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Film

01. Oktober 2014

„Yaloms Anleitung zum Glücklichsein“: Seht her, ich bin mir wohlgeraten

 Von 
Seit 60 Jahren ein Paar. Irvin D. Yalom und Marilyn Yalom.  Foto: dpa

Der Dokumentarfilm „Yaloms Anleitung zum Glücklichsein“ erzählt nicht nur von den Erfolgen der Gruppentherapie und Psychotherapie, sondern zeigt Glück im XXL Format.

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Diese Stimme! Das erzählt der Film natürlich nicht: Ein Psychiater kann so gut sein, wie er will, wenn er nicht die richtige Stimme hat, die es vermag, den Patienten flach zu legen, nutzt sein Wissen um die Seele wenig. Die richtige Stimme ist schon die halbe Couch.

Am Anfang des Films hört man sie. Das heißt, erst hört man nur Edvard Griegs Peer-Gynt-Suite. Ein Schiff zieht dazu langsam über die Hudson Bay von links nach rechts und verschwindet allmählich aus dem Bildfeld. Die Wellen glitzern unbeeindruckt, wie sie immer glitzern. Und dann kommt diese Stimme aus dem Off und sagt: Meine Patienten bitte ich meist, eine Linie zu zeichnen, die für die übliche Zeitspanne des Lebens steht. Links die Geburt, rechts der Tod. Dann sollen sie einen Punkt machen für die Stelle des Lebens, an der sie vermutlich gerade stehen. Sie erkennen, wie wenig ihnen noch bleibt. Oft ist dieser Moment der Beginn eines Prozesses, in dem sie lernen, anders mit sich umzugehen. Und damit hat Irvin David Yalom sie schon am Haken.

Der Mann ist ein vor allem in den USA bekannter Psychologe, der viel dazu beigetragen hat, die Psychologie so salonfähig zu machen wie die Hals-, Nasen-, Ohrenheilkunde. Er ist ein engagierter Verfechter der Gruppentherapie und überzeugt davon, dass Menschen unter der richtigen Anleitung gemeinsam lernen können, „intime, nährende, langjährige Beziehungen zu anderen aufzubauen.“

Neben zahlreichen Fachbüchern publizierte er auch Romane und Erzählungen, die seine Einsichten in die Lebenskunst plastisch machen. In dem hemmungslos verliebten Dokumentarfilm „Yaloms Anleitung zum Glücklichsein“ der Schweizerin Sabine Gisiger sitzt der 83-Jährige vor uns auf der Kinoleinwand und ist natürlich grenzenlos sympathisch. Und glücklich. Seine Ehefrau hält es schließlich schon 60 Jahre mit ihm aus, vier Kinder entstammen der Verbindung, die allesamt wohlgeraten und ebenfalls grenzenlos sympathisch sind und sich im elterlichen Haus zum Thanksgiving treffen.

Um den Film zu genießen, braucht es eine gewisse Toleranz gegenüber Musterschülern ihrer selbst. Da sitzt das greise Paar doch tatsächlich nackt im Jacuzzi-Zuber und plaudert ganz unbefangen über sich und die Welt. Wie sie übereinander reden, das flößt einem bei allem Widerwillen vor solch demonstrativer Seelengesundheit Hochachtung ein. „Es war keine Leichtigkeit in ihm“, sagt Marylin über ihren Mann, der mit solcher Verschmitztheit, mit einem entwaffnenden Lächeln über die Versagensängste seines Lebens, seinen Ehrgeiz, seine Eifersucht spricht, dass es einen doch beeindruckt. Tatsächlich, es gibt kaum einen besseren Beleg für Yaloms These, dass das Leben desto besser werde, je mehr man sich selbst kennen lernte, als ihn selbst.

Yalom kennt sich. „Wir sind alle Patienten“, sagt er. Und er kennt die Kosten der Verliebtheit: „Das fragende, einsame Ich löst sich im Wir auf“. In gewisser Weise ist seine Arbeit, sofern sie erfolgreich ist, eine Rückgewinnung des Ichs, und der Psychiater ein Henker der Verliebtheit – wie die Liebe, wenn sie sich denn einstellt. Man hört viele interessante Überlegungen zur Gruppentherapie und zur Psychotherapie im Allgemeinen, die viel zu wertvoll sei, um sie nur auf Kranke anzuwenden.

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Ein angenehme Balance zwischen Milde und Ansprüchlichkeit durchzieht diesen Film, der es deshalb schwer macht, ihn ganz in die Feelgood- und Wellness-Ecke abzuschieben. Und doch bleibt ein Grundmisstrauen gegenüber dem Werk, das sich schon allein aus der visuellen Argumentation nährt. Sabine Gisiger zeigt ihren Helden ausschließlich in schönen Umgebungen: im Garten, in seinem wunderbar gealterten Haus, beim Radfahren auf Hawaii, in Südfrankreich. Als vertrüge Yaloms Glück das Hässliche nicht, nicht einmal den Besuch eines gewöhnlichen Supermarkts.

Dabei zitiert Yalom einmal Thomas Hardy: „Wenn es einen Weg zum Besseren geben soll, braucht es einen Blick ins Schlimmste.“ Etwas von dieser Weisheit hätte die Autorin bedenken und ihren Gegenstand einer robusteren Umwelt aussetzen sollen. So macht sie den Mann viel glücksprotziger als er ist.

Yaloms Anleitung zum Glücklichsein.
Regie und Buch: Sabine Gisiger. Schweiz 2014. 77 Min.

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