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Film

02. März 2016

„Zoomania“: Disneys politischer Animationsfilm

 Von 
Fuchs Nick Wilde und Häsin Judy Hopps in einer Szene des Films „Zoomania“.  Foto: dpa

Mit dem neuen Animationsfilm „Zootopia“ schafft Disney ein unerwartet politisches Integrations-Plädoyer – hier läuft er als „Zoomania“. Sogar Parallelen zu den fremdenfeindlichen Wahlkampfauftritten von Donald Trump sind darin zu erkennen.

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In Entenhausen sind sie allgegenwärtig, in Disneys großen Animationsfilmen dagegen eher selten: Tiere, die auf zwei Beinen laufen. Um nicht ganz von den wortgewandten Zweibeinern der Konkurrenz von „Madagascar“ überrannt zu werden, erfand sich der Platzhirsch unter den Trickfilmproduzenten nun „Zootopia“: Eine Metropole, in der alle Tierarten friedlich beieinander leben, und man tritt sich offenbar seltener auf die Füße, wenn man nur zwei davon benutzt.

Doch es ist eine wackelige Harmonie, die einerseits Raubtiere dazu gebracht hat, sich ihre Instinkte abzugewöhnen, andererseits aber ihre Ideale von Inklusion und Integration alles andere als verwirklicht hat.

Die Polizistin Judy Hopps kann ein Lied davon singen. Über ein Förderprogramm für Kleintiere ist sie von der Polizeiakademie gleich ins Hauptstadt-Präsidium gewandert. Als Häsin wird sie freilich von den großen Tieren, es sind weniger Amtsschimmel als Amtsbüffel und Amtsnashörner, nur zur Bestrafung von Parksündern eingesetzt. Mit trotzigem Übermut verteilt sie bereits bis Mittag mehr Knöllchen als von ihr erwartet werden und kann den Rest des Tages für Recht und Ordnung sorgen.

Im smarten Fuchs Nick vermutet sie einen Trickbetrüger, was einerseits das Ergebnis von Intelligenz und Kombinationsgabe ist, anderseits aber auch das Überleben eines tierischen Instinkts beweist. Aufgeregt flattert ihr Näschen, wenn sie ihrem natürlichen Feind erst mit Verhaftung droht und als es die Beweislage nicht hergibt, wenigstens mit einer Anzeige beim Finanzamt. Aber was ist hier Vorurteil, was ist die tierische Form von Menschenkenntnis? Tatsächlich ist sie auf die Hilfe des schlauen Füchsleins sehr bald angewiesen, wenn sich neben einer versponnenen Krimihandlung um verschwundene Raubtiere eine ausgefuchste politische Parabel entspinnt.

Eine Utopie des Zusammenlebens

In den ersten Bildern beschwört der Film eine hochentwickelte Utopie des Zusammenlebens. Technisch gesehen ist für alle gesorgt: Da hat sich die Softdrink-Industrie mit Getränkeaufzügen auf lange Giraffenhälse eingestellt, Hamster dürfen sich auf ihren Verkehrswegen durch Röhrchen tummeln, während die Mäuse ihr eigenes Viertel bewohnen, wo schließlich eine furiose Verfolgungsjagd ausgetragen wird: Da ist die Häsin plötzlich eine Riesin.

Doch die Diskriminierung ist allgegenwärtig. Während die Dominanz massiger Tierwachen im Polizeipräsidium nur eine Analogie auf den aus zahllosen Polizeifilmen bekannten Chauvinismus darstellt, gärt im Zusammenleben mit den nicht weniger zivilisierten Raubtieren ein unterschwelliger Rassismus. Ob sich die Dschungel-Abkömmlinge wohl wirklich von ihren tradierten Werten so ganz verabschieden können?

Animationsfilme brauchen Jahre bis zu ihrer Fertigstellung, unmöglich konnten die Drehbuchautoren Jared Bush und Phil Johnston die Fremdenfeindlichkeit der Wahlkampfauftritte Donald Trumps erahnen. Doch Bezüge zur Islamfeindlichkeit seit der Anschläge vom 11. September 2001 sind unübersehbar.

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Es ist schon eine große Kunst, eine so allgemeingültige Geschichte zu erfinden, an der sich zugleich die Gefahren ablesen lassen, denen die westlichen Demokratien ausgesetzt sind. Nicht durch Einwanderung, sondern durch Abschottung und Ausgrenzung. So ist „Zootopia“, der auf deutsch rätselhafterweise „Zoomania“ heißt, Disneys überraschende Rückkehr zum politischen Cartoon. Lange lag dieses Erbe brach seit 1938 ein friedliebender Stier namens Ferdinand vor der Kriegstreiberei warnte und später Donald Duck vor den Nazis. Zugleich ist es ein würdiger Nachfolger der britischen Verfilmung von Orwells „Animal Farm.“

Doch anders als dieser schwergewichtige Klassiker ist dieser Film geradezu schwerelos in seiner Machart. Welche Kunst gehört dazu, der politischen Aussage eine derart liebevolle Umwelt zu weben, dass die Botschaft nicht wie in Stein gemeißelt da steht, sondern wie mit der Hand gestickt. Übersehbar ist sie trotzdem nicht.

Zu den Disney-Regisseuren Byron Howard und Jared Bush holte man sich mit Rich Moore einen der Macher der Simpsons ins Boot. So sehr ihr Film nach seinem Ende zum Nachdenken anregt, so unbeschwert unterhält er bis dahin. Wie in Disneys klassischen Animationsfilmen könnte man einzelne Szenen herauslösen und immer wieder zeigen.

Etwa jenen wunderbaren Augenblick, in dem die Verbrecherjagd bei einer KFZ-Zulassungsstelle ausgebremst wird. Nun dauert alles eine Ewigkeit, denn hinter dem Schreibtisch hat man ein Tier ausgesprochen artgerecht besetzt, und das können wir hier einmal ganz vorurteilsfrei sagen. Der gemütliche Beamte ist ein Faultier namens Blitz.

Zoomania. USA 2016. Regie: ByronHoward, Rich Moore, Jared Bush. 108 Minuten.

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