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65. Filmfestival in Venedig: Die Rechnung ohne den Wirt

Problematisch auf hohem Niveau: Der neue Film der Coens und Petzolds "Jerichow". Von Daniel Kothenschulte

Mit Hackebeilchen: John Malkovich als Ex-CIA-Agent in Burn after Reading.
Mit Hackebeilchen: John Malkovich als Ex-CIA-Agent in "Burn after Reading".
Foto: Verleih

Es ist die alte Geburtstagsfrage: Will man alle Geschenke auf einmal auspacken oder sich noch ein paar für später aufheben? Natürlich will man sie alle - auf einmal. Zwar ist der Festivaljahrgang 2007, als Direktor Marco Müller sein stärkstes Pulver an den ersten Tagen verschoss, noch in schmerzlicher Erinnerung.

Dennoch hofft man natürlich, dass auch die 65. Filmbiennale von Venedig so spannend weitergehen könnte, wie sie gerade begonnen hat: mit Weltpremieren von den Coen-Brüdern und Christian Petzold; den neuen Filmen von Takeshi Kitano und Barbet Schroeder gleich darauf. Und selbst die Retrospektive, eine Blütenlese des italienischen Kinos in seinen Glanztagen der fünfziger und sechziger Jahre unter bewusster Umgehung der bekannten Meisterwerke, wurde furios aus der Taufe gehoben.

Selbstparodie des Sängers

Wer hätte gewusst, dass Domenico Modugno, einst Star-Barde San Remos und "Volare"-Komponist, eine veritable Schauspieler- und sogar Regiekarriere machte? Und seine Landsleute mit einem der stimmungsvollsten Rom-Filme jener Jahre erfreute: "Nel blu dipinto di blu" von 1959 führt den Sänger in einer Neubausiedlung als ungeliebten Straßenbarden ein, der sich weigert, jedermanns Lieblingsschlager "Volare" zu singen.

So grölen es eben die Anwohner und verjagen damit den sonderbaren Clown und Hobby-Casanova, als den sich der 1994 verstorbene Sänger selber parodiert. Die einzige komplette Rezitation des Titelsongs liefert in Piero Tellinis Film nach einem Drehbuch Ettore Scolas später - Vittorio de Sica.

Gehört heute noch Mut dazu, den eigenen Ruhm so zu verachten? Ethan und Joel Coen haben in ihrer absurden Komödie "Burn after Reading" das gesamte Ensemble zur Selbstparodie verpflichtet. Im Falle Brad Pitts, der als Angestellter eines Fitness-Studios eine CD mit den Memoiren eines Geheimagenten findet, reichte es wohl, den Friseur zu bestechen. Den Wasserstoff für die blonden Haare zu üppig verschüttet, eine volle Hand Gel dazu - und schon reiht sich der Hollywoodstar ein ins Heer jener Ewig-Zweitschönsten, die ihn sonst bewundern.

Frances McDormand als seine Fitnessstudio-Kollegin schämt sich ihrer mangelnden Attraktivität so sehr, dass sie Schönheitsoperationen plant - die sie nicht bezahlen kann. Daher stachelt sie den geschätzten Kollegen zur Erpressung an. Ihr Liebhaber, ein durch einen ungepflegten Vollbart verunstalteter George Clooney, wird unfreiwillig ebenfalls in den dilettantischen Raubzug verwickelt. Die so unterhaltsame wie nichtsnutzige Farce erinnert an einen obskuren Woody-Allen-Film der neunziger Jahre - und ist natürlich viel eleganter gemacht.

Der Berliner Autorenregisseur Christian Petzold hat mit "Jerichow" tatsächlich den elegantesten und geschmeidigsten Film seiner Karriere gedreht. Aber Eleganz und Geschmeidigkeit gehörten nie zu den Schönheiten seiner Filme. Die fanden ihren Stil eher in der Verweigerung gegenüber jenem Kamera-Ästhetizismus, aus dem das große Genrekino seine Netze webt.

Sein Lieblingsgenre aus den vierziger Jahren hat Petzold sich nun endgültig zum Komplizen gemacht. Nachdem er mit "Yella" zuletzt ein Remake des Horror- und Kunstfilmklassikers "Carnival of Souls" drehte, bediente er sich dieses Mal der Grundkonstellation von Tay Garnetts Thriller "Die Rechnung ohne den Wirt", auch bekannt als "The Postman Always Rings Twice".

Benno Fürmann spielt den in seinem Gemüt eher kindlichen Angestellten eines türkischen Imbissbuden-Unternehmers. Ein Blickkontakt reicht, um eine fatale Affäre mit dessen von Nina Hoss gespielter, attraktiver Ehefrau zu entfachen, die in einem Mordkomplott münden wird. Mehr als dieser Plot, gewiss um etliche Jahrtausende älter als Garnetts Film von 1946, interessiert Petzold der wirtschaftliche Aspekt.

Glaubt man der Bibel, so wäre eigentlich verflucht, wer das palästinensische Handelszentrum Jericho nach dessen Zerstörung durch die Israeliten noch einmal aufbaute. Doch gibt es in der ostdeutschen Prignitz ein Jerichow. Hier hat sich der Türke in Petzolds Geschichte mit harter Arbeit eine einsame Heimat erworben - nebst einer Frau, die er, wie er selbst am Ende beklagen wird, für Geld gekauft hat (sie ist als Ex-Straftäterin hoch verschuldet). "Es sind die Männer, die dieses Heimat-Building betreiben", erklärt Petzold in einem Begleittext. "Dafür brauchen sie das Geld und die Frau."

Doch der Fatalismus dieser Geschichte ist ein Zirkelschluss. Die drei Figuren sind Funktionsträger, sie existieren nur als Repräsentanten der ihnen zugewiesenen Rollen. Sie könnten gar nicht anders handeln, weil sie die literarische Erfindung auf einige wenige Eigenschaften verkürzt. Anders als die in Bezug auf die Abhängigkeitsverhältnisse einer globalisierten Wirtschaft vieldeutige Parabel, in der sie agieren, fehlt ihnen jeder Deutungs-Überschuss. Und anders als Lana Turner im "Postman" verfügt Nina Hoss nicht über den unverhofften Glamour der Frau von nebenan. Sie wirkt so reizlos in ihrer Härte, dass man nicht versteht, was ihr Tauschwert im hier gezeigten Wirtschaftssystem sein soll.

Wie "Yella" wirkt sie leblos wie ein Geist, sie ist eine Wiedergängerin, die - ebenso wie Fürmanns Figur - auf ihr wirkliches Leben wartet. In diesem Schwebezustand liegt allerdings eine suggestive Melancholie, die Petzold einmal in einer hinreißenden Inszenierung auflöst: Da erscheint Fürmann plötzlich wie ein zweiter Schatten schützend hinter seiner Geliebten. Doch obwohl Petzold virtuoser als je zuvor mit den Kinomitteln Licht und Bewegung arbeitet, fehlt ihm das nötige Tiefenspektrum einer solchen Inszenierung.

Besonders die Figur des Türken erscheint in ihrer Verkürzung auf das geschäftliche Denken, das sein Herz buchstäblich lähmt, problematisch. Nicht zuletzt weil im deutschen Kino Türken fast nie mehr sein dürfen als Repräsentanten eines wie auch immer definierten Türkentums. Hilmi Sözers einfühlsame Verkörperung macht die Figur gleichwohl noch zur lebendigsten unter den dreien.

Doch so ist es wohl mit dem film noir und seiner Anziehungskraft: Man kann seinem Reiz erliegen wie den fatalen Frauen, die er so zahlreich zu bieten hatte. Vom vorgezeichneten Weg aber hilft keine Abweichung. Am Ende gewinnt immer das Genre. Es macht seine Rechnung ohne den Wirt.

Autor:  DANIEL KOTHENSCHULTE
Datum:  29 | 8 | 2008
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