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Film

30. Januar 2011

"Tal der Wölfe": „Wo immer Krieg ist, leiden die Muslime“

 Von Daniel Kothenschulte
Der türkische Schauspieler Erdal Beşikçioğlu spielt in "Tal der Wölfe" einen israelischen Offizier.  Foto: ddp

Der türkische Blockbuster „Tal der Wölfe: Palästina“ ist ein übler Propagandafilm. Aufhalten lässt sich der Erfolg der Zehn-Millionen-Dollar-Produktion vermutlich trotzdem nicht.

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Noch nie hat man in Deutschland ein derart gespenstisches, einseitiges und feindseliges Israel-Bild auf einer Kinoleinwand gesehen wie es der Action-Film „Tal der Wölfe – Palästina“ zeichnet. Am Freitag lief er in vorerst 43 deutschen Städten an, simultan mit der Erstaufführung im Produktionsland Türkei. Es war vorab bekannt, dass die fiktive Handlung die gewaltsame Erstürmung eines Schiffs mit Hilfsgütern durch die israelische Armee thematisieren würde, bei der am 31. Mai 2010 neun Türken starben.
Über diese unverhältnismäßige Militäraktion einen Actionfilm zu drehen, muss nicht zwangsläufig in antijüdische Aussagen münden. Allerdings enthielt schon der erste Teil der in der Türkei überaus populären Agentenfilmserie, „Tal der Wölfe: Irak“ mit der Figur eines jüdischen Arztes, der illegalen Organhandel betreibt, ein antisemitisch besetztes Stereotyp.
Man war also gewarnt. Tatsächlich beginnt die Zehn-Millionen-Dollar-Produktion mit einer aufwändigen Inszenierung der Schiffs-Erstürmung. Trotz der neun türkischen Todesopfer scheint dem israelischen Befehlshaber der Einsatz „ganz gut gelaufen“. Der in B-Film-Manier zum sadistisch-übermächtigen Schurken stilisierte Offizier soll offenbar an Israels Verteidigungsminister während des Sechstagekriegs erinnern, er trägt eine Augenklappe und sein Vorname ist Moshe. Gespielt wird diese Figur eines enthemmten Sadisten in Uniform von Erdal Beikçioğlu, dem gefeierten Hauptdarsteller des türkischen Berlinale-Gewinnerfilms „Bal“ („Honig“).
Die Schiffs-Erstürmung steht jedoch keineswegs im Zentrum des Films. In kaum mehr als zehn Filmminuten liefert sie lediglich die Motivation für den Einsatz des Spezialagenten Polat Alemdar (Necati Şasmaz), der „nicht nach Israel, sondern nach Palästina“ einreist, wie er einem rassistischen israelischen Soldaten zu verstehen gibt. Neben Moshe steht noch ein weiterer israelischer Schurke auf der Todesliste – der machtgierige Avi, er will israelische Siedler mit geächteter chemischer Munition beliefern und plant Eroberungsfeldzüge. Das Ziel: ein riesiges „Groß-Israel“.
Die genretypisch überzeichneten Erzschurken wird kaum ein Zuschauer für Abbilder der Realität halten. Doch für seinen emotionalen Höhepunkt bemüht der Film eine realistische Bildsprache: Gemeinsam mit einer jüdischen Amerikanerin, die er schützend mit sich führt, erreicht Alemdar eine palästinensische Siedlung im Gazastreifen. Man lernt eine Familie kennen, die der Drohung der Armee trotzt, ihr Haus abzureißen. Obwohl der Sohn seit einem israelischen Angriff im Rollstuhl sitzt, hat man nichts gegen die Juden – „nur gegen die Tyrannen“. Moshe aber lässt das Haus der Familie niederwalzen und sorgt dafür, dass das Kind lebendig darin begraben wird. Die Propaganda-Rhetorik erreicht ihren Höhepunkt, wenn die Großmutter eine israelische Kugel trifft und sie auf dem Trümmerhaufen ihre letzten Worte ans tote Kind richtet: „Ruhe sanft. Palästinensische Erde bedeckt dich.“
Es gibt keine isrealische Figur, die nicht brutal oder gar sadistisch gezeichnet wäre. Der attraktiven amerikanischen Jüdin fällt die Rolle einer Zeugin zu, die mit dem Unrecht konfrontiert wird, um es in ihren Kreisen anzuklagen.

Dass der Film auch stilisierte, mit dem Realismus brechende Elemente aufweist – wie den weißen Säulenpalast des Direktors eines Foltergefängnisses oder eine zu Musik choreographierte muslimische Gebetsszene unmittelbar nach dem israelischen Angriff – könnte für sich für die Verleiher noch auszahlen: Im Falle einer nicht unwahrscheinlichen Klage wegen Volksverhetzung ließe sich darin juristisch möglicherweise ein „Kunstcharakter“ des Werkes begründen.
Regisseur Zübeyr Sasmaz stachelt offensichtlich einen in der Türkei weit verbreiteten Antisemitismus an, versucht zugleich aber, auf der sicheren Seite zu bleiben. Er lässt seine Filmhelden sogar behaupten, alle Palästinenser hätten das Existenzrecht Israels anerkannt (von palästinensischen Terrorakten ist indes nicht die Rede). In seinen grotesken Übertreibungen muss dieser ärgerliche Film auch Kritikern der israelischen Gaza- und Siedlungspolitik ein Dorn im Auge sein. Der Ruf nach dem Zensor schafft ihn indes nicht aus der Welt. Die FSK versuchte seine Zirkulation erst durch die Verweigerung eines Kennzeichens, dann durch eine FSK-Freigabe „ab 18“ in Grenzen zu halten, was sie mit dem hohen Gewaltanteil begründete.
Tatsächlich sind die Gewaltszenen weniger drastisch als in vielen Filmen die „ab 16“ oder sogar „ab 12“ freigeben sind. Entscheidend für die deutschen Gutachter dürfte die mögliche Jugendgefährdung durch die propagandistischen Tendenzen“ sein. Ein Kassenerfolg aber ist „Tal der Wölfe: Palästina“ schon jetzt.

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