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Film

20. März 2013

„Spring Breakers“: Lieber Partyhölle als Fegefeuer

 Von Daniel Kothenschulte
Enthemmte Partygirls in quietschunten Bikinis greifen an.Foto: dpa

Harmony Korines „Spring Breakers“ ist ein schönes Requiem auf die Spaßgesellschaft. Faszinierend ist dieser Kino-Trip schon von seinen ersten Bildern an, die Sauforgien losgelassener College-Kids in einem überfüllten Strand-Motel in Superzeitlupen zelebrieren.

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Lange bevor es eine Spaßkultur gab, warnten die Brüder Grimm vor ihr in ihrem Märchen „Die zertanzten Schuhe“. Jeden Morgen geben darin zwölf Prinzessinnen ihrem Vater Rätsel auf, weil sie offensichtlich die Nacht zum Tage machen. Die Vorstellung, dass die Hölle eine ins Monströse umgeschlagene Party sein könnte, begleitet uns sogar schon seit dem Mittelalter.

So gesehen ist Harmony Korines alptraumhafter Spaßfilm „Spring Breakers“ eine hochmoralische Angelegenheit, die den Paris Hiltons und Lindsay Lohans und allen sogenannten Ludern, die es ihnen gleichtun, einen grimmigen Spiegel vorhält. Um den Rausch des Lotterlebens aber zu verstehen, müssen wir erst einmal tief eintauchen.

Faszinierend ist dieser Kino-Trip schon von seinen ersten Bildern an, die Sauforgien losgelassener College-Kids in einem überfüllten Strand-Motel in Superzeitlupen zelebrieren. Wie ein Pop-Artist der Sechziger Jahre imitiert Korine die Übertreibungen der Werbung und dreht sie um ein kleines Rädchen weiter: Gerade genug um tief hinein zu schauen in die Mechanismen der Verklärung und die Rituale ihrer immergleichen Lustversprechen.

Die Schönheiten in Harmony Korines neuem Spielfilm „Spring Breakers“ können einem wahrlich das Fürchten lehren: Die vier Grazien, die da als enthemmte Partygirls ihr Unwesen treiben, haben es nicht nur auf die Geschmacksnerven ihrer Mitmenschen abgesehen, die sie mit grellbunten Bikinis und Badeschlappen attackieren. Scharf machen sie auch scharfe Waffen, was zu einer Kraftprobe mit ihrem von James Franco gespielten Gönner führt: Der Drogen- und Waffenhändler hat die vier bei einer Gerichtsverhandlung aufgegabelt, in dem er die Kaution bezahlt hat. Das sich daraus entspinnende Kräftemessen inszeniert Korine als einzigen delirierenden Loop: Nachdem das Kino von der Videoclip-Ästhetik bereits das schnelle Schneiden lernte, findet nun auch die Lust zur Wiederholung ihren Widerhall.

Zwischen Ironie und Albernheit

Ein Vorbild dieses Films ist Chris Cunninghams stilbildendes Musikvideo „Window Licker“ zur Musik von Aphex Twin, einer barocken Feier der Hässlichkeit hinter dem Partyglamour. Nicht nur James Francos Filmfigur wirkt wie die Wiederkehr des fiesen Goldkettchen-Casanovas aus dem Clip. Es sind die gleichen künstlerischen Mittel, der verzerrenden Überdehnung in der Reizüberflutung, die den eigentümlichen Sog ausmachen. Immer wieder kehrt Korine zurück zum bereits Gezeigten und badet im Nichts der ewig selben, phrasenhaften Dialoge. Das ist eine ebenso quälende wie letztlich beglückende Erfahrung, orchestriert durch bonbonbunte Bilder wie die des Fotokünstlers David Lachappelle.

Schon in seinem ersten, mit 19 Jahren geschriebenen Drehbuch für Larry Clarks Jugenddrama „Kids“ hatte Harmony Korine das selbe Lied gesungen: Im ausschweifenden, amoralischen Lebensstil eines sexbesessenen Jugendlichen, der sein HIV-Virus hemmungslos verbreitet, fielen die Widersprüche einer Zeit zusammen, die sich ebenso aufgeklärt gab wie ausschweifend. Die mittleren 1990er Jahre, als „Kids“ entstand, waren eine herrliche Zeit für den Pop und die Künste, es war der Höhepunkt der Rave-Kultur und das kollektive Gewissen hieß „politische Korrektheit“. Da wirkte Kids wie ein seltsam moralisierender Stachel. Doch als lustfeindlich konnte man diesen faszinierenden Film schon wegen seiner Detailfülle und fotografischen Klarheit nicht bezeichnen.

Mit 25 überraschte Korine dann mit dem existentialistischen „Gummo“ um orientierungslose Jugendliche im beklemmenden Niemandsland von Ohio. Nach dem Fegefeuer also nun die Partyhölle. Und wie immer, wenn das Kino an Extreme führt, kann man sich bald nicht mehr loslassen. Wenn man seinen Widerwillen einmal überwunden hat, fühlt man sich wie der bekehrte Skeptiker im Kölner Karneval: Blöd aber glücklich.

Denn Spring Breakers ist auch von einer eigentümlichen Komik, irgendwo zwischen Ironie und Albernheit. Einmal zeigt James Franco sein Herz für den Schlager und wird uns gleich sympathisch. An einem weißen Flügel am Strand intoniert der Drogenbaron ein feierliches „Everytime“, komponiert von der berühmten Britney Spears. „Every time I try to fly I fall… Without my wings I feel so small…“ Böse Menschen haben keine Lieder.

Spring Breakers. USA 2012. Regie: Harmony Korine. Mit James Franco, Selena Gomez, Ashley Benson, Vanessa Hudgens, Rachel Korine. 94 Min.

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