Bild" wenig in der riesigen Slum-Stadt von Daravi. Doch glaubt man dem Filmemacher, dann wartet in dem filmbegeisterten Land auch der Ärmste auf seinen Auftritt: "Jeder fühlt sich wie ein Bollywoodschauspieler. Niemand, den wir auf der Straße baten, eine Rolle zu spielen, zögerte auch nur eine Sekunde."

Kurz vor dem Höhepunkt des Films, der Show-Kandidat wird gerade zu seinem finalen Auftritt gefahren, klopft eine Bettlerin gegen seine Autoscheibe. Auch ihre Darstellerin hat Boyle direkt von der Straße besetzt. Doch anstatt den bereits vermögenden Ex-"Slumdog" um ein Almosen zu bitten, wünscht die Frau ihm einfach Glück. "Sicher können Sie sich an die kleine Stelle gar nicht erinnern, aber für mich ist sie die Lieblingsszene", sagt Danny Boyle.

Und da ist sie wieder, diese entwaffnende Bescheidenheit. Warum sollten wir gerade die Szene übersehen, die ihm so wichtig ist? Man kann sie nicht übersehen, es ist eine der vielen traumtänzerisch sicheren Massenszenen eines mitreißenden Films. Ein Moment des Märchenhaften in der Tradition eines Frank Capra. Und doch steckt in ihr auch der wunde Punkt, das, was Salman Rushdie auf die Palme brachte. Bettler, die für das Glück der anderen gern auf ein Almosen verzichten, rührten auch schon das kolonialistische Herz eines Rudyard Kipling.

Slumdog Millionär, Regie: Danny Boyle, Loveleen Tandan. Großbritannien/USA 2008, 120 Minuten.

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Autor:  DANIEL KOTHENSCHULTE
Datum:  18 | 3 | 2009
Seiten:  1 2
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