Der Ästhetizismus ist immer ein schmaler Grat. Künstlerische Überhöhung kann im Kino Schönes und Schreckliches bewirken, großartigste Augenblicke aber auch völlige Entfremdung. Ausgerechnet Theo Angelopoulos, dessen frühe Filme wie "Der Bienenzüchter" oder "Landschaft im Nebel" wie nur wenige andere für die Poesie des Kinos stehen, scheint in den letzten Jahren jene Balance verloren zu haben, die erst diesen wunderbaren Drahtseilakt ermöglicht.
Es beginnt mit einer wirklich glorreichen, typischen Angelopoulos-Sequenz einer Menschenmasse, die Stalins Tod betrauert. Gefilmt durch die verschmierten Scheiben eines Busses erreichen die Bilder die Anmutung eines sowjetischen Propaganda-Gemäldes: Es gibt von Lenins Tod ganz ähnliche Bilder in einem postimpressionistischen Stil, die durch ihren ästhetischen Überschuss irritieren. Eine weitere atemberaubende Szene inszeniert den Leidensweg von Gulag-Häftlingen auf einer merkwürdig verschachtelten Holztreppe.
The Dust of Time, Regie: Theo Angelopoulos, Griechenland/Italien/ Deutschland/Frankreich/Russland 2008, 124 Minuten.
Doch bereits in der Art, wie sich hier mit klassischer Sinfonik ein äußeres Pathos über die Bildwirkung legt, kündigt sich an, was in den folgenden zwei Kinostunden zu einer mittleren Zerreißprobe wird: Je härter den Bildern eine Gefühlswirkung abgetrotzt werden soll, desto weniger will man dabei empfinden.
"The Dust of Time", Trailer. G/I/F/D/R 2009
Willem Dafoe spielt "A", einen Filmregisseur, der die verhinderte Liebesgeschichte seiner Eltern erzählt, die nach seiner Zeugung in sowjetischer Haft getrennt wurden und sich erst nach Jahrzehnten im New Yorker Exil wieder finden. Als schwermütige Tochter, die wie ihre Großmutter Eleni heißt, scheint deren Schicksal in einer inneren Zerrissenheit zu wiederholen. In einer der aufwändigsten Szenen des Films sucht ihr Vater vergeblich in einer Masse von Kinobesuchern.
Dass bei den Dreharbeiten der Kölner Cinedom mit seinem unverwechselbaren Innendekor für ein Berliner Kino herhalten muss, wird vermutlich nur einer Minderheit auffallen. Dennoch ist die dort gedrehte Kamerafahrt mit etwa 50 Statisten, von denen wenigstens einige in die Kamera sehen und die im übrigen sehr bemüht wirken, das nicht zu tun, der eindeutige Tiefpunkt des Films. Gerade im Kontext künstlerischer Überhöhung können unerwünschte Wirklichkeitseinbrüche fatal sein: Die wichtige USA-Szene des Wiedersehens ist überhaupt nur an zwei Cadillacs als solche kenntlich, ansonsten sprechen Partygäste mit deutschem Akzent.
Den ganzen Film hindurch gelingt es Angelopoulos nicht, die Schauspieler zu einem einheitlichen Spiel zu bewegen. Willem Dafoe spricht betont beiläufig in der Tradition des method-acting-Tradition, während seine Partnerin Christiane Paul überagiert. Die Dialoge der Kinder sind hölzern, während die der Erwachsenen halbwegs glaubhaft klingen. Überhaupt verdienten depressive Teenager wie die junge Eleni eine vertiefende Darstellung. Aber schon in den vorausgegangenen Spätwerken des Regisseurs war Schwermut ja eine Art Naturgewalt. Doch gerade das Kino, diese so emotionale Kunstform, erträgt es kaum, wenn Gefühlsäußerungen pathetische Gebärden bleiben. Der einzige Kontext, der diesen Bildern überhaupt einen Sinn gibt, ist ein trauriger: Es ist die Erinnerung an die früheren Filme des griechischen Meisters, die das Weltkino so nachhaltig prägten.