kalaydo.de Anzeigen

"Wolke 9": Im dritten Frühling

Senioren und der Beischlaf: Andreas Dresen erzählt in "Wolke 9" ein Ehedrama jenseits der Pensionsgrenze. Von Michael Kohler.

Andreas Dresens Spielfilm Wolke 9 erzählt die Geschichte der 70-jährigen Inge (Ursula Werner, links), die sich nach 30 Jahren glücklicher Ehe neu verliebt - in den fast zehn Jahre älteren Karl (Horst Westphal).
Andreas Dresens Spielfilm "Wolke 9" erzählt die Geschichte der 70-jährigen Inge (Ursula Werner, links), die sich nach 30 Jahren glücklicher Ehe neu verliebt - in den fast zehn Jahre älteren Karl (Horst Westphal).
Foto: Verleih

Zuweilen ähneln Pressevorführungen einer Verkaufsfahrt für Senioren. Man begegnet sich an einem fremden Ort, bekommt ein Freigetränk spendiert, dann werden die Mobiltelefone eingesammelt und schließlich in geschlossener Gesellschaft olle Kamellen als der allerneueste Schrei verkauft.

Bei Andreas Dresens neuem Film "Wolke 9" trifft das gleich im doppelten Sinn zu: Er erzählt die Geschichte eines Ehebruchs, bei dem sich die Frau in einen anderen verliebt, die Heimlichkeiten irgendwann nicht mehr ertragen kann und mit ihrer Beichte alles nur noch schlimmer macht. Im Grunde ist es die älteste Geschichte der Welt, bis auf die Tatsache, dass Dresens Figuren längst das Pensionsalter erreicht haben und Dresen den dritten Frühling nicht viel anders inszeniert, als wäre es der erste oder zweite.

Daran ist zunächst einmal überhaupt nichts auszusetzen, man kann es im Gegenteil sogar sehr verdienstvoll finden, dass Dresen die Alterslosigkeit von Liebesglück und Liebesschmerz in ungeschminkten, aber nie lüsternen Bildern zeigt, und genau das hat wohl auch die Jury so gesehen, die "Wolke 9" in Cannes den Ehrenpreis Coup de Cœur verlieh. Umgekehrt wird aber auch ein Schuh daraus: Denkt man sich den angeblichen Tabubruch, Senioren beim Sex zu zeigen, weg, bleibt eine eher fade Geschichte übrig, die noch ein bisschen fader wird, wenn man sie sich mit Dreißig- oder Fünfzigjährigen in den Hauptrollen vorstellt.

Andreas Dresen macht Filme mit dem Anspruch, das Leben und nichts anderes zu zeigen, und er geht dafür bevorzugt in sonst gerne übersehene Milieus. Mit der Wirklichkeit hat diese Form des sozialen Realismus deswegen nicht unbedingt mehr gemein als eine romantische Komödie, denn auch bei Dresen steckt das sprichwörtlich pralle Leben voller verlässlicher Drehbuchkniffe und wohlmeinender Regieeinfälle.

Um es in Anlehnung an Dresens bekanntesten Film "Halbe Treppe" zu sagen: Seine Filme sind nichts Halbes und nichts Ganzes. Auch was die sehr ausführliche Darstellung des Sexuellen angeht, kann Dresen dem Geschehen weder eine entspannte Selbstverständlichkeit verleihen, noch besitzt er die Konsequenz, den Beischlaf wie Patrice Chereau als alles Soziale hinter sich lassende Macht zu inszenieren.

Wolke 9, Regie: Andreas Dresen, Deutschland 2008, 99 Minuten.

Autor:  MICHAEL KOHLER
Datum:  4 | 9 | 2008
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken

Video

Film

Die Filmwoche: Was läuft wann in welchem Kino? Alle Neustarts, alle Filme, alle Kinos, alle Zeiten.

FR-Spezial

Alle Hintergrundberichte, Filmkritiken, Interviews und Schlagzeilen rund um die 62. Berlinale im FR-Spezial.

Spezial

Was lesen? Die FR-Literaturbeilage empfiehlt Romane, Sachbücher und Kinderliteratur.