Aktuell: Wochenend-Magazin FR7 | FR-Recherche: Medikamententests an Heimkindern | Türkei | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | US-Wahl
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Film

01. April 2009

"Stellet Licht": Über alle Normalitäten des Kinos

 Von DANIEL KOTHENSCHULTE
Im Film "Stellet Licht" erzeugen die Aufnahmen der Natur große Emotionen.

Sonnenuntergänge markieren Anfang und Ende von Carlos Reygadas' "Stellet Licht". Kitschverdacht? Kaum etwas kann uns die Kraft des Kinos so vermitteln, wie ein ungeschnitten ausgespielter Sonnenuntergang.

Drucken per Mail

Es ist nicht ungewöhnlich, dass einen Filme an Orte führen, von denen man vorher nicht einmal gehört hat. "Stellet Licht", der jüngste Film des Mexikaners Carlos Reygadas, entlässt den unvorbereiteten Zuschauer sehr lange nicht aus der poetischen Ungewissheit völliger Ort- und Zeitlosigkeit.

Inzwischen weiß ich, dass er in einer Minnonitengemeinde im Norden seines Heimatlandes angesiedelt ist, in der plautdietsch gesprochen wird, eine seltene Variante des Niederdeutschen. Doch als ich diesem Film 2007 im Wettbewerb von Cannes begegnete, wusste ich es nicht und habe mich sehr lange auf die wunderbarste Art darin verloren. "Battle in Heaven" hieß Reygadas vorangegangener Film, aber ebenso gut könnte man sich auch hier im Jenseits befinden.

Anfang und Ende des Films markieren Naturaufnahmen von Sonnenuntergängen. Einerseits ist dies ein Sujet, das Fotografen wegen Kitschverdachts beharrlich meiden. Andererseits kann uns sehr wenig die Kraft der Lichtkunst Kino so eindringlich vermitteln wie ein ungeschnitten ausgespielter Sonnenuntergang. Schon diese bescheidene, ungeschönte Landschaftsmalerei erhebt den technisch imposanten CinemaScope-Film über alle Normalitäten des Kinos.

Stellet Licht, Trailer Mexiko, Frankreich, Niederlande 2007

In langsamen, gleichwohl in einem großen Fluss angelegten Sequenzen führt Reygadas in einen archaischen moralischen Konflikt. Ein ehrbarer Mann in dieser frommen Gemeinde ist glücklich verheiratet und liebt dennoch eine andere. Menschen, denen er sich anvertraut, können ihm so wenig helfen wie sein Glaube. Doch als seine Frau daran zerbricht und stirbt, scheint sich Gott in einer überwirklichen Wendung des Sünders zu erbarmen, und es geschieht ein Wunder.

Wie leicht könnte man sich einen Film vorstellen, der die behauptete Ewigkeit des Dramas mit dem zeitlosen Ambiente kurzschlösse. Dennoch wirkt dieser Film weder gesetzt noch gelenkt. Er erzählt sich so selbstverständlich und unmittelbar wie einer jener Kunstfilme des Landschaftsfilmers James Benning.

Seine Poesie rührt weniger von seinem religiösen Subtext her als von seinem Plädoyer für die Wunder der Fotografie. So wie die allerersten Filme der Gebrüder Lumière mit modernen Digitalkameras nicht zu wiederholen sind, leben Reygadas Bilder von einem Überschuss an Bildinformation, den man auch Schönheit nennt. Von dem, was ein Bild auch dann noch zeigt, nachdem man es bereits gelesen und verstanden hat. Diesen Mehrwert nannte Kandinsky den "inneren Klang". Man kann ihn auch den göttlichen Funken nennen.

Hollywood hat sich einige Male in die Welt der Amish People begeben, Peter Weirs Drama "Der einzige Zeuge" nutzte die Verweigerung dieser Menschen gegenüber modernen Technologien als Folie für eine geölte Spannungsdramaturgie. Spannung? In diesem Film gibt es kein Rädchen, an dem man noch drehen könnte. Zweieinviertel Stunden lang ist er sich selbst genug und erlaubt es uns, vollkommen in seiner ebenso wahren wie filmischen Wirklichkeit zu versinken.

Stellet Licht. Deutschland, Frankreich, Niederlande, Mexiko 2007. Regie: Carlos Reygadas, 134 Minuten.

[ Hat Ihnen der Artikel gefallen? Dann bestellen Sie gleich hier 4 Wochen lang die neue digitale FR für nur 5,90€. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Rubrik

Für welche Filme lohnt sich der Weg in Kino? Lesen Sie die Rezensionen der FR-Filmkritiker und sehen Sie die aktuellen Trailer.

Service
Suchen
Kinofilm, Schauspieler oder Regie
Kino, PLZ oder Ort

Kinoprogramm

Alle Neustarts diese Woche: Alle Filme von heute:

Anzeige

Filmtipps
Medien