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"Soul Kitchen": Fellinis vergessener Bruder

Das ist einmal eine gute Komödie: Bis zum letzten Augenblick hat Fatih Akin gekocht an seinem neuen Film "Soul Kitchen", der jetzt in Venedig vorgestellt wurde. Von Daniel Kothenschulte

Ungleiches Paar in Fatih Akins Soul Kitchen.
Ungleiches Paar in Fatih Akins "Soul Kitchen".
Foto: Pandora Film

Da ist einmal eine gute Komödie, wir hatten schon fast vergessen, wie so etwas geht. Bis zum letzten Augenblick hat Fatih Akin gekocht an "Soul Kitchen". Nur so viel war bekannt: Ein Deutschgrieche führt in Hamburg ein Bistro-Restaurant, dessen billiges Essen den Magen füllt, aber noch nicht ganz die Seele. Und die hat der Wirt, in perfekter Typenbesetzung gespielt von Adam Bosudoukos, sowieso samt Herz verloren, denn seine Freundin aus bester Hamburger Familie ist der Arbeit halber nach Shanghai gezogen. Was hat er also zu verlieren, als er seinen von Moritz Bleibtreu gespielten Halodri-Bruder, einen Knacki auf Freigang, zum Geschäftsführer ernennt?

Soweit die Idee, aber wie wird daraus eine Komödie? Auf weniger hohem kulinarischen Niveau gesprochen, könnte man das Drehbuch mit einem Karton Überraschungseiern vergleichen: In jeder Szene steckt ein kleiner Trumpf. Die Witze im Dialog sind nicht aufgesetzt, sondern entwickeln sich wie selbstverständlich aus den Charakteren und den Situationen, in die sie geraten. Wenn der handfeste Gastronom von seiner mondänen Freundin Unterricht im Internet-Videotelefon "Skype" erhält, klagt er mit ungelenker Sinnlichkeit, dass er sie dabei doch nicht anfassen und riechen könne. Worauf sie nur trocken antwortet: "Wenn ich dich riechen will, gehe ich einfach in die nächste Frittenbude." In diesem Dialog verbirgt sich hinter dem Witz ein erstes Zeichen der Ungleichheit eines Paares, das noch nicht weiß, dass es einander längst verloren hat.

Akin liebt seine Figuren, das ist bekannt und doch immer wieder beglückend, besonders auch diejenigen in der zweiten Reihe: Küchenchef Birol Ünel etwa macht sich in seinen wenigen Szenen unvergesslich als eine Art Samurai der Kochkunst. Zum Ende des Festivals schien die einzige Komödie im Wettbewerb die Kinoluft noch einmal zu durchschneiden wie eines jener Küchenmesser, die Ünel im Film mit virtuoser Hand als Fernwaffen verwendet.

Komödien haben es schwer bei Festivaljurys, die stets nach dem einen, zeitlosen Meisterwerk Ausschau halten. Aber zumindest an Akins Drehbuch wird man bei der Preisverleihung am Samstagabend kaum vorbei kommen.

Einen Favoriten für den Hauptpreis zog Festivalchef Marco Müller noch am Freitag als Überraschungsfilm aus der Hinterhand. Diesmal diente der bewährte Schaustellertrick dazu, den Philippinen Brillante Mendoza noch einmal auch all jenen anzuempfehlen, die ihn sonst meiden - und seine hyperrealistischen Sozialdramen auf ihr Interesse an Sex und Gewalt reduzieren. Nichts davon in "Lola": Zwei Großmütter aus Manilas Unterschicht müssen in diesem Film miteinander in Kontakt treten, obwohl es das tragische Ereignis, das sie verbindet, nicht eben nahe legt: Der Enkel der einen ist angeklagt, den Enkel der anderen bei einem Handyraub getötet zu haben. Das philippinische Recht erlaubt eine außergerichtliche finanzielle Einigung, und so bemüht sich die gebrechliche Oma des Angeklagten um ein Darlehen. Währenddessen zeigt Mendoza in Videobildern von faszinierender Einfachheit und einer Tiefe, wie sie nur bei diesem Filmkünstler zu finden sind, wie sich die andere, gänzlich mittellose Seniorin müht, selber die Bestattungskosten aufzutreiben: Mit einem schmalen Ruderboot lässt sie sich von Haus zu Haus fahren und sammelt von den Allerärmsten kleine Spenden sein.

Es gibt keinerlei Sentiment in diesem Film, der sich keine Illusionen darüber macht, dass man mit Geld vielleicht die Armut lindern kann, nie jedoch die Trauer. Und vielleicht größere Filme machen könnte, aber nicht unbedingt bessere. Was für ein Gegenbild zur Lagunenstadt Venedig. Und doch was für eine Erinnerung an die Blütezeit von Italiens Kino, den Neorealismus von Roberto Rossellini.Die Schatzkammer des italienischen Filmerbes war wie schon im Vorjahr eine ganze Retrospektive wert. Wer zwischen den Wettbewerbsfilmen täglich auch noch zwei bis drei Archivfilme anschauen will, der sieht den Strand nur noch auf der Leinwand.

Zum Beispiel in "Storie sulla Sabbia", einer von nur zwei Regiarbeiten von Federico Fellinis Bruder Riccardo. In der weichen Klarheit von Eastmancolor erzählen seine Strandgeschichten von Kindern und jungen Erwachsenen in jenen endlosen Sommern, wie man sie später im Leben nie mehr erlebt. Auch wenn die Bilder von 1963 nicht die Farben der alten Urlaubsfotos hätten, weckten sie die gleiche Wehmut: Nach den Wohlstandsversprechen der damaligen Badekultur vor der gleichzeitig untergehenden Welt der Fischer.

Autor:  Daniel Kothenschulte
Datum:  12 | 9 | 2009
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