In einer der schönsten Szenen von Ang Lees neuem Film "Taking Woodstock" schlängelt sich ein Motorrad die von unzähligen Autos verstopfte Straße nach Bethel hinauf. Den Lenker hält ein Polizist, der eigentlich gekommen war, um ein paar Hippies windelweich zu prügeln, nun aber genauso überwältigt ist wie alle anderen auch.
Sein Passagier ist Elliot Teichberg, der das Woodstock-Festival auf die grünen Hügel seines verschlafenen Heimatstädtchens brachte. Gemeinsam sehen sie staunend dem Treiben der Blumenkinder zu und rollen an einem Kamerateam vorbei, das drei Nonnen erst ein Lächeln und der mutigsten unter ihnen das Friedenszeichen entlockt. In diesem Moment sind sich Lees Nostalgietrip und Michael Wadleighs berühmter Dokumentarfilm "Woodstock" ganz nah, es ist nur eine flüchtige Begegnung, und doch lebt das damalige Gefühl von Liebe, Freiheit und Gemeinschaft für zwei Stunden wieder auf.
Ähnlich wie Dennis Hoppers "Easy Rider" feierte "Woodstock" den Hippietraum und nimmt das böse Erwachen in den Zwischentönen bereits vorweg. Auch Ang Lees hinreißende Komödie schließt mit einer eher düsteren Note, ruft aber vor allem die ansteckende Aufbruchsstimmung in Erinnerung.
Taking Woodstock, Trailer. USA 2009
"Taking Woodstock" folgt der gleichnamigen Autobiographie von Elliot Teichberg (heute: Elliot Tiber), der im heruntergekommenen Motel seiner Eltern aushilft und an deren mürrischer Nörgelei beinahe verzweifelt. Um das Geschäft anzukurbeln, veranstaltet er jedes Jahr ein Festival, das mit provinziell noch freundlich umschrieben ist, und hat damit genau die amtliche Erlaubnis in der Tasche, die den gerade aus einer anderen Gemeinde vertriebenen Woodstock-Organisatoren fehlt. Kurz entschlossen greift Elliot zum Telefon und stürzt sein Heimatdorf in ein episches Durcheinander: Aus heiterem Himmel fallen eine halbe Million Besucher wie ein freundlicher Heuschreckenschwarm in Bethel ein.
Dem Festival nähert sich Ang Lee durch die Hintertür, um absichtlich niemals richtig anzukommen. Die Musik weht als ferner Sirenenklang herüber, wenn der schüchterne Elliot zu einigen Nackten ins Seebad steigt, und auf dem Weg zur Bühne lockt ihn ein berauschtes Pärchen in sein LSD-Mobil. Immer wieder lenkt Lee vom Zentrum des Geschehens ab, um dem Woodstock-Gefühl an den Rändern umso schöner auf die Spur zu kommen.
Sein Film erfüllt die uramerikanische Vorstellung, das Land könne sich jederzeit neu erfinden, mit so viel buntem Leben, dass er unweigerlich als Kommentar zu Obamania und Finanzkrise erscheint. Am Anfang geht es allen Beteiligten vor allem ums Abkassieren, bis sie den Punkt erreichen, an dem Glück und Geld getrennte Wege gehen.
Nach "Gefahr und Begierde", seinem Ausflug in die chinesische Geschichte, ist Ang Lee wieder auf das Feld der amerikanischen Mythologie zurückgekehrt und dabei seinen langjährigen Themen treu geblieben: "Taking Woodstock" handelt von der schwierigen Verständigung zwischen Jung und Alt, von unausgesprochener Liebe, einem Coming-Out und der Sehnsucht nach Harmonie.
Letzteres wird Lee immer wieder zum Vorwurf gemacht, wobei die meisten Kritiker übersehen, dass die versöhnliche Stimmung seiner Filme einer tiefen Verunsicherung abgerungen ist.
Lee verdeckt die Konflikte nicht, sondern lässt das Vertrauen über die Angst triumphieren; für einige gestohlene Momente wie in "Brokeback Mountain", für ein halbes Leben wie im utopischen Finale von "Das Hochzeitsbankett" oder jetzt für die drei Tage des Woodstock-Konzerts. Wie immer kommt diese Harmonielehre ohne spektakuläre Inszenierungsgesten aus, brilliert aber mit sorgfältiger Milieu- und Charakterzeichnung. Ang Lee gehört längst zu den besten Schauspieler-Regisseuren Hollywoods, auch in "Taking Woodstock" entwickelt sich die Geschichte spielerisch leicht aus den Figuren und ihren Darstellern.
Das ist die reinste Freude, etwa wenn Eugene Levy aus dem Ghetto seiner "American Pie"-Vaterrolle ausbricht, kann aber auch zu leiser Wehmut führen: So talentiert der junge Hauptdarsteller Demetri Martin ist, wer weiß, wann man ihn wieder so überzeugend auf der Leinwand sehen wird?
Obwohl dem Publikum sämtliche Festivalhöhepunkte vorenthalten werden, fehlt einem beinahe nichts. "Taking Woodstock" bezaubert durch seinen Reichtum an Charakteren, durch die Lebensfreude, die er nicht nur darstellt, sondern in beinahe jeder Einstellung transportiert. Und nicht zuletzt erzählt der Film in seiner Hauptfigur davon, dass, auch wenn die gesellschaftliche Revolution nicht stattfand, sie doch das Leben jedes einzelnen veränderte.
Taking Woodstock, Regie: Ang Lee, USA 2009, 120 Minuten