Aktuell: Museumsuferfest Frankfurt | Türkei | US-Wahl | FR-Serie: Fintechs
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Film

06. Januar 2016

„The Danish Girl“: Doppelporträt mit kleinen Fehlern

 Von 
Schielt bereits nach dem Oscar: Eddie Redmayne als Einar Wegener.  Foto: dpa

Tom Hoopers erzählt in seinem Transgender-Drama „The Danish Girl“ die Geschichte von Lili Elbe, die als erster Mensch eine Geschlechtsumwandlung zur Frau durchführen ließ. Doch der Regisseur verzichtet in seinem Film auf alles, was an einer solchen Geschichte wehtun könnte.

Drucken per Mail

Selten kommt es vor, dass das Kino kunstvoll von Kunst erzählt. Sicher, in „The Danish Girl“ geht es auch um etwas anderes, aber man merkt schnell, was einem Film verloren geht, wenn er sich nicht für das gesamte Bild interessiert, sondern nur für ein Detail.

Vor den imponierenden Kulissen der Kopenhagener Kunstakademie und Pariser Salons in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts verwirklicht sich ein junges Künstlerpaar auf unterschiedliche Weise. Gerda malt im neusachlichen Stil Porträts ihres Mannes Einar in Frauenkleidern und hat damit bald Erfolg. Dieser wiederum entdeckt währenddessen seine weibliche Geschlechtsidentität. Als Lili Elbe willigte er als erster Patient der Geschichte in eine operative Geschlechtsumwandlung ein.

Regisseur Tom Hooper bettet diese ungewöhnliche Beziehungsgeschichte in elegante Tableaus einer Gesellschaft in rasantem Wandel. In der von Alicia Vikander gespielten Malerin findet er eine selbstlose und verständnisvolle zweite Protagonistin (auch wenn sie gerade dafür eine Golden-Globe-Nominierung als Nebendarstellerin erhielt). Und Eddie Redmayne, der dort ebenfalls nominierte Stephen-Hawking-Darsteller aus „The Theory of Everything“ schielt bereits nach seinem zweiten Oscar.

Alicia Vikander mimt Gerda Wegener.  Foto: dpa

Aber reicht ein Lächeln von ungebrochener Zuversicht, so schön es anzusehen ist, für einen ganzen Film? Hooper hat auf alles verzichtet, was an einer solchen Geschichte wehtun könnte, etwa Selbstzweifel oder die erschreckend primitiven damaligen operativen Möglichkeiten. Dafür legt er über fast alle der 120 Filmminuten eine musikalische Endlosschleife, die man nur als akustische Anästhesie bezeichnen kann. Der überbeschäftigte Alexandre Desplat ist der begabteste Filmkomponist der Gegenwart, manchmal aber auch der nervtötendste. Auch unter langen Dialogen liegen seine Klavierglissandi, und das bescheidene, an Ravel erinnernde Thema wiederholt er sicher hundertmal.

Mehr dazu

Wie so oft, wenn sich ein Regisseur von historischen Fakten entfernt, fragt man sich, was damit gewonnen sein sollte. So progressiv sich der Film auf der einen Seite dem Transgender-Thema widmet, desto ärgerlicher ist die Reduktion der bedeutenden Malerin und Illustratorin Gerda Wegener auf eine bloße Porträtistin ihres bedingungslos geliebten Mannes. Ausgeblendet wird dabei ihre tatsächliche, lesbische sexuelle Orientierung. Umgekehrt wird die künstlerische Bedeutung von Einar Mogens Wegener, der späteren Lili Elbe, heruntergespielt, der möglicherweise seine eigene Karriere opferte, um seiner Frau als Modell zu dienen. Was man natürlich auch in einem modernen Sinne als autonome künstlerische Ausdrucksform verstehen könnte – immerhin wird inzwischen auch David Bowie (s. S. 32) für seine Selbstinszenierungen wie ein bildender Künstler gewürdigt. Es stecken viele Filme in dieser erstaunlichen Geschichte, und es wäre leicht, sich einen besseren vorzustellen.

The Danish Girl. USA/GB/D 2015. Regie: Tom Hooper. 120 Min.

[ Hat Ihnen der Artikel gefallen? Dann bestellen Sie gleich hier 4 Wochen lang die neue digitale FR für nur 5,90€. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Rubrik

Für welche Filme lohnt sich der Weg in Kino? Lesen Sie die Rezensionen der FR-Filmkritiker und sehen Sie die aktuellen Trailer.

Service
Suchen
Kinofilm, Schauspieler oder Regie
Kino, PLZ oder Ort

Kinoprogramm

Alle Neustarts diese Woche: Alle Filme von heute:

Sommerferien

Bücher, Musik, Filme für die Sommerferien

Und wenn ungeheuer oben eine sehr weiße Wolke ist, dann zeigt das auch nur wieder, dass Lesen in jeder Situation den Horizont erweitert.

Das FR-Feuilleton empfiehlt Bücher, transportable Musik und auch einige Filme auf DVD für den Sommer. Mehr...

Anzeige

Filmtipps
Medien