Film

12. März 2009

"The Pervert's Guide to Cinema": Der kleine Diktator

 Von DANIEL KOTHENSCHULTE
Der Meister auf seiner Filmreise ins Unbewusste. Foto: Verleih

Unsere Lieblingskunst, das Kino - für den Philosophen Zižek nur "ein täuschendes Locken, dass die Tatsache verschleiern möchte, dass wir Scheiße anstarren." Glauben wir ihm das? Von Daniel Kothenschulte

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Gleicht unser Blick auf eine Kinoleinwand nicht dem Blick in eine Kloschüssel? Und warten wir nicht darauf, dass plötzlich die Dinge, die wir weggespült haben, wieder auftauchen?" Slavoj Zižek, der slowenische Philosoph und Kulturkritiker, liebt die rhetorischen Fragen. Aber glaubt er wirklich, dass wir ihm am Ende des ersten Drittels seiner verfilmten Vorlesung "The Pervert's Guide to Cinema" auch zustimmen? Ob sich hartgesottene Filmfans, immerhin die Zielgruppe dieser mit Filmausschnitten gespickten One-Man-Show, wohl mit diesem drastischen Bild so leicht anfreunden werden? All dieses "Bigger than Life" unserer Lieblingskunst, dieses angebliche Lebenselixier namens Glamour - für Zižek ist es lediglich "ein täuschendes Locken, dass nur die Tatsache verschleiern möchte, dass wir Scheiße anstarren."

Es ist keine besonders neue Erkenntnis, dass das narrative Kino, insbesondere das amerikanische, eine Fundgrube für Freunde des Verdrängten ist. Nehmen wir nur Zižeks handfeste Erklärung von "Mutters Haus", dem Spielort von Hitchcocks "Psycho". Im Erdgeschoss wohnt das Ich, im ersten Stock das Über-Ich, und im Keller haust das Unbewusste. Dort, in der liebevoll nachgebauten Filmkulisse, hat es sich der Theoretiker gemütlich gemacht. Von hier aus erklärt er uns Cinephile zu Perversen. Und keine Sorge: Therapie ist zwecklos. In einer anderen Szene wählt er als Auftrittsort gleich selbst die Couch. Natürlich nicht irgendeine, sondern die von Isabella Rossellini in David Lynchs "Blue Velvet". Wer ist wohl der eigentliche Voyeur gewesen in der berühmten Szene mit Dennis Hopper, die einst den Festivaldirektor von Venedig so erzürnte, dass er bei der Sichtung den Projektor anhielt - um das Andenken von Isabellas Vater Roberto nicht zu beschmutzen? In Zižek Lesart sind alle männlichen Figuren dieser Szene nur Erfüllungsgehilfen. Sollten die Peiniger der Frau nur Erfüllungsgehilfen einer verdrängten Phantasie gewesen sein? Für Slavoj Zižek ist die Kinoleinwand nichts anderes als eine Projektionsfläche des Unbewussten.

Das Besondere an dieser 150-minütigen Achterbahnfahrt durch die Geschichte von Kino und psychologischer Filmtheorie ist nicht allein das Ereignis von lebendiger Philosophie. Wer den Meister im bereits im konkurrierenden Kino-Dokumentarfilm "Zižek" gesehen hat, kennt sein beachtliches Starpotential. Seine Auftritte sind stets filmwürdige Spektakel. Jongliert er nicht gerade mit einem Berg von Videokassetten zu seinem Paradethema Hitchcock, dann übersetzt er seine Überlegungen in ein rasantes Stakkato aus Gesten zu knatterndem Englisch. Anders jedoch als im vorausgegangenen Film (der kurioserweise erst nach diesem hier entstand), belässt es Regisseurin Sophie Fiennes nicht bei der abgefilmten Performance. Die für diesen Film gebauten Filmkulissen üben ein eigenen Zauber aus: Der staubige Reiz dieser Filmsets scheint Zižek noch einmal zu beflügeln, denn was kann verlockender sein für den Filmverliebten als die magische Grenze auch physisch zu überschreiten?

Trailer zum Film

Woody Allen drehte seinen Film "Purple Rose of Cairo" über den Traum der Ladenmädchen, vom Kino buchstäblich eingesogen zu werden. Für Zižek wird er wahr, was für jemanden, der die Leinwand für eine Schnittstelle zum Verdrängten hält, eine noch größere Befreiung sein muss. Seit er im wirklichen Leben im Jahre 2004 das argentinische Dessous-Model Analie Hounie heiratete, hat er sogar die Glamour-Welt der Klatschmagazine erobert. Schlagfertig beantwortet er stupide Interviewfragen in einer Spontaneität, die an die Beatles erinnert. Frage: "Was deprimiert Sie?" - Antwort: "Dumme Menschen glücklich zu sehen."

Tatsächlich machen Zižek aber wohl vor allem Filme glücklich. Und anders als viele Filmtheoretiker kann er diese Freude mit kindlicher Unverstelltheit vermitteln. So ist er vielleicht der einzige Filmtheoretiker, den die Gemeinde der Cinephilen anerkennt. Filmhistorisch stimmt nicht alles, was er sagt. Ausgesprochen herablassend marginalisiert er hier den Stummfilm, dessen Helden ihn nicht interessieren, da er sie für asexuell hält. Doch wie überzeugend er dann am Beispiel von Chaplins "großem Diktator" die menschliche Stimme als Einbruch des Fremden beschreibt, entschädigt für das Versäumte. Und dann erkennt man auch sein geheimes Vorbild: Wie Chaplin mit seiner berühmten Schlussansprache im "Diktator" liebt Zižek den Akt der Belehrung. Als kleiner Film-Diktator.

The Pervert's Guide to Cinema, Regie: Sophie Fiennes, Großbritannien/Österreich 2006, 154 Minuten.

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