Bescheidenheit ist nach der bekannten Spruchweisheit eine Zier, doch weiter kommt man nicht mit ihr. Nicht in der Karriere und nicht in der Fernsehsendung "Wer wird Millionär?". Nur zum Oscar-Gewinner kann man es damit bringen, wie der englische Filmemacher Danny Boyle.
"Es wird in Indien Leute geben, die unserem Film nicht zustimmen werden", sagt er zu Beginn des FR-Gesprächs, das wenige Tage vor dem indischen Kinostart von "Slumdog Millionär" stattfand. "Sie werden sagen, er beschäftige sich nicht ernsthaft genug mit der Armut. Für sie wird er ein schlechtes Indienbild abgeben. Ich bin Outsider, also wird er immer ein unperfekter Film sein, und ich bin der erste, der diese Kritik akzeptiert."
Mit seinen Lachfalten, der Nickelbrille und dem schütteren Haar wirkt er eher wie ein Lehrer bei der Video-Projektwoche als ein Filmregisseur. Nein, mit Kritik ist Danny Boyle nicht beizukommen. Es gebe keinen Einwand gegen seine leichthändige Märchengeschichte vom Underdog aus den Slums von Mumbay auf dem Weg zum Quiz-Millionär, der ihm noch nicht selbst gekommen sei. Für ein Sozialdrama über die unüberwindlichen Klassenschranken Indiens gibt es vielleicht ein paar Augenblicke komischer Erleichterung zu viel. Aber doch weit weniger Süße als in einer durchschnittlichen Bollywood-Produktion. Und für eine Komödie geht "Slumdog Millionär" streckenweise äußerst drastisch zur Sache - doch so ist für Danny Boyle eben die indische Megacity: Ein Ort unauflöslicher Widersprüche.
Slumdog Millionär, Trailer Groß Britannien, 2008
"Was war eher da - diese Stadt oder Bollywood?", fragt er rhetorisch. "Es ist wie mit dem Huhn und dem Ei. Es gibt in Mumbay diese Mischung aus Schrecken und Gewalt, aus furchtbarer Armut, höllischen Zuständen - und einer unglaublichen Ausgelassenheit. Diese Mischung wollte ich in den Film bringen, als Nebeneinander. Unter den Wolkenkratzern sind die Slums. Wenn wir im Westen eine Baustelle fertig haben, machen wir drum herum alles ganz ordentlich. Nicht in Mumbay. Deshalb dieser Titel mit dem eingebauten Gegensatz: Slumdog Millionär."
Wer dennoch etwas gegen den preisgekrönten Publikumshit vorbringen möchte, muss schon weit ausholen. Wie Salman Rushdie, der in einer Vorlesung an der US-amerikanischen Emory-Universität seinen Verriss des Films in einen Exkurs über das Phänomen medialer Adaptionen kleidete - obwohl er schon Vikas Swarups Romanvorlage "Q & A" (auf Deutsch "Rupien! Rupien!") für eine "Kitschstory" hielt. So erlebten die Hörer zunächst das Kuriosum überschwänglichen Lobs für Rod Stewart und dessen Coverversion des Tom-Waits-Songs "Downtown Train". Dann erst geht Indiens berühmtester Schriftsteller mit dem gegenwärtig bekanntesten medialen Indien-Bild ins Gericht.
Einige Argumente lassen sich leicht entkräften: Etwa gegenüber der "ungewöhnlichen Fitness" der zwei Bettelkinder: Wenn sie aus den brennenden Slums flöhen, so Rushdie, sähe man sie in der nächsten Szene schon Hunderte von Kilometern entfernt am Taj Mahal. Im Film allerdings befindet sich zwischen beiden Szenen eine weitere: Sie zeigt die Kinder bei einer Eisenbahnfahrt. Für Rushdie ist "Slumdog Millionär" nicht mehr als ein "feelgood movie" über unerträgliche Armut. Sein Regisseur zeige "postkoloniale Doppelmoral" wenn er das Projekt, wie er sage, gerade deshalb angenommen habe, weil er nichts über das Land wisse und deshalb gerne dorthin reisen wollte.
Tatsächlich scheint Boyle vor allem die Neugier nach Indien getrieben zu haben, aber was ist so schlecht an dieser Eigenschaft für einen Filmemacher? Es gehört zu den Stärken dieses Films, dass er den Zuschauer unverstellt eintauchen lässt in diese Eindrücke, von denen Indienreisende immer wieder erzählen, weil sie ihnen so widersprüchlich erscheinen. Es ist eben kein Film aus Indien, sondern das Indien-Bild eines Europäers, gespiegelt am westlichen Kulturexportgut "Wer wird Millionär", aber getragen und unterstützt von einigen der besten Schauspieler und Musiker Bollywoods.
"Ich fühlte mich absolut privilegiert", sagt Boyle, "dass wir dort drehen konnten. Und ich bin stolz darauf, dass der Film einfängt, wie Indien mir persönlich erschienen ist. Das erste, was ich erwartete, war, als Engländer erkannt zu werden, aber genau das geschah nicht. Nach sechzig Jahren Unabhängigkeit spielt England in Indien keine Rolle mehr. Man sieht Brasilien, China, Indonesien, die USA. Potenzielle oder riesige Ökonomien. Wir Briten sind eine Fußnote. Ich hatte erwartet, Armut zu sehen, aber nichts bereitet einen auf den Geruch vor. Die Mischung aus menschlichen Exkrementen und den feinsten Gewürzen."
"Slumdog Millionär" besitzt genau die Unbefangenheit dieser politisch nicht ganz korrekten Schilderung. Hätten Boyle an irgendeiner Stelle Skrupel gepackt, hätte er ihn nicht drehen können. Anderseits fehlt seinem Film auch jede Tiefe. Er läuft ab wie eine Kettenreaktion aus Dominosteinen. Er hält in Atem und besitzt doch keinen Widerhaken, nichts, das einen zweiten Blick anregen könnte oder wenigstens einen Nachklang. Selbst wenn der Millionärskandidat vom Showmaster in die zweifelhafte Obhut eines Folter-Polizisten gegeben wird, ist die Szene nicht als Anklage gemeint.