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"Wall.E": Am Tag danach

Ein Stück experimentelles Kino bricht alle Kassenrekorde: "Wall.E", ein moderner Stummfilm der Pixar-Studios.

Ein Herz für die Überlebenden der Erde: Roboter Wall-E schaut mit Teleskop-Augen seinen Freund an, die Schabe.
Ein Herz für die Überlebenden der Erde: Roboter "Wall-E" schaut mit Teleskop-Augen seinen Freund an, die Schabe.
Foto: Verleih

Das Kino brauchte die ersten 30 Jahre seiner Geschichte, um sprechen zu lernen. Das Verlernen gestaltete sich dann um einiges schwieriger. Es dauerte 80 Jahre, aber gottlob ist es noch nicht zu spät. Man ahnte schon lange, dass im kalifornischen Pixar-Studio das Filmemachen neu erfunden wird. Das ist nun geschehen. Dieser moderne Stummfilm namens "Wall.E" (zugegeben, Stummfilm stimmt nicht ganz; ab der 45. Minute sprechen Nebenfiguren ein paar Sätze, aber sie sind überhaupt nicht wichtig) ist das gewaltigste und kühnste Experiment in der Trickfilmkunst seit Disneys "Fantasia". Und wie sein Vorgänger öffnet es Augen und Ohren.

"Der letzte räumt die Erde auf": Mit einem lustigen Satz verkauft der Verleih einen anrührenden und zutiefst ernsthaften Film. Der einsame, kantig zusammengeschraubte Roboter Wall.E mit den beweglichen Teleskopaugen, der die Reste der Zivilisation zu Würfeln schichtet, gehört zu jenen Filmfiguren, die man von Anfang an zu kennen glaubt. Wie Charlie Chaplin, Mickey Mouse oder E.T.. Da er eine Maschine ist, kümmert ihn nicht die Monotonie seiner Sisyphosarbeit. Da er aber auch eine Trickfigur ist, hat er ein Herz.

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Ordentlich macht er seine Arbeit, aber privat ist er ein Messie, kann nichts wegwerfen. So rettet er nicht nur das einzige Pflänzchen, das nach Jahrhunderten menschlicher Abwesenheit wieder auf der Erde wächst, sondern allerhand kulturgeschichtlichen Ballast. Sein liebstes Stück ist eine Videokassette mit dem romantischen Hollywood-Musical "Hello Dolly". Sie allein liefert ihm eine komplette sentimentale Erziehung. Und kaum, dass ein zweiter Roboter auftaucht, ein moderneres Modell im Dieter-Rams-Design der 60er Jahre, wendet er das Gelernte an. Er verliebt sich Hals über Kopf. Ihr Name Eve - er sagt lieber: Eva - ist fortan das einzige Wort, das er wie ein Mantra vor sich hin murmelt. Eine alte Schallplatte illustriert diese wunderbare Sequenz einer romantischen Initiation: "La vie en rose", natürlich nicht von der quirligen Piaf gesungen, sondern in der etwas behäbigen Satchmo-Version.

Verliebte verschenken Pflanzen

Regisseur Andrew Stanton und Produzent John Lasseter haben sich einige Mühe gegeben, Platten auszugraben, auf denen genug Staub liegt, um jeden Hipness-Verdacht zu entkräften. Anders als in den meisten digital animierten Filmen gibt es in "Wall.E" wenig, das sich mit den flüchtigen Vorlieben der Gegenwart erklärt. Eher mit denen einer entstaubten Kinogeschichte.

Obwohl es ein Film wie kein anderer ist, ähnelt er erst einmal vielen. Auf dem Wüstenplanet hätte gut das Öko-Raumschiff des Klassikers "Lautlos im Weltraum" andocken können. Etwas mehr Staub, und man könnte wie im "Planet der Affen" die Freiheitsstatue darunter finden. Die wahre Freiheit aber findet man sofort: Es ist ein Film wie von Jacques Tati, gemacht mit derselben pedantischen Besessenheit für Design in Bild und Ton.

Die Roboter-Lady Eve ist programmiert, auf der Erde nach Lebewesen zu suchen. Wall.E. macht ihr das leicht, denn Verliebte verschenken gerne Pflanzen. Dann folgt er ihr ins gigantische Raumschiff, wo beide einander erst einmal lange aus den Augen verlieren. Dafür lernt man kennen, was von den Menschen übrig geblieben ist: Pummelige, aber arglose Wesen, die ihr gesamtes Dasein in Liegestühlen verbringen. Sie zu revitalisieren ist eine immense Aufgabe, der höchstens zwei kleine Maschinen Herr werden können. So wie die Computer von Pixar den Trickfilm reanimiert haben.

Diesmal haben die Computerkünstler einen echten Spielfilmkameramann mit ins Boot geholt, Roger Deakins, den Bildgestalter der Coen-Brüder. Er sollte die richtigen Unschärfen in die Aufnahmen bringen. Erstaunlich, nun in computergenerierte Räume zu blicken, die aussehen, als hätte jemand darin mit einer alten Cinemascope-Linse herumgefilmt.

Wer kann sich solche Experimente leisten? Doch sind die radikalsten Filme des Pixar-Studios auch die erfolgreichsten. Das Glück, mit radikaler Kunst den Massengeschmack zu treffen, hatten einst Chaplin, Disney und Tati - die Vorbilder von Pixar.

"Wall.E", Regie Andrew Stanton, USA 2008, 98 Minuten.

Autor:  DANIEL KOTHENSCHULTE
Datum:  25 | 9 | 2008
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