Aktuell: Ukraine | Rosetta-Mission | Fernbus-Markt | Fußball-News | Eintracht Frankfurt | Polizeimeldungen Frankfurt/Rhein-Main

Film

04. April 2012

„Spieglein, Spieglein“ mit Julia Roberts: Schneewittchen lebt!

 Von Anke Westphal
Der Schein trügt nicht: die Königin (Julia Roberts). Foto: dpa

„Spieglein, Spieglein“ mit Julia Roberts erzählt die wahre Geschichte mit Julia Roberts als böser Stiefmutter. Ein modernes Märchen, das für Kinder nicht unbedingt geeignet ist.

Drucken per Mail

Als Papa im Wald verschwand, blieb Schneewittchen der Stiefmutter überlassen. Die Frau wollte dem Mädchen bekanntlich nichts Gutes. In diesem Film hier wird das teuflische Weib nun aber von Julia Roberts gespielt. Kann das gut gehen? Zwar ist die einstige Prinzessin der romantischen Komödie und Königin des gehobenen Thrillers inzwischen ins Fach der etablierten Berufstätigen mit Hang zur Midlife-Krise hinübergeglitten. Aber ist sie deswegen schon reif für das Böse? Abartige? Für gnadenloses Konkurrenzverhalten? Und ist das Publikum bereit für eine Julia Roberts, die nicht gerade Sympathiepunkte sammelt im Verlauf der Handlung von „Spieglein, Spieglein“?

Probieren Sie es selbst aus! Dieser Film von Tarsem Singh („Krieg der Götter“) ist zwar nicht unbedingt etwas für Kinder, und mit dem Märchen der Gebrüder Grimm verbindet ihn auch eher die Grundkonstellation. So verschwand Schneewittchens Vater im Original natürlich nicht spurlos im Wald. Vielleicht aber macht gerade die Leichthändigkeit im Umgang mit der Vorlage die Sache zu einem großen Spaß für Teenager, junge und ältere Erwachsene. Die sieben Zwerge etwa kommen hier ganz groß raus! Befreit von jeglicher Biederkeit haben sie tolle Auftritte als Räuberbande auf hydraulischen schwarzen Stelzen, was schon mal herrlich absurd ist – riesige Zwerge. Die aber mit dem Ablegen ihrer Ausrüstung rasant in den Schnee schrumpfen.

Der Prinz ist ein Trottel

Diese Szene beschert dem Zuschauer einen ersten Aha-Effekt und ist zugleich repräsentativ für die visuelle Kraft, das kühne grafische Design des Films, das etwas stärker auf eine Fantasy- als auf eine Märchenwelt zugeschnitten ist. Die filmischen Räume und Kostüme verkennen zwar nicht die Herkunft des Stoffs im Volkstümlichen, lösen sich aber immer wieder von ihm. So tragen etwa die Höflinge bei einem Themenball der bösen Königin Tiermasken, die sich auch jemand wie der dem Fantastischen verpflichtete Künstler Alfred Kubin hätte ausdenken können: abgründig in der Anmut, von gefährlicher Schönheit.

Bei eben diesem Ball erscheint Schneewittchen (Lily Collins) als Schwan – sehr zum Unmut ihrer mit Pfauenfedern geschmückten Stiefmutter. Die trachtet ihr eigenes Älterwerden auch dadurch zu kaschieren, indem sie die Stieftochter mit dem Porzellanteint vor den Blicken anderer versteckt. So kommt es nicht zu Vergleichen! Nachdem „Schnee“, wie sie liebevoll von den Mägden genannt wird, den Stubenarrest aber mehrfach verletzt hat und der Königin auch sonst über den Kopf wächst, beschließt letztere, die 18-Jährige im Wald von ihrem Vertrauten (toll: Nathan Lane) töten zu lassen.

Natürlich verläuft die Sache dann anders –, aber eben auch anders als es der Zuschauer erwartet. Das fängt damit an, dass sich Schneewittchen quasi als Erbin Robin Hoods entpuppt und zudem pädagogischen Ehrgeiz entwickelt, was die sieben Zwerge angeht. Der Prinz (Armie Hammer) ist attraktiv, aber ein Trottel, den schon ein Zwerg leicht überrumpelt, ganz zu schweigen von einer bösen Königin; zum Ehemann taugt er erst nach gründlicher Entzauberung – was für eine der lustigsten Szenen dieses an Witz nicht gerade armen Films sorgt.

Blutsauger-Herrschaft unter einer Party-Queen

Mit zum Besten zählen die bissigen Kommentare von Julia Roberts als Königin: Dass ihre Blutsauger-Herrschaft ein gut gestelltes Volk ins Unglück stürzte, ficht sie nicht weiter an: „Früher haben die Leute angeblich dauernd gesungen und getanzt – hatten wohl keine Jobs!“ Ihre Tyrannei der Schönheit führt logisch zur Diskriminierung nicht ganz so schöner Personen (die Zwerge sind nicht grundlos Outlaws) und ist auch eine Tyrannei der falschen Ökonomie. Das verleiht dem Film nahezu antikapitalistische Züge: Schneewittchen – eine Anführerin im bewaffneten Kampf gegen das Auspressen des Volks! Die schlimme Regentin – eine Party-Queen, die nur auf den schönen Schein aus ist! Wie modern das Märchen vom „Schneewittchen“ gerade heute ist, zeigt sich wohl auch darin, dass innerhalb weniger Wochen gleich zwei Variationen davon ins Kino kommen: Am 31. Mai folgt „Snow White and the Huntsman“.

Was „Spieglein, Spieglein“ angeht, so kann man es natürlich als souveräne Selbstironie interpretieren, wenn sich eine der schönsten , älter gewordenen Frauen Hollywoods für eine Rolle wie die der Stiefmutter entscheidet, die im Zauberspiegel immer nur ihr junges Alter Ego sucht. Demnächst wollen wir Julia Roberts dann aber mal als Serienmörderin sehen.

Spieglein, Spieglein – Die wirklich wahre Geschichte von Schneewittchen (Mirror, Mirror) USA 2012. Regie: Tarsem Singh, Drehbuch: Melissa Wallack, Jason Keller, Kamera: Brendan Galvin, Darsteller: Julia Roberts, Lily Collins u. a.; 100 Minuten, Farbe. FSK o. A.

Zur Homepage
comments powered by Disqus
Oscar 2014
Kino: Neustarts
Service
Suchen
Kinofilm, Schauspieler oder Regie
Kino, PLZ oder Ort

Kinoprogramm

Alle Neustarts diese Woche: Alle Filme von heute:
TV-Kritik
Filmtipps
Medien