In der vergangenen Woche übten sich, so zeigte es ein Beitrag im "Weltspiegel", japanische Investmentbanker im Sumo-Ringen. Dabei kämpften sie um heilige Stäbe, deren Besitz vielleicht die Weltwirtschaftslage wieder zum Guten rücken wird. Wer diese Mühen seltsam findet, sollte sich erst recht nicht dem Wrestling zuwenden. Brutaler geht es dort ohnehin zu, und auch wenn Sieger und Verlierer von vornherein feststehen, werden deren Verletzungen mit Kunstblut untermalt. Wenigstens die kalkulierten. Anstelle eines glücksverheißenden Stabes wird dem Gewinner des Schaukämpfens ein breiter, mit Nieten bewehrter Gürtel zuteil. Glück ist bekanntlich relativ und Spiritualität ein weites Feld.
Dass die Amerikaner Wrestling als eine Art von Medien-Taufe feiern, erkennt man unschwer, wenn die Kameras der Veranstalter in die Menge schwenken. Ganz vorne stehen Väter, die ihre Babys auf den Schultern tragen. Nicht umsonst empfiehlt die Striptease-Tänzerin Cassidy in Darren Aronofskys hochreflexivem und buchstäblich niederschmetternd physischem Film "The Wrestler" dem alt gewordenen Catcher Randy, The Ram, sich Mel Gibsons Film "Die Passion Christi" anzuschauen: "Diesen Typen", sagt sie über Jesus, "hat man mit allem bombardiert, was es gibt." Trotzdem, so der Trost für ihren langjährigen Verehrer, glauben noch immer viele Leute an ihn. Wrestling ist popkulturelles Passionsspiel. Der rituelle Kampf von Gut gegen Böse erlebt seinen Höhepunkt, wenn der Gute darniederliegt. Dann folgt unweigerlich das Comeback.
Ein Comeback, eine Auferstehung zu Lebzeiten bietet Aronofskys ebenso kritische wie zärtliche Sicht auf den professionellen Leidensmann des Showbiz im zweifachen Sinn. Mickey Rourke, der seine Schauspielerkarriere für viele Jahre gegen den Boxring tauschte und sich schließlich selbst mit Drogen bekämpfte, spielt Randy, The Ram. Die blondierte Mähne, die seit den glorreichen achtziger Jahren verfilzt und die das Hörgerät der ehemaligen Kultfigur nicht verdecken kann, der vernarbte Körper, der unter Qualen mit Eisengewichten und Steroiden in die unmäßig wuchernde Form des Muskelpakets gebracht wird, die adrenalinselige Verdrängung der eigenen finanziellen und emotionalen Misere, all dies zeigt Rourke ohne Rücksicht auf Ego-Verluste.
Je kompromissloser er die pubertären Mannbarkeitsriten des aufs Altenteil zugehenden Wrestlers der Lächerlichkeit preisgibt, desto liebenswerter wird seine Figur in ihrer mythischen Unbeirrbarkeit. Nach einem Herzinfarkt wird Randy vor die Wahl gestellt: Wenn er so weitermacht, wird er sterben. Wer aber soll Randy sein, wenn nicht "die Ramme"? Vielleicht der Vater der erwachsenen Tochter, die er, samt seiner Ex-Frau, im Größenwahn vernachlässigt hat? Vielleicht der Liebhaber der besorgten Cassidy, die als alleinerziehende Mutter mit dem Klischee der freizügigen Stripperin bricht und ganz nebenbei den ebenfalls auf nackter Selbstausbeutung basierenden, anderen amerikanischen Unterhaltungssektor verkörpert? Oder doch der neue Metzger im Supermarkt, der weiß, wie man Muskelfasern am Effektivsten zerhackt?
Am Ende schlägt in Mickey Rourkes Wrestler das Herz der amerikanischen Unterhaltungsindustrie - und zerbricht an den Gesetzen des gefräßigen Star-Konsums. Es ist erstaunlich, welch ruhigen, unspektakulären Ton dieser Film dabei anschlägt. Er beschönigt nichts und hat auch wenig zu verklären: Das Glücksversprechen, das nicht nur japanische Sumo-Ringer, sondern das nahezu jeder Sportfilm der Geschichte wie ein Leitmotiv vor sich her trägt: Es ist hier nicht mehr wert als ein Refrain in einer Country-Nummer.
Mickey Rourke und Marisa Tomei - in der Rolle der ebenfalls auf ihren Körper reduzierten und als verbraucht geltenden Frau - erheben sich dank Darren Aronofskys ambivalentem Verständnis für die seltsamen amerikanischen Schau-Werte dennoch über die Vergänglichkeit des Fleischmarkts. Keine verklärten Leiber, sondern Menschen, die mit sich selbst ringen.
The Wrestler, Regie: Darren Aronofsky, USA 2008, 109 Minuten.